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Als wär´s ein Stück von mir

Sarah Chang

Schostakowitsch und Prokofjew waren für die junge Geigerin ganz neue Entdeckungen. Kein Geringerer als Simon Rattle hat sie dazu inspiriert. Über ihren ganz eigenen Zugang zu den ersten Violinkonzerten der beiden Russen sprach sie mit RONDO-Autorin Margarete Zander.

RONDO: Es gibt viele Stücke, die spielen Sie schon über Jahre, aber das Violinkonzert von Schostakowitsch ist relativ neu in Ihrem Repertoire.

Sarah Chang: Ich habe Schostakowitsch relativ spät kennen gelernt. Nach dem Tod meines Lehrers. Da habe ich schon mit Rattle zusammengearbeitet. Es ist wirklich erstaunlich, was für inspirierende Ideen er hat. Ich mag, wie entdeckungsfreudig sein Zugang zur Musik ist. Er möchte immer etwas Neues ausprobieren und jeder Aufführung ein anderes Gefühl geben. Deshalb war ich so froh, dass wir den Schostakowitsch nicht nur im Konzert gespielt, sondern auch eine Live-Aufnahme davon gemacht haben. Es war zauberhaft.

RONDO: Wollte Ihr Lehrer nicht, dass Sie Schostakowitsch spielen?

Chang: Es gibt einige Stücke, die haben so eine große Geschichte, dass man damit nicht auf die Bühne gehen möchte. Ich war 18 oder 19, als ich mein erstes Brahmskonzert auf der Bühne gab, und ich war 21, als ich das erste Mal Beethoven öffentlich spielte.

RONDO: Sie sagten, Simon Rattle hat Sie sehr inspiriert, aber welches Gefühl wollten Sie auf jeden Fall zum Ausdruck bringen?

Chang: Schostakowitschs erstes Konzert ist ein sehr emotionales, dramatisches und kraftvolles Stück. Erst einmal ist es ziemlich lang, und allein, es auf der Bühne zu spielen, kostet viel Kraft. Emotional ist das eine große Achterbahn. Mit viel Schmerz, Angst, Kälte und einer Menge Frustration. Schostakowitsch war ein sehr depressiver Mann, er hat unter den verrücktesten Umständen komponiert. Man sah ihm ständig über die Schulter. Das war eine Bedrohung. Und genau das muss man in die Musik hineinbringen. Leute kamen nach dem Konzert zu mir und sagten, es habe ihnen beinahe den Atem verschlagen, weil sie so in das hineingezogen wurden, was auf der Bühne passierte, und das ist das Gefühl, das ich erreichen möchte. Bei so einem Stück möchte man nicht, dass die Leute nach Hause gehen und sagen: „Oh, was für ein schöner Abend.“

RONDO: Sind Sie außer Atem nach dem Konzert?

Chang: Absolut. Erst einmal technisch, es läuft die Skalen rauf und runter, da ist alles drin, und dabei gibt es keine einzige Note, die keine Bedeutung hat. Das Stück nimmt dich mit auf eine wilde Reise und am Ende braucht man ein paar Gläser Wasser.

RONDO: Das Konzert von Prokofjew steht in einem gewissen Gegensatz zu dem von Schostakowitsch.

Chang: Prokofjew ist leichter, femininer, lyrischer. Ich liebe das Konzert, weil es sehr poetisch ist. Und das ist die Schwierigkeit. Man muss jeden Satz interessant gestalten. Mit viel Geduld. Es ist ein sehr schönes, fließendes Konzert. Und so ergänzen sich die beiden sehr schön.

RONDO: Wie ist Ihr Verhältnis zur Geige?

Chang: Sie ist ein großer Teil meines Lebens, denn sie ist meine Stimme auf der Bühne. Sie ist meine Art, mich auszudrücken. Sie ist ein Teil von mir. Gleichzeitig ist sie wie ein Freund. Sie kann sehr emotional sein, sehr temperamentvoll. Es ist eine Guarneri del Gesù und sie ist so sensibel, dass ich Ihnen im Voraus sagen kann, ob es an dem Tag regnen wird. Ich bewundere sie.

Neu erschienen:

Schostakowitsch, Prokofjew

Violinkonzerte

Sarah Chang, Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

EMI

Margarete Zander, RONDO Ausgabe 1 / 2006



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