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Götz Alsmann

Mehr Häppchen, bitte!

Er war Brillen- und Krawattenträger des Jahres. Ohne Schmalztolle geht er nicht aus dem Haus. Trotzdem moderiert Dr. Götz Alsmann, Musikologe mit Drang zur Bühne, im ZDF die Klassiksendung „Eine große Nachtmusik“. Robert Fraunholzer traf ihn in einem Café am Berliner Savignyplatz.

RONDO: Herr Alsmann, selbst am Sonntagnachmittag sind Sie so gut gekleidet, dass sie in jedem Opernhaus willkommen wären!

Götz Alsmann: Das fällt in Berlin natürlich schneller auf als anderswo. Ich trage seit frühester Jugend formelle Kleidung. Einmal habe ich über mich gelesen, ich sei ein anarchischer Moderator. Das ist Quatsch. Aber wenn ich im Anzug mit Pfannkuchen werfe, wirkt das halt stärker als in Jeans und T-Shirt. Übrigens bin ich der felsenfesten Auffassung, dass man im Fernsehen und im Konzert niemanden sehen will, der so aussieht wie der schlaffe Ehemann nebenan.

RONDO: Viele Klassikkünstler wollen zu Ihnen in die Sendung. Sind Sie inzwischen so mächtig und einflussreich?

Alsmann: Auf die Einladungen habe ich keinen Einfluss. Kürzlich schlug ich einen Akkordeon- Solisten vor, dafür habe ich nur ein eher schlappes Dankeschön geerntet (lacht). Vielleicht hat die Sendung die Chance, einflussreich zu werden. Aber nicht in dem Sinne, den Hardcore-Klassikmarkt neu zu formen. Sie kann nur eine breitere Basis für das Zugänglichste schaffen.

RONDO: Klassik für alle?

Alsmann: Die Kultur wird in Schönheit sterben, wenn wir sie nicht unter die Leute bringen. Sie würden staunen, wenn Sie wüssten, wie wenig Menschen in Wirklichkeit noch wissen, was die „Barkarole“ ist oder dass „Reich mir die Hand, mein Leben“ aus einer Mozartoper stammt. „Rigoletto“ gilt heute als Pizza. Um das zu ändern, muss man, glaube ich, am populärsten Punkt ansetzen.

RONDO: Kommt bei Ihnen auch Helmut Lotti vor?

Alsmann: Wenn er käme, würde ich mich freuen, weil viele Leute ihn lieben. Wir hatten auch Andrea Bocelli. Interessant ist aber: Unsere Bocelli-Sendung hatte die höchsten Einschaltquoten, allerdings in jenen Passagen, wo Nikolaj Znaider Beethoven spielte. Meine Position ist: Lasst uns eine Sendung mit der Musik machen, die im gängigen Format-Radio nicht mehr vorkommt.

RONDO: Ist das Ihre Mission?

Alsmann: Es klingt pathetisch, aber im Grunde: Ja. Ich stamme aus einer Zeit, wo in Samstagabendshows Erika Köth was von Kálmán gesungen hat, danach kam etwas von Mozart und zum Schluss Günter Pfitzmann mit einem Liedchen von Robert Stolz. Das nannte sich großer Samstagabend. Justus Frantz und Senta Berger waren danach Teile einer tapferen ZDF-Tradition, die Klassik im Abendprogramm zu halten. Mich in die Sendung zu holen war eher mutig, weil ich wahrscheinlich einige Zuschauer verschrecke.

RONDO: Was stört Sie an der Klassik?

Alsmann: Gar nichts, außer der Selbstzufriedenheit. Die Gewissheit, dass die eigene Musik die beste ist – und alles andere zweitrangig. Nur Klassik und Jazz haben diesen arroganten Vorbehalt. Ich kenne keinen einzigen dünkelhaften Schlagersänger. Dabei sollte man das fulminante Können der alten Schlagerkomponisten nicht übersehen: Michael Jary war Schüler von Hindemith und Schönberg, von Peter Kreuder bis zu Theo Mackeben waren es alles formidabel ausgebildete Musiker. Der Dünkel sitzt auch innerhalb der Klassik tief: Sobald Anna Netrebko sexy Modefotos macht, diagnostizieren Avantgarde-Bescheidwisser, dass sie nicht singen kann. Das darf man überhaupt nicht ernst nehmen, finde ich.

RONDO: Sie haben in Musikwissenschaft promoviert. Worüber?

Alsmann: Mein Thema war: „Die Geschichte der unabhängigen Schallplatten-Label im Amerika der Nachkriegszeit“. Mündlich ging es um Melodram, Renaissance und Vorklassik, um die Mannheimer Schule und dergleichen. Das war in Münster.

RONDO: Was ist Ihr Klassik-Urerlebnis?

Alsmann: Die Sonntagvormittage bei meinen Eltern. Da wurde der Schallplattenspieler angeworfen, für Glenn Miller, für Chorszenen und den großen Opernquerschnitt auf Deutsch. Offenbach hat mich am meisten beeindruckt.

"Natürlich ist eine Angela Gheorghiu nicht so leicht zu handhaben wie ein Rolando Villazón. Der hat bei uns auch La Cucaracha zur Ukulele gesungen."

RONDO: Haben Sie eine „Parsifal“-Lieblingsaufnahme?

Alsmann: Dazu sage ich gelassen und schlicht: Nein.

RONDO: Wie muss man Klassik im Fernsehen präsentieren?

Alsmann: Kommt drauf an, ob’s auf 3sat stattfindet oder im ZDF. Dort muss man Sinfonie- Sätze einkürzen und dem Zeitalter der Fernbedienung Tribut zollen. Man ist Teil der Häppchen-Kultur. Aber ich finde: Wir haben zu wenig, nicht zu viele Häppchen. Durch sie ziehen wir Publikum heran, das auch die großen Bissen goutiert. Ohne eine einzelne Arie gehört zu haben, wird man nie auf die Idee kommen, eine ganze Operaufführung zu besuchen.

RONDO: Lang Lang können Sie jederzeit unterbringen. Alfred Brendel auch?

Alsmann: Schon schwieriger, aber warum nicht? Er müsste was Populäres spielen, oder das Umfeld müsste so sein, dass er mit was Speziellem aufwarten kann. Der Gesamtmix muss stimmen. Wenn wir die Sendung ohne Zuschauer machen, wird es sie nicht lange geben.

RONDO: Ihre Talkshow „Zimmer frei“ läuft seit zehn Jahren. Funktionieren Sie in beiden Sendungen ähnlich?

Alsmann: Ich bin umso besser, je mehr ich improvisiere. „Zimmer frei“ läuft fast ungeprobt und ungeschnitten. Wir sind unser eigenes „Making of“. Die „Nachtmusik“ ist aufwändiger, komplizierter, aber es gibt trotzdem Raum für Improvisation. Ein „Zimmer frei“ kann man dennoch daraus nicht machen. Wir hatten ein mal Prinz Frederik von Anhalt zu Gast. Eine höchst dubiose Figur mit entsprechender Vergangenheit Christine Westermann fragte ihn: „Haben Sie WG-Erfahrung?“ Er antwortete: „Nein“. Da konnte ich mir nicht verkneifen zu fragen: „Ach, Sie hatten eine Einzelzelle?“ In „Zimmer frei“ war ich früher deutlich härter als heute. Ich habe erst nach Jahren gelernt, dass aus schlechter Stimmung keine gute Unterhaltung wird.

RONDO: Es gibt steife Klassikrituale. Machen Klassikkünstler bei Ihnen alle Faxen mit?

Alsmann: Ich will nicht, dass es ein Firlefanz wird. Bei mir herrscht der innere Krawattenzwang. In meinen eigenen Konzerten darf auf der Bühne nicht getrunken und es dürfen keine Handtücher benutzt werden. Alles vermeiden, was nach Rock ’n Roll aussieht! Natürlich ist eine Angela Gheorghiu nicht so leicht zu handhaben wie ein Rolando Villazón. Der hat bei uns auch „La Cucaracha“ zur Ukulele gesungen. Mit Elīna Garanča haben wir „Ich lade gern mir Gäste ein“ als Boogie Woogie gemacht. Ich weiß, dass wir auf dünnem Eis wandeln. Bitteschön: Wir machen es einfach. Das Publikum gibt uns bislang Recht.

RONDO: Gehen Sie selbst in klassische Konzerte? Kriegen Sie mit Ihrer Frisur keinen Ärger mit dem Hintermann?

Alsmann: Jetzt kommt die Frisur- Nummer? Nein, die Leute freuen sich. Bis jetzt hat sich noch niemand beschwert. Allerdings gehe ich am liebsten in die Oper, da sind auch die Sitzreihen steiler.

RONDO: Buhen Sie?

Alsmann: Nein, es gibt bessere Arten sein Missfallen zu äußern. Unter Buhs leiden die falschen. Man kann gehen. Als wir Weills „Kuhhandel“ in Münster aufführten, waren von 800 Zuschauern nach der Pause noch 250 da.

RONDO: Glauben Sie, dass man den leicht havarierten Klassikkahn noch einmal flott kriegen wird?

Alsmann: Doch, wenn wir den Selbsthass der Klassik überwinden. Ohne Häppchenkultur wird es nicht gehen. Aber bedenken Sie: Auch die Millionenverkäufe eines Fritz Wunderlich funktionierten über die gleiche Häppchenkultur. Der Erfolg von Nigel Kennedys „Vier Jahreszeiten“ hat Entlegeneres mitfinanziert. Es wird nötig sein, neue Namen zu lancieren. Warum nicht? Ich sehe das Problem, ich sehe auch die Chance.

TV-Tipp:

„Eine große Nachtmusik“: die ZDF-Klassik-Show mit Götz Alsmann

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2006



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