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Musikstadt

Wien: Manege frei!

In kaum einer anderen Stadt wird übers (Musik-)Theater mehr gestritten, nimmt man öffentlich größeren Anteil am musikalischen Leben als in Wien. Warum? Weil man nirgends sonst auf der Welt die Musik so sehr liebt und ernst nimmt wie hier. Von den jüngsten Querelen, von Liebesfreud’ und Liebesleid des Wiener Musikzirkus ein Insiderbericht von Oliver Lang.

In der vergangenen Saison hat in Wien wieder eines der beliebtesten öffentlichen Gesellschaftsspiele begonnen: Eine Stadt sucht einen Theaterdirektor. Diesmal ist die Volksoper an der Reihe, das zweite Wiener Opernhaus, das über 1.400 Plätze und ein Gesamtbudget von mehr als 40 Mio. Euro verfügt. In der Vergangenheit wurde der Volksoper nicht gut mitgespielt, Klaus Bachler verließ 1999 vor seinem geplanten Vertragsende das Schiff und wurde Wiener Burgtheaterdirektor. Sein Nachfolger, der glücklose Dominique Mentha musste 2003 vorzeitig den Posten niederlegen. Und der aktuelle Direktor Rudolf Berger, der ein kurzes Zwischenhoch in Sachen Auslastung bescherte, steigt mit Saisonende 2006/07 ebenfalls verfrüht aus, weil er das Haus für unterdotiert hält. Während all dieser Rochaden sanken die Auslastungszahlen des Hauses auf derzeit knapp über 75%. Redet man anderswo in einem solchen Falle vielleicht von einer beginnenden Krise – in Wien beschwört man bereits das Ende herbei. Schon ist das Wort Schließung gefallen, schon werden Grundsatzdiskussionen laut.
Der Hintergrund: Wiener Staatsoper, Volksoper und Burgtheater wurden 1999 aus dem Staatsbetrieb „ausgegliedert“ und zu einer Bundestheater- Holding zusammengeschlossen, die jedoch nach wie vor zu 100% von der Republik Österreich (und nicht etwa der Stadt Wien) finanziert wird. Insgesamt 133,6 Mio. Euro fließen pro Jahr in diese Theater, dazu kommen rund 56 Mio. Euro an eigenen Einnahmen. Das Problem: Die Zuschüsse sind seit Jahren eingefroren, eine Erhöhung ist trotz Engpässe nicht in Sicht. Also mussten wie überall massive Rationalisierungsprogramme gefahren werden, Einsparungs- und Optimierungspotentiale wurden bis zum Überdruss ausgeschöpft. Nun, am Ende aller Bemühungen, ist das Eis, auf dem gespielt wird, denkbar dünn. Zwar schrieb der Bundestheaterkonzern 2004/05 noch 3 Mio. Euro Jahresgewinn, doch kamen diese zum Großteil aus der Kassa der auch wirtschaftlich erfolgreichen Staatsoper; Volksoper und Burgtheater hingegen sind bereits seit Längerem am Ende ihrer finanziellen Kräfte. In zwei Jahren, so erklärt Konzernchef Georg Springer, werden auch die letzten Reserven des Konzerns aufgebraucht sein.
Die Volksopern-Basics: 300.000 Besucher zählte man in der vergangenen Spielzeit, per Gesetz ist ein nur schwer zu schaffender Spielplanspagat zwischen Operette, klassischem Musical, Oper und Ballett vorgesehen. Das eher traditionell ausgerichtete Publikum kann sich mit modischen Inszenierungen nur schwer anfreunden, ebenso fielen Werke des 20. Jahrhunderts wie etwa „Irrelohe“, „König Kandaules“ oder „Die Vögel“ in puncto Publikumszuspruch durch. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn zumindest die Operette Zustimmung fände und man sich dadurch diese wichtigen Ausflüge finanziell leisten könnte. Doch gerade im Operettengenre, dem Lebensnerv der Volksoper, sind in den letzten Jahren nur wenige echte Erfolge gelungen. Und das an dem Haus, das international zu allererst für die Pflege der Wiener Operette zuständig sein sollte!

Drei große Opernhäuser

Was geistert nun alles an Gerüchten durch Wien? Berufung eines Mörbischer Operettenshow-Profis namens Harald Serafin oder eines Kammersängers namens Heinz Zednik, einer Direktorin Brigitte Fassbaender oder eines Festivalleiters Gustav Kuhn, auch Bernd Loebe wurde zuletzt häufiger in Wien gesehen. Nur ganz besonders Mutige träumen von Franz Welser-Möst als Leiter. Doch haben die meisten bereits abgewinkt, echte und ernstzunehmende Vorschläge sind Mangelware. Kein leichter Job für den Kunst-Staatssekretär Franz Morak – vor allem, da es sich um eine mehr als bedeutende Entscheidung handelt. Denn noch einen Kurzzeitdirektor verträgt die Volksoper mit Sicherheit nicht! Das Haus hat es freilich schwer: Die große Schwester Staatsoper bringt jedes Jahr sensationelle Auslastungszahlen jenseits der 95 % aufs Parkett, ihr Langzeit-Direktor Ioan Holender vermag nicht nur einen ausgewogenen Spielplan zwischen konservativen und neuen Inszenierungen zu servieren, sondern schießt regelmäßig mit Neuerungen den Vogel ab. Das vor einigen Jahren errichtete Kinderopernzelt auf dem Dach des ehrwürdigen Hauses zählt zu den wichtigsten österreichischen Einrichtungen der Jugendförderung, ebenso eine „Zauberflöte für Kinder“, an der am Tag nach dem Opernball 7.000 (!) Kinder aus ganz Österreich teilhaben dürfen. Dazu regelmäßig Entdeckungen junger Sänger, die Wiener Philharmoniker im Orchestergraben ... Und zum 50-jährigen Jubiläum der Wiedereröffnung der Staatsoper gründete Holender auch noch ein Museum, das dank Hightech-Equipment und eines stringenten Konzepts des Chefdramaturgen Peter Blaha überzeugt. So sind alle Vorstellungen seit 1955 in kompletter Besetzung und mit Bühnenbildmodellen an Terminals abzurufen, dazu gibt’s natürlich viel Persönliches und Historisches. Genau so – bestätigte die sonst nicht so zahme Wiener Presse – muss ein Museum des 21. Jahrhunderts aussehen! Auch jenen Kritikern, die Holender einen zu konservativen Spielplan vorwerfen, ist allmählich der Text ausgegangen: Peter Konwitschny, Barrie Kosky, Willy Decker, Christine Mielitz stehen als Regisseure längst und nachhaltig auf der Staatsopernliste.
Wen wundert’s da, dass manche anregen, das Sorgenkind Volksoper auch der Direktion Holenders (wie schon einmal) zu unterstellen? Aber auch dieser winkte bereits ab. Gleichzeitig werden internationale, prominente Unterstützungserklärungen für eine eigenständige Volksoper gesammelt.
Solche Kämpfe hat das neue, dritte Wiener Opernhaus, das nicht von der Republik, sondern der Stadt finanziert wird, bereits hinter sich gebracht. Im Jänner 2006 wurde das Theater an der Wien – in den letzten Jahrzehnten dem leichten Kommerzmusical zugeneigt – wieder zum klassischen Opernhaus umfunktioniert. Mit einem Stagionesystem will nun der ehrgeizige Neointendant Roland Geyer monatlich eine Opernpremiere herausbringen und so den Schwierigkeiten eines Repertoirebetriebs (das in diesem Theater schon aus logistischen Gründen kaum möglich wäre) ausweichen. Dabei hat er kein fixes Orchester engagiert, sondern lässt abwechselnd die Wiener Symphoniker, das Radio Symphonieorchester Wien und neue Musiktruppen wie das Klangforum aufspielen: Das führt zwar zu keiner klanglichen Identitätsfindung, ist jedoch deutlich günstiger. Und in puncto Programm setzt Geyer auf die nette Alliteration: Monteverdi, Mozart, Moderne. Kritik trifft dabei nur die wenigen Vorstellungen des Theaters pro Saison: „74 Öffnungstage pro Jahr – das ist eine Geschichte, die nicht sehr überdacht worden ist. Freunde der klassischen Musik freuen sich, dass dieses Mozarttheater nicht mehr zweckentfremdet wird, doch wo bleibt das Konzept bei dieser Fall-zu-Fall-Bespielung?“, fragt etwa Franz Ferdinand Wolf, der Kultursprecher der oppositionellen Wiener Volkspartei. „74 aus 365: Das kann nicht der richtige Weg sein!“ Stolz ist der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, der das jahrelang in Schwebe befindliche Projekt realisierte, dennoch: „In Zeiten, in denen anderswo über Schließungen oder Zusammenlegungen von Bühnen gesprochen wird, in Zeiten, in denen anderswo Kulturbudgets gekürzt werden, unternimmt es die Stadt Wien, in eine ihrer ganz großen Stärken, nämlich die Musik, zu investieren. Hier gibt es ein Musiktheater, das Neues wagt: Neue Produktionsformen, neue Künstler, neue Zugänge für das Publikum: ein Musiktheater offener Grenzen.“ Wie immer das Konzept der Bespielung aufund ausgeht: Die Öffnung des Theaters für eine Opernbespielung war ein sehr lange vorbereiteter, mutiger und richtiger Schritt. Gelingt es nun auch noch, ein ausbalanciertes Konzept für die nunmehr drei großen Opernhäuser Wiens zu finden, darf sich die Stadt in dieser Hinsicht tatsächlich einen Orden an die Brust heften!

Die Wiener Kammeroper und die Wiener Traditionsorchester

Zuletzt das vierte und kleinste Opernhaus Wiens: die Wiener Kammeroper. An nobler Adresse im ersten Wiener Gemeindebezirk gelegen, feierte auch sie erst kürzlich ihr 50-jähriges Bestehen. Diente das kleine Haus unter seinem Begründer Hans Gabor in erster Linie als Heimstätte des Nachwuchses und der Ausgrabungen, so verliert das Opernhäuschen leider mehr und mehr sein Profil. Neuerdings stehen auch „Kammermusicals“ auf dem Programm, an Entdeckungen und neuen Kräften hat sich allerdings schon länger nichts mehr getan. Mailath- Pokorny bestätigt bei allem Bekenntnis zum Haus, „dass die Kammeroper innerhalb der neuen Wiener Opernlandschaft ihr Profil künftig noch stärker akzentuieren muss, um gegenüber den großen Häusern, vor allem dem Theater an der Wien, eine nachvollziehbare Positionierung für das Publikum einzunehmen.“ Und Oppositionspolitiker Wolf fordert in diesem Zusammenhang „ein kulturpolitisches Konzept, das alle Aktivitäten koordiniert“.
Im Vergleich ruhig geht es bei den großen Wiener Traditionsorchestern zu – die Wiener Philharmoniker spielen in Wien praktisch außer Konkurrenz, die Wiener Symphoniker setzen hoffnungsvoll auf ihren neuen Chefdirigenten Fabio Luisi und reden nicht gerne über finanzielle Altlasten, das RSO Wien hat mit Chefdirigent Bertrand de Billy seine Krise bewältigt. Ebenso ausgeglichen das Festival Wiener Festwochen, das sich in seinem Mehrspartenbetrieb immer wieder mit großen Musiktheaterproduktionen präsentieren kann und mit dem Musikchef Stéphane Lissner seinen Teil sowohl zum zeitgenössischen als auch „traditionellen“ Musikprogramm Wiens beiträgt. So entsteht heuer gemeinsam mit Peter Sellars ein eigenes kleines Mozartfestival, das bereits Gesprächsstoff bietet. Wie immer es auch wird – es wird für Furore sorgen!
Ein letzter Markstein in der neueren Wiener Musikgeschichte ist zu erwähnen. Der Musikverein eröffnete vor etwa zwei Jahren gleich vier neue Säle im Keller des Traditionsgebäudes, die nicht nur Probenmöglichkeiten bieten, sondern auch Veranstaltungen unterschiedlichster Art zulassen. Thomas Angyan, seit Jahren notorisch erfolgreicher Intendant des Hauses, berichtet über ein tägliches Hinzulernen und erste Erfahrungen: „Wir merken, dass vor allem das gesprochene Wort, Kinder- und Jugend ver anstaltungen, aber auch Filmprojekte gefragt sind. Auch die zeitgenössische Musik hat hier ihren Platz gefunden.“ Highlights, wie etwa Thomas Quasthoff als Jazzsänger, hat man jedenfalls bereits ebenso erlebt, wie Meisterklassen mit Größen wie Christa Ludwig. Von der kürzlich bestellten Verantwortlichen der Neuen Säle, Andrea Wolowiec, die vom Bayerischen Rundfunkorchester abgeworben werden konnte, erwarten sich Insider jedenfalls Spannendes. Selbst wenn die finanzielle Zukunft aufgrund einer sparsamen öffentlichen Hand mittel- und langfristig eher wage ist.
Im Überblick präsentiert sich Wien also immer noch und trotz aller verfrühten Kassandrarufe als Musikinsel der Seligen. Krisen? Endzeitstimmung? Das gehört vor allem in Wien natürlich dazu, wie die Freude am obligatorischen Spruch, dass früher alles besser gewesen sei. Doch sowohl finanziell als auch strukturell als auch programmatisch fährt man großteils gut, sogar im klassischen Konzertsektor wächst das Publikum. Christoph Lieben-Seutter, der trotz junger Jahre das Konzerthaus schon seit Längerem gedeihlich leitet, berichtet über laufend steigende Abozahlen. „In meinen ersten fünf Jahren dachte ich bei jeder Steigerung: Das muss irgendwann aber aufhören. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Es ist eben so, dass das Abonnement in Wien zum Leben gehört!“ Kulturmüdigkeit also? Die haben die Wiener aufgeschoben. Schon, um beim nächsten „Wien sucht einen Theaterdirektor“-Spiel wieder mitmachen zu dürfen ...


Die Wiener „Taschenoper“

Eine der jüngsten und ungewöhnlichsten Wiener Musikinstitutionen ist die Taschenoper. Sie verfügt über kein eigenes Haus, sondern verwirklicht ihre Ideen ungebunden im jeweilig passenden Umfeld. Sie sucht im Gestrüpp des unterfinanzierten Überangebots nach flottierenden Künstlern und neugierigem Publikum. In ihrem kurzen Leben entwickelte sie bereits ein scharfes Profil. Wolfgang Mitterer ist Composer in Residence – sein Musiktheater „Massacre“, in Koproduktion mit den Wiener Festwochen, überschrieb die Zeitschrift FALTER mit „Die Lust am Lärm“ und titulierte es als „spannendsten Beitrag zum Musiktheaterprogramm der Wiener Festwochen“. Lustvoll werden die offenen Räume zwischen Tanz, menschlicher Stimme, Live-Elektronik, Licht und Video vermessen, ohne ausgewogenen Spielplan, ohne institutionellen Sand im Getriebe, ohne raunzende Abonnenten. Pläne: Glucks Orpheus trifft auf Jennifer Lacey, eine der „zeitgenössischsten“ Choreografinnen, im Zeremoniensaal von Schloss Schönbrunn, Kompositionsaufträge sind vergeben für Kinderopern, und – Wien bleibt Wien! – in Vorbereitung ist die Entstaubung des „Dreimäderlhauses“ – ein Projekt, auf das man bei der Taschenoper gespannt sein darf.


Rondo Autor, RONDO Ausgabe 2 / 2006



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