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Alfred Cortot

Lehrstunden fürs Leben

Er war Enkelschüler von Frédéric Chopin und keiner brachte wie er das Klavier zum Singen. Nun liegen zum ersten Mal Aufnahmen des Pädagogen Cortot vor – entdeckt von keinem Geringeren als dem Pianisten Murray Perahia.

Noch heute schrillen bei seinem Namen die Alarmglocken. Denn wenn es einen „Falschspieler“ unter den ganz großen Pianisten des 20. Jahrhunderts gibt, dann ist es Alfred Cortot (1877 - 1962). Und bei seinem teilweise freizügigen Umgang mit der Partitur raufen sich Erbsen zählende Kritiker und Pianistenkollegen immer noch die Haare. Für den Cortot-Bewunderer Murray Perahia ist diese ganze Diskussion um Makellosigkeit und Perfektion aber reichlich überflüssig. Für Perahia ist Cortot einfach ein Meister der musikalischen Stromstöße, bei dessen Impulsivität und Emotionalität alle Sicherungen rausfliegen durften.
Perahia bekam daher auch mächtig feuchte Hände, als er von Cortots Sohn Jean erfuhr, dass es da einen bislang ungehobenen Archivschatz mit Aufnahmen des Pädagogen Alfred Cortot geben soll. Und tatsächlich: Zwischen 1954 und 1960 hatte ein junger Student namens Pierre Thouzery die Einwilligung von Cortot erhalten, sich mit Mikrofon und Aufnahmegerät in seine Meisterklassen an der Pariser École Normale de Musique zu setzen. Über 30 Stunden konnte Thouzery mitschneiden. Material genug also für Perahia, um daraus eine Zeitreise zu arrangieren. „Diese Aufnahmen sind von unschätzbaren Wert“, so Perahia. „Sie zeigen, wie einer der größten Musiker des 20. Jahrhunderts seine Schüler mit den Gedanken über die Musik vertraut macht, ohne im klassischen Sinne zu unterrichten.“
Über drei CDs lang erläutert da Cortot große Werke der Klavierliteratur und stellt so verblüffende Bezüge zwischen Werken wie Beethovens op. 101 und dem Vorspiel von Richard Wagners „Tristan und Isolde“ oder einer Chopin-Mazurka und „An der schönen blauen Donau“ her. Und wenn Cortot beispielsweise Chopins Ballade Nr. 3 in einem Zug durchspielt und sie zu einem radikal düsteren und tosenden Drama macht, meint man das atemlos machende Knistern unter den Studenten zu hören. Perahias Bemerkung, dass Cortot damals „mit wenigen falschen Noten“ ausgekommen wäre, ist natürlich eine maßlose Untertreibung. Aber welcher heutige Tastentechnokrat kann es schon mit Cortots elementarer Intensität aufnehmen?

Neu erschienen:

Alfred Cortot – The Master Classes

Sony

Reinhard Lemelle, RONDO Ausgabe 2 / 2006



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