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Robert Schumann zum 150. Todestag

"Die Ägide eines Hosenscheißers"

Mit großem Enthusiasmus führte Robert Schumann als Redakteur zehn Jahre lang die von ihm gegründete „Neue Zeit schrift für Musik“. Sein Nachfolger Franz Brendel widmete ihm einen der peinlichsten Nachrufe der Musikgeschichte: kurz und gefühllos – und im Anzeigenteil platziert. Was aber steckte hinter diesem provozierenden Verhalten? RONDO-Redakteur Markus Kettner bringt ein wenig Licht in dies vergessene Kapitel eines langjährigen musikalischen Richtungsstreits.

Nein, einen solchen Nachruf hatte er wahrlich nicht verdient. Und schon gar nicht in der von ihm selbst gegründeten Zeitung! Wer sich auf die Suche nach Schumanns Nekrolog macht, wird große Mühe haben, ihn überhaupt zu finden. Er erschien 1856, kurz nachdem Schumann in der Endenicher Nervenklinik gestorben war, in der Neuen Zeitschrift für Musik (NZfM). Geschrieben hatte ihn der damalige Chefredakteur Franz Brendel, und er platzierte ihn – man traut seinen Augen kaum! – zwischen ein paar unbedeutenden Ankündigungen und Reklameanzeigen. Es ist dies das vorläufige Ende einer langen Kette von Kränkungen, Missverständnissen und Verletzlichkeiten, die das Verhältnis von Schumann und seinem Nachfolger als Redakteur der ältesten, heute noch existierenden Musikzeitschrift prägte.
Wer war dieser Franz Brendel, dessen Redaktionsführung Richard Wagner für die „Aegide eines vollkommenen Schwachkopfes und Hosenscheißers“ hielt und bei dessen Namen dem Dirigenten Hans von Bülow jedes Mal „speiübel“ wurde? Schumann und Brendel waren beide Schüler des Klavierpädagogen Friedrich Wieck, dem Vater von Schumanns späterer Frau Clara. Schon 1835 habe Clara ihm gegenüber geäußert, Robert sei ein „herrlicher, prächtiger Mensch“, erinnert sich Brendel. Schumann selbst war freilich von Brendel weniger angetan. Den Bemühungen Brendels, Artikel für die NZfM zu schreiben, stand er skeptisch gegenüber, und als Brendel 1841 erstmals mit der Absicht an ihn herantrat, die Zeitung zu übernehmen, reagierte er abweisend. 1843 lässt Schumann in einem Brief an Clara seinem ganzen Argwohn freien Lauf: „Ob ich Dich zu Brendel schicken soll oder nicht, weiß ich selbst nicht. Einerseits sieht es nach Ungefälligkeit aus, wenn Du’s nicht tust; andernteils aber scheint es mir garnicht passend, da Brendel gerade über mich sich auslassen will. Tadeln wird er nicht, das wäre zu ungeschickt (obgleich ihm alles zuzutrauen ist).“
Brendel wird sich später tatsächlich über Schumann auslassen. Allerdings erst, nachdem es ihm Ende 1844 durch unglaubliche Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit gelungen war, von Schumann doch als neuer Chefredakteur eingesetzt zu werden: „Es kostete ihn den schwersten Kampf und zu mehrerenmalen bereits entschlossen, machte er alles bereits Besprochene wieder rückgängig“, berichtet Brendel in seinen Erinnerungen. Auf den ersten Blick gibt es auffällige Ähnlichkeiten in der Musikanschauung beider, der Teufel aber liegt wie immer im Detail. Schumanns Ästhetik war eine durch und durch romantische: Musik war für ihn eine Art Sprache ohne Begriffe und gerade darum in der Lage, Tieferes auszudrücken als es Worte je vermögen. Wenn Schumann in seinen Werken auf literarische Vorlagen zurückgriff („Kreisleriana“, „Papillons“, „Carnaval“ usw.) so war dies keine Literarisierung von Musik, vielmehr suchte er nach denselben „poetischen“ Wurzeln von Musik und Dichtung. Brendel jedoch sah in der Musikgeschichte Hegels Weltgeist am Werk, der mehr und mehr vom rein sinnlichen und tönenden Material Besitz ergriff und der in Mozarts Werk zu einer Deckung von Sinnlichem und Geistigem geführt habe. Die Zukunft aber entdeckte Brendel in der Programmmusik, die die begrifflose Musik mit einem „geistigen“, vornehmlich literarischen Inhalt anfülle. Einem unveröffentlichten Brief Brendels an Schumann, der in Krakau aufbewahrt wird, ist die trügerische Hoffnung zu entnehmen, die er an Schumann knüpfte: „Man weiß draußen noch gar nicht, was man an der Musik hat, u. weil jene höheren Geister anderer Fächer nicht auf die Musik zurückgewirkt haben, ist die Musik in Sinnlichkeit versunken, u. die Musiker lassen überall nur Schläfrigkeit, egoistische Sonderung, Scheu vor dem Geist erblicken. Die Musik muß, wenn wir eine Besserung nehmen wollen – in die allgemeine Bewegung hineingebracht werden u. dazu sind Leute wie Sie ganz an Orte.“
Schumann fühlte sich teils geschmeichelt, teils empfand er ein dunkles Unbehagen, sah sich aber noch im September 1849 in der NZfM treffend und ausreichend gewürdigt. Die Vereinnahmung als „Programmmusiker“ durch Brendel durchschaute er wahrscheinlich nicht. Schumann aber dachte nicht daran, Brendels Hoffnungen zu erfüllen. Im Gegenteil: Der Schumann’sche Spätstil wendet sich von seinen frühen phantastischen Klavierkompositionen ab hin zu einer objektiveren und formaleren Musiksprache, und es nimmt nicht Wunder, dass das berühmte Wort Felix Draesekes, Schumann habe „als Genie begonnen und als Talent geendet“, aus dem Umfeld Brendels stammt.

Ein neuer Stern am Komponistenhimmel

Ein neuer Stern war indessen in den 1850er Jahren für Brendel am Komponistenhimmel aufgegangen. Er hieß Franz Liszt, wirkte in Weimar und komponierte vor allem „Symphonische Dichtungen“, die für Brendel wie die Erfüllung seiner Prophezeiungen erscheinen mussten. Schumann reagiert derweil gereizt, wendet sich – mehr im Stillen – „gegen die Weimarischen Evangelien, von denen man jetzt überall liest“ und empfiehlt stattdessen das Studium der Werke Bachs. In der NZfM wird Schumann hingegen aufs Schärfste angegriffen. Schumanns Spätstil sei „manieriert und verkommen“, steht dort 1853 in einem Artikel von Brendels Mitarbeiter Hinrichs zu lesen. Zum offenen Bruch zwischen Schumann und seinem Nachfolger kam es jedoch erst nach Brendels persönlichem Verriss von Schumanns Oper „Genoveva“. Sie sei „monoton“, und es mangle ihr „an Licht und Schatten“, wohingegen der zwei Monate später in Weimar uraufgeführte „Lohengrin“ von Richard Wagner enthusiastisch gefeiert wurde. Eine zwar treffende, wenn auch für Schumann schmerzliche Kritik.
Kurz vor Schumanns Einweisung in die Endenicher Klinik ist es noch zu einem kurzen, brieflichen Schlagabtausch zwischen den beiden gekommen. „Lieber Freund, Unser Briefwechsel ist seit Jahr und Tag ins Stocken gerathen, obwohl ich oftmals darnach das Verlangen empfunden habe“, heißt es da 1853 in einem unveröffentlichten Brief von Brendel. Als Antwort liest Schumann ihm „den Text“ – sprich die Leviten – und schickt ihm seinen berühmten Aufsatz „Neue Bahnen“ zur Veröffentlichung, in dem Brahms als der neue musikalische Messias angekündigt wird. Den Titel des Aufsatzes (vom Inhalt ganz zu schweigen) kann man als Affront gegen Brendel auffassen, dessen Lieblingswort „Bahn“ in seinen Aufsätzen und Schriften in allen möglichen Modifikationen bis zum Überdruss vorkommt („die Bahn brechen“, „die Bahn beschreiten“, „Anbahnung“ usw.). Es zeugt von einer gewissen Größe, dass Brendel den Aufsatz tatsächlich drucken ließ. Die im „Nachruf“ geäußerte Bekundung, man habe Schumann schonen müssen, da ihm die NZfM auch in der Klinik noch zuging, hielt Brendel hingegen nicht davon ab, den Brahms-Aufsatz durch seinen Mitarbeiter Richard Pohl (Nietzsche: „Ein Königreich für ein gescheites Wort! – In Wahrheit eine haarsträubende Gesellschaft! Nohl, Pohl: Kohl mit Grazie in infinitum!“) in Frage stellen zu lassen.

Verwandte Schicksale

Und so kam es, wie es kommen musste: Am Rosenmontag des Jahres 1854 stürzte sich der schwer depressive Schumann in seinem geblümten Schlafrock von der Alten Rheinbrücke in Düsseldorf ins Wasser. Niemand war seine Aufmachung im bunten Faschingstreiben aufgefallen. Brendels spätere Beteuerungen kaschieren nur unvollkommen ein gewisses Schuldbewusstsein: „Ja es will mir scheinen, daß diese letztere Katastrophe gar nicht nothwendig gewesen wäre, wenn ihm einige tiefschmerzliche Erfahrungen, die offenbar die Veranlassung gegeben haben, erspart geblieben wären, und selbst in diesem Falle habe ich immer die Empfindung, daß es auch dann noch einem zu rechter Zeit eingreifenden, energischen Freunde möglich gewesen sein müßte, ihn darüber hinweg zu bringen.“ Die Erfolge der „Zukunftsmusik“ hätten dazu beigetragen, so Brendel wörtlich, „Sch. etwas zu verstimmen“.
Und Brendel selbst? Er wird die NZfM mit zunehmender Verbitterung bis zu seinem Tod 1868 weiter führen. „Mich ekelt alles an“, schreibt er 1862 in einem in Dresden aufbewahrten handschriftlichen Brief, „in Zeitungen aber werfe ich keinen Blick. Mehr und mehr drängen die Dinge zur Entscheidung, und jeder hat sich die Frage vorzulegen, ob er lieber mit Liszt und mir, oder mit den jungen Vertretern der musischen Schule gehen will, denn auch Liszt wird fast ebenso angefeindet als ich, und daß er z. B. des öfteren Bach aufs Programm gesetzt hat, können ihm die jungen Herren nicht verzeihen.“ Den späten Brendel scheint ein ähnliches Schicksal wie Schumann getroffen zu haben: Beide begannen sie als „Neuerer“ und sind in späteren Jahren vom „Fortschritt“, den sie – jeder auf seine Weise – propagierten, überholt worden. Beide scheinen, dadurch zurückgeschreckt, eine „konservativere“ Haltung angenommen zu haben. Und ebenso wie sich Schumann auf Bach gegen die „Weimarer Evangelien“ berief, so empörte sich kaum zehn Jahre später Brendel gegen die „jungen Weimarianer“, die das „Neue“ über Bach stellen wollten.

Markus Kettner, RONDO Ausgabe 3 / 2006



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