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Musikstadt

Düsseldorf: "Ich bin ein DÜSY"

Nordrhein-Westfalen hat bekanntermaßen nicht nur weltweit die größte Opernhausdichte. Fast jährlich schießen neue Konzerthäuser aus dem Boden. Konkurrenz gibt es also reichlich und genug für die Landeshauptstadt Düsseldorf, der es in letzter Zeit durchaus gelungen ist, sich im regionalen Ranking wieder an vorderer Stelle zu behaupten. Ein Rundblick von Guido Fischer.

Eigentlich gibt es nur einmal im Jahr in Düsseldorf eine öffentliche Prozession. Immer am Aschermittwoch, wenn alles vorbei ist und mit Hoppeditz der Schutzheilige aller Narren unter großem Gejammer zu Grabe getragen wird. Kurz darauf, am 12. April, schlängelte sich aber gleich noch ein etwas anderer Menschenzug durch die Altstadt und entlang der längsten Theke der Welt. Angeführt von Tobias Richter, dem Intendanten der Deutschen Oper am Rhein, zog das wild kostümierte Ensemble vom Stammhaus rüber zum Rheinturm. Dorthin, wo die „RheinOperMobil“ (ROM) den Spielbetrieb in einem Übergangsgebäude inzwischen aufgenommen hat. Denn nach einer mehrmonatigen Umbau- und Renovierungspause, die auch die Tonhalle 2005 einlegen musste, ist jetzt das Opernhaus an der Reihe. Während mit einem Budget von 25 Millionen Euro wahrscheinlich bis Ende des Jahres nicht nur die Bühnentechnik überarbeitet werden muss, zeigt man daher solange in dem Provisorium Ausschnitte aus dem Spielplan, von Verdis „Falstaff“ bis zum „Romeo und Julia“-Ballett. Mit den nur 800 Sitzplätzen wird das ROM den Besucherschnitt der letzten Jahre mächtig nach unten drücken. Denn Tobias Richter ist es immerhin seit Amtsantritt 1996 von den nackten Zahlen her gelungen, das Traditionsopernhaus wieder attraktiv aufzustellen: an die knapp 200.000 Zuschauer zählte die Düsseldorfer Deutsche Oper regelmäßig pro Jahr (zum Vergleich: die Deutsche Oper Berlin kam 2005 auf 210.000 Besucher). Womit die Landeshauptstadt von NRW auf dem nationalen Operntreppchen durchaus luftige Höhen erreicht hat.
Aber ist Düsseldorf, diese klassische Kunst-, Messe- und Werbestadt damit wirklich auch wieder eine Art Musikmetropole, die es selbst mit den benachbarten Konkurrenten aus Köln und Essen aufnehmen kann? Boomt der philharmonische Klassikbetrieb, die Neue Musik, der Jazz? Unter dem Strich sind die Antworten gleichermaßen vielversprechend und ernüchternd. Die Saisonprogramme der Tonhalle waren in den letzten Jahren zwar international, aber doch auch bemüht prominent bestückt (Justus Frantz, Nigel Kennedy). Man musste schon einige Kilometer reisen, um endlich wieder ein A-Orchester wie die Berliner Philharmoniker oder das Chicago Symphony Orchestra zu hören. Und auch der Altersdurchschnitt beim Publikum zeugt nicht gerade davon, dass einem eine Frischzellenkur gelungen war. Standen die Studenten der Robert-Schumann- Musikhochschule noch vor den Kassen Schlange, als in den ersten Jahren der 1978 wiedereröffneten Tonhalle ein Alfred Brendel alle Beethoven- Sonaten hinlegte oder ein Leonard Bernstein übers Parkett tänzelte, scheinen die Abonnenten von heute immer noch die von gestern zu sein. Dabei war die gebürtige Frankfurterin Vera van Hazebrouck eine auf den ersten Blick geeignete Wahl, als sie 1997 auf dem Chefsessel eines der schönsten Konzerthäuser der Republik Platz nahm, um ihn zukunftssicher zu machen. Schließlich hatte sie sich als Konzertplanerin des Schleswig-Holstein-Festivals einen Namen gemacht, bevor sie zur Geschäftsführerin der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen berufen worden war. An der direkt am Rhein gelegenen Wirkungsstelle machte sie zwar mit ihrem Einsatz für zeitgenössische Musik und Crossover- Projekte auf sich aufmerksam. Doch im Gegensatz zu den führenden PR-Agenturen Düsseldorfs blieb der auf die Düsseldorfer Symphoniker zugeschnittene Werbefeldzug „Ich bin ein DÜSY“ ihre einzig aufsehenerregende, aber doch nur provinzielle Marketingstrategie. Wenn van Hazebrouck im nächsten Jahr vom Michael Becker, dem derzeitigen Intendanten der Niedersächsischen Musiktage, abgelöst wird, kann sie wenigstens stolz sein, dass das akustisch und optisch gelungene Tonhallen-Lifting auf ihr Konto geht.

Auf dem Gebiet der Neuen Musik drängelt man sich nicht unbedingt ins Rampenlicht.

Bei den Düsseldorfer Symphonikern steht dafür mit dem Amerikaner John Fiore ein erstklassiger Mann an der Spitze, der es geschafft hat, die lange Zeit unmotiviert dahinschrummelnden Orchestermusiker wieder zu motivieren. Was für ein Vollblut-Operndirigent er zudem auch noch ist, beweist er fast Abend für Abend nur ein paar Hundert Meter weiter – an der Deutschen Oper, wo er seit 1999 Chefdirigent ist. Mit schlagender Energie und Impulsivität schmeißt er sich dann in die großen Partituren des italienischen und französischen Repertoires – wie zuletzt in Hector Berlioz‘ „Die Trojaner“, die in der Inszenierung von Christof Loy auf Düsseldorf und das Schwesterhaus in Duisburg aufgeteilt wurde (die Partnerschaft wird von beiden Städten mit bis zu knapp 30 Millionen Euro unterstützt). Mit Loy hat sich Intendant Tobias Richter sowieso einen gemäßigt modernen Allround-Regisseur gesichert, bei dem das konservative Opernpublikum nicht vor Empörung auf die Barrikaden gehen und von den Rängen runterbrüllen muss. Das geschieht dann schon eher, wenn Dietrich Hilsdorf an Puccini Hand anlegt. Dennoch hat es eben Richter, der Sohn des Dirigenten Karl Richter, geschafft, die Auslastungszahlen bis an die 85- Prozentmarke zu treiben. Garant dafür ist ein bunter und bis in die zeitgenössische Oper (Peter Eötvös, Christian Jost) reichender Spielplan, der Monteverdi im Originalsound nebst dem gesamten „Ring“ (Regie: Kurt Horres) bietet. Und was das feste, aus 65 erstklassigen Sängern bestehende Ensemble angeht (u. a. Wolfgang Schmidt, John Wegner), hat Düsseldorf gerade dem Erzfeind Köln längst den Rang abgelaufen. Nur die als neuer Stern gefeierte Sopranistin Alexandra von der Weth, die im Belcanto-Fach als Lucia und Norma für aufregende Seelenporträts sorgte, schwächelt seit einiger Zeit unüberhörbar. Als Zwei-Sparten-Haus kann die Deutsche Oper am Rhein zudem auf eine lange und bedeutende Ballettgeschichte zurückblicken (Erich Walter, Paolo Bortoluzzi, Heinz Spoerli) – heute sorgt sich Youri Vàmos um den „Nussknacker“ und lädt auch zeitgenössische Choreografen wie Mats Ek ein.
Neben der Tonhalle und der Deutschen Oper als die offiziellen Leuchttürme liegt das Düsseldorfer Musikleben natürlich nicht brach. Nur die Jazz-Schiene ist nahezu am Nullpunkt angekommen. Sorgten in grauer Vorzeit wenigstens Klaus Doldinger mit dem späteren Bundesminister Manfred Lahnstein als „Feetwarmers“ für veritabel hausgemachten Jazz, kann heute noch nicht mal ein Brad Mehldau bei seinem einzigen NRW-Konzert für eine volle Tonhalle sorgen. Und ebenfalls auf dem Gebiet der Neuen Musik drängelt man sich nicht unbedingt ins Rampenlicht. Nachdem die Musikfabrik NRW ihre Zelte mittlerweile in Köln aufgeschlagen hat und Bernd Wiesemann lieber Klavier spielt als weiterhin Festivals mit Musik des 20. Jahrhunderts zu organisieren, ist Mark-Andreas Schlingensiepen der letzte Mohikaner, der die Fahne der Weberns, Nonos und Kagels hochhält. Dazu trommelt er regelmäßig freischaffende Musiker und Mitglieder verschiedener Orchester zu seinem „notabu.ensemble neue musik“ zusammen, um solche Reihen wie „Ohren auf Europa“ und „Na hör‘n Sie mal ...“ entweder in der Tonhalle oder im Robert-Schumann- Saal auf die Beine zu stellen. An solchen Überzeugungstätern, die nicht nur langen Atem besitzen, sondern auch noch mit experimentierfreudigen Programmkonzepten ungeahntes Publikum- Potential anlocken können, ist Düsseldorf nicht gerade gesegnet.

Der Name „Schumann“ als Sprungbrett zurück ins 16. und nach vorne ins 21. Jahrhundert

Zu diesen selten gewordenen Kulturmanagern zählt aber auf jeden Fall auch Christiane Oxenfort, die aus einer eingesessenen Düsseldorfer Dynastie stammt. Als Künstlerische Leiterin des „Altstadt-Herbstes“ veranstaltet sie seit Jahren nun ein mehrwöchiges Musikfestival, bei dem die musikalischen Grenzen stets auf hohem Niveau fließend sind. Zwischen dem Jazzpianisten Uri Caine und der szenischen Erstaufführung von Vivaldis Oper „Motezuma“ etwa, die gehörige Wellen bis hinein in den örtlichen Oberlandesgerichtsaal geschlagen hat. Oder zwischen dem Vokal- Berserker David Moss und einer historisch entschlackten Aufführung von Bachs h-Moll-Messe. Oxenforts zweites Standbein ist mittlerweile auch der Intendantenjob beim Schumannfest. Zu Ehren des Komponisten, der in Düsseldorf Musikdirektor wirkte und hier u. a. sein Violinkonzert und zwei Sinfonien komponierte, veranstaltet die Stadt das Festival seit 1981. Und was zunächst noch von einem Clara- Schumann-Klavierwettbewerb und von Symposien flankiert wurde, verhärtete sich zu einem konventionell klassischen Konzertreigen, der unbedingt durchlässig gemacht werden musste. Oxenfort hat das geschafft.
Wie schon 2004 so wurde auch 2006 der Name „Schumann“ zu einem Sprungbrett zurück ins 16. und nach vorne ins 21. Jahrhundert – neben Daniel Barenboim und Barbara Bonney setzten sich Musiker wie das Hilliard Ensemble, der Klarinettist Michael Riessler und das Düsseldorfer Engstfeld- Weiss-Quartett von der Ferne und aus der Nähe mit Schumann auseinander. Und da 2006 sowieso ein Schumannjahr ist, feiert man ihn zurzeit auch museal und im Doppelpack. Bis zum 11. Juni ist in der Kunsthalle die Ausstellung „Das letzte Wort der Kunst“ zu sehen, die aus Anlass des 150. Todestages von Heinrich Heine und Schumann beide noch einmal zusammenführt, die sich nur ein einziges Mal am 8. Mai 1828 in München begegnet sind. In einer eifrig zusammengetragenen, jedoch etwas beschaulichen Schau bilden die Highlights eine Locke Heines, Originalpartituren sowie eine Zeichnung von jener Düsseldorfer Schiffsbrücke, von der sich Schumann am Rosenmontag 1854 in den Rhein stürzte. Seitdem ist viel Wasser den Rhein runter- und reichlich Altbier in die Kehlen geflossen. Doch erst 2003, und damit 150 Jahre später, schien die Zeit gekommen zu sein, an den (zugezogenen) Düsseldorfer Sohn Schumann auch mit einer Gedenkstätte zu erinnern. In jenem Haus in der Bilker Straße 15, in das der achtköpfige Schumann-Clan im September 1852 eingezogen war.


In Schumanns Heil'gen Hallen

Düsseldorf, Bilker Straße Nr. 15. Der Cellist Thomas Beckmann, der bundesweit durch die erfolgreichen Benefizkonzerte für sein Obdachlosenprojekt „Gemeinsam gegen Kälte“ bekannt geworden ist, bewohnt in Düsseldorf Robert und Clara Schumanns letzte Wohnung.

RONDO: Wie lebt es sich in solchen heiligen Hallen?

Thomas Beckmann: Sehr gut. Vor allem, nachdem ich mit meiner Frau Kayoko Beckmann den Dachboden ausgebaut habe. Ursprünglich war die zweite Etage, die ja nur ein Teil von Robert und Claras Wohnung war, lediglich 80 qm groß.

RONDO: Wieso bekamen Sie den Zuschlag für die Wohnung in der Bilker Straße 15?

Beckmann: Die Stadt Düsseldorf, die das Haus 1972 gekauft hatte, war 1990 der Meinung, dass ein Musiker hier einziehen sollte. Und da fiel die Wahl eben auf mich. Natürlich hat mich sofort eine gewisse Ehrfurcht beschlichen, als das Angebot kam. Ich kannte das Haus ja schon aus meinen Schülertagen. Als 15-Jähriger bin ich da vorbeigegangen, um zu sehen, wer da wohnt. Mich hatte schon immer diese Liebesgeschichte zwischen Robert und Clara fasziniert. Erst ein Jahr nach unserem Einzug konnte ich diese Ehrfurcht dann doch ablegen.

RONDO: In welchen Zustand war die Wohnung?

Beckmann: Für einen Musiker war sie zunächst nicht unbedingt geeignet. Da waren keine Lärmstopp-Scheiben drin. Ich habe ein halbes Jahr gezögert, bis ich den Vertrag unterschrieben habe, weil auch die Fußböden so schief waren, dass ein Bürostuhl von einer Ecke in die andere rollte. Da mussten wir sie erst einmal dem normalen Wohnstandard anpassen. Aber im Grunde ist das Haus dadurch, dass es nicht renoviert war, im Wesentlichen so erhalten, wie es einmal war. Da, wo jetzt unsere Küche ist, war beispielsweise Claras Zimmer, in dem sie ungestört musizieren konnte. Pablo Casals hat mal gesagt, dass eine seiner größten Reliquien ein Stein aus der Fensterbank von Beethovens Haus ist. Hier sind dagegen selbst die Türklinken noch dieselben.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2006



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