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Antonio Vivaldis "Montezuma"

Steiniger Königsweg

Als RONDO vor über zwei Jahren als erste Klassikpublikation auf die im Archiv der Berliner Sing-Akademie wiederentdeckte Partitur der Vivaldi-Oper zur spanischen Eroberung der Neuen Welt hinwies, war der nachfolgende gerichtliche Streit um die Aufführungsrechte zwischen Berlin und Düsseldorf eigentlich schon programmiert. Inzwischen haben sich die Gemüter wieder beruhigt, Düsseldorf hatte die szenische Erstaufführung und der von der Sing-Akademie unterstützte Alan Curtis legt jetzt die CD-Weltersteinspielung nach.

Gleich die Ouvertüre ist Antonio Vivaldi in Reinform. Da geht es mit scharfen und federnden Rhythmen los, stürmen die Bläser voraus. Und zwischendurch sorgen die Streicher für kostbar-ariose Momente. Als das italienische Orchestra Modo Antiquo im September 2005 die ersten Partiturseiten von Vivaldis Oper „Motezuma“ anging, war das schon eine kleine Sensation. Genau 272 Jahre nach der Uraufführung von „Motezuma“ in Venedig fand beim Düsseldorfer Kulturfestival „Altstadtherbst“ die deutsche Erstaufführung einer Partitur statt, die bis 2002 als verschollen galt.
Zeitgleich zur Premiere muss hingegen in Berlin der Frust tief gesessen haben. Denn bis zu letzt hatten Advokaten der „Sing-Akademie zu Berlin“ versucht, die szenische Einrichtung per einstweiliger Verfügung zu stoppen. Doch nicht nur die Veranstalter am Rhein und schließlich ein Oberlandesgericht hatten dieses Verhalten von Deutschlands traditionsreichster Laienchor- Vereinigung als unrechtmäßige Urheberrechthaberei empfunden. Auch Alte-Musik- Experten wie der Dirigent Konrad Junghänel oder der renommierte Händel-Forscher Hans Joachim Marx schalteten sich prompt in die Diskussion ein, wem denn nun der erste Zugriff auf den von Vivaldi porträtierten Aztekenkönig Motezuma gebührt. Inzwischen haben sich die Gemüter alle etwas beruhigt.
Allein schon weil jede Partei jetzt ihre ganz eigene Fassung von dem fragmentarisch überlieferten Dreiakter Vivaldis besitzt. In Zusammenarbeit mit Steffen Voss, der die heiß umkämpfte Partitur im Archiv unter einem riesigen Stapel von über 5.100 Partituren, Drucken und Handschriften aufgespürt hatte, richtete Dirigent Federico Maria Sardelli das Werk für Düsseldorf bühnenreif ein. Nach dem vergeblichen Versuch der Sing-Akademie hingegen, als erster „Motezuma“ an einem großen Haus wie der New Yorker MET unterzubringen und damit die klamme Vereinsschatulle aufzufüllen, fand sich jetzt mit Alan Curtis ein ausgewiesener Anwalt in Sachen Vivaldi, den man immerhin bei der Weltersteinspielung auf CD tatkräftig unterstützen konnte.
Kurz nach der Wiederentdeckung des Manuskripts „bat ich sofort darum, das Werk einsehen zu dürfen“, so Curtis. „Und ich verbrachte mehrere faszinierende Stunden damit, die bislang unbekannte Musik zu studieren und mit dem schon bekannten gedruckten Libretto zu vergleichen, das ich durch die Aufnahme meines alten Freundes Jean-Claude Malgoire von seinem Pasticcio aus dem Jahr 1992 hatte.“ Für Curtis begann dann aber erst die Arbeit, aus dem Steinbruch mit seinen 17 von ehemals 28 Nummern eine tragfähige Version zu rekonstruieren. Und mit dem Vivaldi-Kenner Alessandro Ciccolini, der die fehlenden Rezitative komponiert und Arien aus anderen Opern integriert hat, ist dies Curtis gelungen. Denn selbst die inflationären Rezitative sind plötzlich nicht mehr zäh und ermüdend, wie es noch bei der Düsseldorfer Bühnenproduktion zu erleben war, obwohl sie eine ganze Stunde kürzer dauerte! Überhaupt besitzt das Spannungsgeflecht zwischen Motezuma und dem spanischen Eroberer Fernando Cortez nun genau dieses Vivaldi-typische Wechselspiel aus Brillanz und Dramatik, aus virtuoser Koloraturkunst und intimer Kantabilität. Zudem gibt es da auch ein furioses Kriegsterzett, das schon jetzt seinen Platz auf kommenden Vivaldi-„Best of“-CDs sicher hat.

Neu erschienen:

Vivaldi

Montezuma

Maite Beaumont, Roberta Invernizzi, Marijana Mijanovic, Vito Priante, Il Complesso Barocco, Alan Curtis

DG/Universal


Der Aztekenkönig Montezuma

Eigentlich hieß er Motecuhzoma Xocoyotzin. Die Spanier nannten ihn verballhornend Moctezuma, was später zu Montezuma wurde. Geboren wurde er um 1465, er war Hohepriester der höchsten aztekischen Gottheit Huitzilopochtli und der bekannteste Herrscher des Aztekenreiches. Er regierte seit 1502 ein mächtiges Reich, das er dank eiserner Expansionspolitik kompromisslos erweitert hatte.
Der spanische Feldherr Hernando Cortez landete am 12. März 1519 mit seinen Soldaten an der Mündung des Tabasco-Flusses. Der tiefgläubige Montezuma sah in der Ankunft der Spanier die angekündigte Rückkehr des Gottes Quetzalcoatl und verkannte die akute imperialistische Gefahr. Die eroberungswütigen Spanier mordeten die Bevölkerung, zerstörten Bau- und Kunstwerke und plünderten nicht nur die Goldschätze des Landes. Aztekische Adlige zettelten einen Aufstand an und vertrieben die Spanier kurzzeitig. Bei dieser Gelegenheit wurde Montezuma von seinem Bruder gestürzt und gesteinigt. Seinen Nachfolgern gelang noch einige Zeit der Widerstand, bis die Spanier endgültig die Azteken besiegt hatten. Der letzte Aztekenherrscher wurde von den Spaniern 1522 hingerichtet. Soweit die Historie.
Die Eroberung von Mexiko durch die Truppen des Spaniers Hernando Cortez und die damit verbundene Zerstörung des Aztekenreiches gehört zu den düstersten Kapiteln der europäischen Kolonial- und Kulturgeschichte. Dennoch erfreute es sich seit dem 18. Jahrhundert großer Beliebtheit im Musiktheater. Je nach politischer Absicht der Auftraggeber oder Weltanschauung der Librettisten wurde Montezuma auf der Opernbühne getötet oder begnadigt. Die wichtigsten Montezuma-Komponisten waren C. H. Graun, Libretto: Friedrich der Große (Berlin 1755), G. F. de Majo (Turin 1765), Mysliveček (Florenz 1771), N. A. Zingarelli, der Lehrer Bellinis, (1781 Neapel), G. Spontini (Paris 1809), R. Sessions (Berlin 1964), W. Rihm (1987/91) und L. Ferrero (Prag 2005).

Dieter David Scholz


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 2 / 2006



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