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Helmut Müller-Brühl

73 und ein bisschen weise

Im lichtdurchfluteten Wintergarten eines Bad Wörishofer Hotels sprach Michael Wersin mit einem prominenten Kurgast – Helmut Müller-Brühl. Der Chef des Kölner Kammerorchesters bekennt sich – sehr viel länger als der Brite Roger Norrington – zu einem aufführungspraktischen Sonderweg.

Muss historische Aufführungspraxis auf historischen Instrumenten praktiziert werden? Nein, meint Helmut Müller-Brühl und präzisiert: „Wir spielen ja auch zum Teil alte Instrumente, Stradivaris und so“ – aber eben nicht in den historischen Zustand zurück gebaute. Sein „Nein“ fußt auf umfassenden Erfahrungen: 1968, als er schon das Kölner Kammerorchester leitete, gründete er mit Eduard Melkus die „Capella Academica Wien“ und begeisterte sich hier für barocke und frühklassische Musik im damals atemberaubend neuen und doch so alten Klanggewand. „Mich hat das interessiert“, erzählt der äußerst agile, im Habitus fast alterslose 73-Jährige, „weil ich vom klassischen Kammerorchester à la Münchinger her kam, wo man mit einer kleinen Besetzung nach einem sinfonischen Klang strebte. Ich wollte aber immer einen leichteren, durchsichtigeren Klang“.
Zunächst jedoch brachte er die Musiker seines Kölner Kammerorchesters nach und nach dazu, alte Instrumente zu spielen. Als „Capella Clementina“ sprang man 1976 auf den anrollenden Alte-Musik-Zug auf, präsentierte sich mit Erfolg landauf, landab in zahllosen Konzerten und produzierte eine Menge Schallplatten. Aber schon in den 80er Jahren hatte Müller- Brühl den Eindruck, man musiziere sich mehr und mehr ins Abseits: „Ich konnte ja mit keinem internationalen Solisten mehr auftreten, kein Schneiderhan, kein Stern, kein Szeryng, die spielten ja alle keine barocken Instrumente. Auch die vielen jungen Talente konnte ich nicht einsetzen – mit dem jungen Vengerov, der für historische Instrumente ganz aufgeschlossen war, habe ich noch experimentiert, aber das war ja nicht durchführbar.“
Ein weiteres Problem: Die großen Säle, in denen man sich akustisch zu verlieren drohte. 1986 wurde die Köl - ner Philharmonie eröffnet, und 1988 startete Müller- Brühl mit seinem Ensemble dort eine eigene Konzertreihe. Damit war die Rückkehr zum modernen Instrumentarium – streng im Geiste der historisierenden Aufführungspraxis, wohlgemerkt – besiegelt.
Eine radikale, damals, im Zeitalter des raschen Erblühens des Originalklangs, sicher überraschende Entscheidung, die auch im RONDO-Gespräch Skepsis und genaueres Nachfragen provoziert. Musizieren heute einschlägige Ensembles mit alten Instrumenten nicht auch in den Philharmonien? „Das ist dann keine historische Aufführungspraxis, die spielen eben mit großen Besetzungen“, urteilt Müller-Brühl. Und was die Solisten angeht: Gibt es da nicht inzwischen doch zahlreiche historisierend Musizierende von Rang? Einige Namen fallen, Müller-Brühl winkt müde ab: „Also wissen Sie, ich bin noch mit Schneiderhan, Fournier und Kempff auf - getreten“, begehrt er schließlich leicht ungeduldig auf und lässt den Einwand, deren ganz andere interpretatorische Ästhetik wecke vielleicht bis heute andere Erwartungen, nicht gelten: Er vermisst, ganz unabhängig von der Stilistik, den persönlichen Zugriff der Künstler auf die Musik, die individuelle Handschrift; wenn’s nur technisch ganz gut läuft – wenn überhaupt –, dann reicht das eben nicht.
Müller-Brühl und sein Orchester sind heute so populär wie noch nie. „Neulich“, so erzählt er nicht ohne Stolz, „hatte ich in der Kölner Philharmonie ein Künstlerzimmer direkt neben dem von Claudio Abbado. Plötzlich klopfte es, der Maestro kam zu mir herein und sagte, er wolle einmal den Mann sehen, dessen CDs er auf der ganzen Welt finde.“ Verkaufszahlen wurden ausgetauscht, der Italiener staunte. Alles eine Frage der Labelphilosophie, meint Müller-Brühl und macht – bei aller schöpferischen Unruhe und Umtriebigkeit, die permanent aus seinen Augen blitzt – einen zufriedenen, einen sehr zufriedenen Eindruck. Mittlerweile gönnt er sich eine Reduktion seiner Konzertreisetätigkeit und bekundet, sich als Ehemann, Vater und Großvater demnächst mehr dem Privaten widmen zu wollen. Seit nunmehr fast sechzig Jahren künstlerisch auf hohem Niveau tätig, ist Müller-Brühl, der ursprünglich Theologie studiert hat und schon einmal Benediktinermönch war, ein Stück lebendige Interpretationsgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Neu erschienen:

Bach

Matthäuspassion

Nico van der Meel, Raimund Nolte, Locky Chung, Claudia Couwenbergh, Hanno Müller-Brachmann, Dresdner Kammerchor, Kölner Kammerorchester, Helmut Müller-Brühl

Naxos

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 2 / 2006



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