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Anja Harteros

"Es singt in mir"

Wer im heutigen Sängerleben bestehen will, braucht neben einer guten Stimme vor allem eines: gute Nerven. Die deutsch-griechische Sängerin Anja Harteros ist ihren Weg durch die Opernhäuser dieser Welt bisher mit traumwandlerischer Sicherheit gegangen: von München über Wien nach New York, wo man ihre „Figaro“-Gräfin in einem Atemzug mit den Heroinen Carol Vaness und Eleanor Steber nannte. Nun legt sie ihre erste Solo-CD vor.

Es gibt manchmal Fragen, auf die nur eine Antwort möglich ist. Irgendwann im letzten Jahr, erzählt Anja Harteros, habe man ihr aus heiterem Himmel einen exklusiven Plattenvertrag angeboten – „und da habe ich natürlich nicht lange überlegen müssen.“ Tatsächlich ist das charakteristisch für die 34-jährige Deutsch-Griechin: Obwohl von Haus aus eher vorsichtig, hat sie in den entscheidenden Wendepunkten ihrer Karriere doch immer mit intuitiver Sicherheit das Richtige getan. Während ihren Konkurrentinnen bei Gesangswettbewerben das Lampenfieber in die Kehlen fuhr, hat die Anspannung bei Anja Harteros noch eine Extraportion Adrenalin freigesetzt. Wo anderen Sängerinnen bei einem wichtigen Debüt die Knie schlottern, läuft sie zur Hochform auf – und genießt hinterher die Be friedigung, es wieder einmal geschafft zu haben.
„Die Agathe im ‚Freischütz‘ war für mich so ein Fall“, erinnert sie sich, „diese Rolle, die für meine Stimme ein wichtiger Schritt nach vorn war, habe ich zum ersten Mal gleich an der Bayerischen Staatsoper unter Zubin Mehta gesungen – auch so ein Fall, wo ich natürlich sofort Ja gesagt habe. Hinterher hatte ich tagelang ein enormes Glücksgefühl. Als ich die Rolle ein paar Wochen später dann in Bonn in einer normalen Repertoirevorstellung sang, fühlte sich das merkwürdigerweise viel matter an.“
Kein Zweifel, Anja Harteros besitzt diese Mischung aus Zielstrebigkeit, klarem Kopf und Risikobereitschaft, die jede große Sängerin braucht. Eine, die zu den Sternen schaut, aber gleichzeitig auf die Straße aufpasst. Mitbekommen hat sie das wohl von zu Hause, vermutet sie: vom griechischen Vater die Lust auf Herausforderungen, von der deutschen Mutter die Besonnenheit. Mit zwei Sprachen und zwei Kulturen ist sie groß geworden – klar, dass sie sich nicht in eine Schublade sperren lassen will. „Bei uns zu Hause wurden uns keine religiösen oder kulturellen Beschränkungen auf - erlegt: Wir sollten einfach alles kennen lernen und wuchsen zugleich mit dem Gefühl auf, dass es da in einem anderen Teil der Welt noch eine andere Familie gibt, zu der man gehört.“
Wer mit einem solchen Freiheitsgefühl aufwächst, lässt sich nur ungern festlegen. Unwillig schüttelt Harteros ihre schwarze Mähne, als sie auf die Traditionslinie des Mozart-Strauss- Soprans angesprochen wird, die Sängerinnen wie Lisa della Casa und Kiri Te Kanawa vor ihr geprägt haben. „Wenn ich jetzt noch mal meinen Weg von vorn gehen könnte, würde ich mich noch energischer gegen diese Schubladenmentalität zur Wehr setzen. Immer wieder werde ich ins deutsche Fach gedrängt, dabei liegen mir Puccini und Verdi vielleicht sogar noch mehr. Italienisch zu singen ist für mich eine ganz andere Körpererfahrung – da singt es in einem.“
Angst um ihren erstaunlich expansionsfähigen lyrischen Sopran braucht man dabei jedoch nicht zu haben: Denn Anja Harteros kann abwarten und wusste bislang immer, wann die Zeit gekommen war, um eine neue Rolle wie Strauss’ Arabella oder Wagners Eva anzugehen. Vor allem nach ihrem Sieg beim „Singer of the Year“- Wettbewerb von Cardiff, dem wohl prestigeträchtigsten der Welt, im Jahr 1999, flatterten die Angebote natürlich dutzendweise ins Haus, rissen sich die Bühnen plötzlich um die junge Sopranistin, die damals noch festes Ensemblemitglied des Bonner Opernhauses war. Doch Anja Harteros blieb cool und lehnte alle Wagner- und Verdi-Angebote ab, die ihrer Stimme hätten schaden können. Dafür nutzte sie Einladungen zu Vorsingen an Häusern wie der Met und der Wiener Staatsoper, um dort mit den Rollen zu debütieren, die sie aus dem Effeff beherrschte: Puccinis Mimì und vor allem Mozarts „Figaro“-Gräfin und die Fiordiligi, bis heute die Trumpfkarten in ihrem Repertoire. Die New Yorker Kritik schwärmte von Harteros’ technischer Präzision ebenso wie von den subtilen Schattierungen, die sie der „Figaro“-Gräfin zwischen Witz und Melancholie zu verleihen im Stande war. Dabei hatte sich Harteros’ Mozart- Kompetenz anfangs eher beiläufig ergeben: Sie habe, erklärt sie, als Studentin an der Kölner Musikhochschule mit Mozart begonnen, „wie man das als junge Sängerin eben so macht und weil es gut für die Stimme ist. Tatsächlich glaube ich aber, dass man für Mozart eine gewisse Reife braucht.“

„Italienisch zu singen, ist eine ganz eigene Körpererfahrung“

Beispiel Fiordiligi: Die Heldin aus Mozarts „Così“ habe sie mittlerweile weit über 50 Mal gesungen, erzählt sie, diese Partie sei wie kaum eine andere mit ihr in den letzten Jahren gewachsen. „Als ich anfing, wollte ich der Fiordiligi nichts Negatives abgewinnen – wenn man eine Rolle lernt, nimmt man meist erst mal völlig für sie Partei. Inzwischen sehe ich auch ihre immensen Schwächen: vor allem diesen Konflikt zwischen einer Sehnsucht nach Liebe, der sie unbedingt nachgeben muss, und dem Willen, treu zu bleiben. Diese Spannung mache ich jetzt viel stärker hörbar als früher, traue mir auf der Bühne zu, weiter zu gehen.“ Das hat allerdings auch seine Grenzen, die bei Anja Harteros unmissverständlich gezogen sind: „Ich sollte zwar wissen, um welche Gefühle es geht, darf aber dafür nie die musikalische Linie aufgeben – außerdem steht eigentlich alles in den Noten. Es reicht, wenn man das einfach ausführt, statt die Texte noch zusätzlich dramatisch aufzuladen. Die Qualität muss im Ton liegen, nicht in der Aussprache.“
Auch ihr erstes Recital hat die frischgebackene Primadonna vor allem Mozart gewidmet – nach Haydns dramatischer Berenice-Szene folgen allerdings erst mal nicht die Opernhits, sondern Konzertarien. Ein bisschen mulmig sei ihr bei der Aufnahme schon zumute gewesen, gibt sie offen zu – „vor allem das Anhören war eine Folter, weil man sich als Sänger ja sonst nie so hört und von seiner Stimme ein ganz anderes Bild hat.“ Dass sie ihren CD-Vertrag unterschrieben habe, liege allerdings auch nicht daran, dass sie ihre Stimme für die Ewigkeit konservieren wolle, erklärt Harteros, „ich habe einfach gemerkt, dass ich damit größere Freiräume habe und aussuchen kann, mit welchen Dirigenten und Regisseuren ich arbeiten will. Für bestimmte Dinge wird man einfach nur gefragt, wenn man einen Ruf hat – ob andere Kollegen ohne CD-Vertrag genauso gut sind, spielt einfach keine Rolle. Das ist vielleicht ungerecht, aber so läuft es nun einmal. Hätte ich nicht den Wettbewerb in Cardiff gewonnen, wäre ich sicher auch nicht so ohne weiteres zum Vorsingen zu James Levine gekommen.“ Zufrieden, sagt Anja Harteros, sei sie, wenn Musik die treibende Kraft in ihrem Leben ist. Und es wird hoffentlich noch etliche weitere Angebote geben, auf die sie einfach mit Ja antworten wird.

Neu erschienen:

Mozart, Haydn

Arien, Scena di Berenice

Anja Harteros, Wiener Symphoniker, Pinchas Steinberg

Sony

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 3 / 2006



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