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Lang Lang

Der Melodien-Bringer

So viel Pop-Leichtigkeit war selten im Klassik-Business. Der chinesische Pianisten-Schlacks Lang Lang verfügt über die exzentrischste Bühnenperformance seit Glenn Gould und hat mehr schwarzes Wuschelhaar auf dem Kopf als die Jungs von „Tokio Hotel“. In bunten Shirts stürmt er auf die Bühne und will sein jubelndes Publikum buchstäblich umarmen.

Bei Lang Lang treffen sich die Vorlieben von Teenies und Trauermarsch- Adepten. Doch gerade deshalb wird er von vielen Klavierkennern eher skeptisch beäugt. Muss so viel äußerlicher Bühnen- Hype wirklich sein? Würde Lang Lang nicht über den wohl goldensten Klavierton seit Arthur Rubinstein verfügen und es seit seinem Carnegie-Hall-Debüt vor zwei Jahren zum einsamen Klavier-Superstar der Klassik gebracht haben, man würde nach Gründen suchen, ihn abzutun.
Jetzt will sich Lang Lang selbst ändern. „Ab sofort wird Bach und Beethoven geübt!“, sagt er beim Gespräch in Frankfurt. „Ich glaube, es ist höchste Zeit für mich.“ Schluss also mit den bunten Konzertprogrammen und Virtuosenstücken, die er von seinem Vorbild Vladimir Horowitz übernahm. Auch sein explosiver Auftrittsstil wirkt gemessener, seit er von Daniel Barenboim und Christoph Eschenbach gecoacht wird. Lang Lang will das große, deutsche Repertoire bis zur Romantik spielen. Nicht gerade sämt liche Beethoven-Sonaten. „Ich mag nicht einmal alle“, gibt er zu, „sondern hauptsächlich die zehnte Sonate und die ‚Appassionata‘.“ Viel Mozart spielt er jetzt schon, auch Chopins Etüden reizen ihn. Abschied von der eigenen Kindheit verheißt auch sein neues Album „Memory“. Hier präsentiert Lang Lang letztmalig einen bunten CD-Teller mit Stücken, die sein bishe riges Pianistenleben prägten. „Schumanns ‚Kinderszenen‘ lernte ich durch Horowitz’ Moskauer Recital von 1986 kennen, das überhaupt sehr wichtig für mich war“, sagt er. „Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2 war Musik zur Zeichentrickserie ‚Tom und Jerry‘, die ich als Kind in China toll fand. Und die Mozart- Sonate KV 330 war eines der Lieblingsstücke von Horowitz, der ein bisschen Pate gestanden hat für dieses Album.“
Auf den Turbostart folgt also demnächst ein langer, langsamer Satz seiner Karriere. Auf fast 20 Jahre Bühnenpraxis blickt der Mittzwanziger schon zurück. Der bekennende Konzertjunkie begann mit drei Jahren Klavier zu spielen. Im Alter von fünf debütierte er, 1995 gewann er den japanischen Tschaikowsky-Wettbewerb. Durch ein Einspringen für André Watts (beim Ravinia Festival 1999) landete er im Klassik- Wanderzirkus der westlichen Welt. Gemeinsam mit seinem chinesischen Kollegen Yundi Li verkörpert er einen neuen Siegeszug des Klaviers in China. Und wird dort seit seinem Debüt mit den Berliner Philharmonikern im Jahre 2004 fast als Nationalheld umschwärmt. Lang Lang ist mittlerweile der wohl reiselustigste Pianist der Welt. Er spielt heute in Peking, morgen in Hamburg und gibt zwischendurch Interviews an seinem Wohnort in Philadelphia. Selbstkritischer ist er dabei geworden – und kommt so einer Krise vielleicht zuvor. Fast alle Kinderstars hatten sie – von Rubinstein über Martha Argerich bis zu den großen Untergehern, die nach spektakulären Anfängen ganz in der tragischen Versenkung verschwanden (wie Michael Rabin oder Dimitri Sgouros).

„Mir liegt daran, auf den Tasten die Wirkung einer Oper und eines Sinfonieorchesters zu erzielen.“

Schon als Jugendlicher, bei seinem Wechsel nach Peking, sei er in ein tiefes Loch gefallen, so Lang Lang. Von der Klavierschule wurde er wegen Talentlosigkeit entlassen. „Die strenge Klavierlehrerin, die mich nicht mochte, war später als Jurymitglied an der Vergabe mehrerer Klavierpreise an mich beteiligt.“ Um dem Kind eine Zukunft zu ermöglichen, verließen die Eltern das heimatliche Shenyang in Richtung Hauptstadt. Der Vater gab seinen Job auf. „Wegen des merkwürdigen Akzents, den wir sprachen, machten sich die Leute in Peking über uns lustig, auch das Klavier war in Peking nicht sehr beliebt. In Shenyang war ich immer ein kleiner Star gewesen, jetzt war es ein kompletter Neuanfang für mich. Eine furchtbare Zeit.“ Aus dieser Krisenstimmung hat sich Lang Lang durch chinesischen Fleiß und die sportliche Fähigkeit zum Umdenken befreit. „Faulenzen kann ich nicht. Wer sich anstrengt, kann alles erreichen. Ich würde mich niemals über etwas an meinem Beruf beklagen. Im Gegenteil: Mein Fleiß wird zusätzlich dadurch angestachelt, dass ich mich langweile, wenn ich nichts Neues lerne.“
Mit Michael Tippetts Klavierkonzert gehört neuerdings ein neutönerisches Werk zu seinem Repertoire – und das, obwohl sich Lang Lang mit Modernem schwer tut. „Kürzlich habe ich einige Solostücke von Schönberg aufs Programm gesetzt – und habe dabei versagt.“ Als Chinese denke er sehr melodisch, meint er. „Ich möchte das Klavier zum Singen bringen. Mir liegt daran, auf den Tasten die Wirkung einer Oper und eines Sinfonieorchesters zu erzielen.“ Schließlich könne man ein Klavier nicht in der Hand halten, es nicht umarmen – sondern immer nur Tasten anschlagen. „Genau diesem Eindruck des Mechanischen will ich entgegenwirken.“
Mit dem Prinzip eines Melodienbringers ist Lang Lang zu einem der besten Aushängeschilder seines Landes geworden – und zur bekanntesten Brücke zwischen West und Fernost. „In China denkt man nicht mehr so traditionell wie früher“, klärt er uns über den Fortschritt der Chinesen auf. „Es gab für uns immer Vergangenheit im Überfluss. Denn die große Zeit Chinas, die vor 2000 bis 3000 Jahren war, ist unglaublich in dem, was dort alles erreicht wurde. Wir kennen kein Gefühl des Besserwissens gegenüber der Vergangenheit. Aber wir kleben auch nicht an ihr.“
So besinnt sich Lang Lang auf seiner neuen CD auf seine eigene Vergangenheit zurück, um über sie hinauszukommen. Von einem der erfolgreichsten und talentiertesten Pianisten der Welt könnte er sich so rasch auch zu einem der besten mausern – und dabei neues Publikum für die Klassik gewinnen. Schon heute gehört er zu den wenigen, deren Konzerte man nie verpassen sollte. Von seinem großen Vorbild jedoch, Vladimir Horowitz, scheint er mehr und mehr umzuschwenken zu einem anderen: Lang Lang klingt heute mehr denn je wie ein neuer Arthur Rubinstein.

Neu erschienen:

Mozart, Chopin, Schumann, Liszt

Memory

Lang Lang

DG/Universal


Musiker aus Fernost: Jenseits von Mao und Microsoft

Die Japaner waren die Ersten, dann erwischte es die Koreaner, und jetzt sind die Chinesen dran: Während in Europa ein Orchester nach dem anderen dicht gemacht wird, scheint die Klassik in Fernost gerade erst richtig angekommen zu sein. Was erstaunt, denn weder mit der Tradition noch mit der Lebenswelt des modernen Asien haben Bach und Beethoven auf den ersten Blick viel zu tun. Und doch liegt vielleicht gerade darin das Geheimnis ihrer Anziehungskraft: Klassik ist in Fernost eine frische Musik. Vor einem Vierteljahrhundert noch verboten, stillt sie jetzt das Bedürfnis einer jungen, westlich orientierten akademischen Elite nach Werten jenseits von Mao und Konfuzius, aber auch jenseits von BMW und Microsoft. Und: Anders als in der Literatur mit ihren Sprachbarrieren teilen sich diese Werte emotional unmittelbar mit. Zugleich aber entspricht die Lehrmethode der klassischen Musik dem Nacheifern des verehrten Meisters, der tief verwurzelten asiatischen Auffassung des Lernens. Anders als die radikal individualisierte bildende Kunst verspricht klassische Musik Erfolg vor allem durch Fleiß – zählt Perfektion meist mehr als Inspiration. Aber das ist leider auch in Europa oft nicht viel anders.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2006



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