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Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Wer originell sein will, muss sein Geheimnis haben – und bewahren. Cecilia Bartoli probt zurzeit für ihr neues, geheimes CD-Projekt in Zürich. Schon früher war sie dafür bekannt, dass sie Wünsche und Anregungen als Hinweise darauf versteht, was sie auf keinen Fall machen wird. Von Zeit zu Zeit aber denkt sie sich Steigerungen aus. In den Noten, die sie für das Ensemble „La Scintilla“ (die Alte-Musik-Truppe des Zürcher Opernorchesters) mitgebracht hatte, klebte Bartoli die Namen der Komponisten zu. Nur sie selbst weiß, was sie da singt. Je enger der Markt für Klassik wird, desto schöner blühen die Blüten des Eigensinns. Und die Angst vor Industriespionage.
Auch Simon Rattle zeigt Nerven. Der Dirigent verhinderte in diesem Jahr, dass Musiker der Berliner Philharmoniker nach Luzern reisen, um im Lucerne Festival Orchestra seines Berliner Vorgängers Claudio Abbado zu spielen. Unverständlich ist das Eigeninteresse Rattles nicht. Er braucht die seinen in Aix-en-Provence, Salzburg und Berlin. Im nächsten Jahr (und ab 2009 jährlich) sollen die Ausflüge zu Abbado wieder möglich sein, sagt Lucerne-Chef Michael Haefliger. Vielleicht ein erster Erfolg des Umdenkens von Sir Simon, bei dem nach dem Medienwirbel um seine angeblich mäßige Arbeit in Berlin langsam Glasnost und Perestroika einzusetzen beginnen. Mehr Offenheit nach außen, weniger Zwangsbegeisterung nach innen. Umso deutlicher zeigt sich, dass zwischen Abbado-Getreuen und Rattle-Begeisterten längst ein Graben quer durch die Berliner Philharmoniker verläuft.
In Salzburg wurde das neue „Haus für Mozart“ eröffnet (früher Kleines Festspielhaus). In den Waschräumen gab es kein kaltes, sondern nur mehr warmes Wasser – im Hochsommer 2006 ein beinahe widerwärtiges Detail am Rande. Wer beim Bayreuther Neu-„Ring“ noch keinem Hitzeschlag erlegen ist, besprenkelt sich bei Mozart lau die Schläfen. Kein Wunder, dass bis zum Ende der „Figaro“-Aufführungsserie das Ensemble noch nicht cool und abgekühlt genug war, um sich vom Druck des Netrebko- Hypes frei zu spielen. Bis zuletzt blieben die Aufführungen angespannt. Auch Harnoncourt dirigierte, als handele es sich nicht um die „Hochzeit des Figaro“, sondern um die „Mysterien eines Frisiersalons“.
Sommer bleibt Opernzeit. In Bayreuth treffen wir Christoph Schlingensief bei den Sushi- Damen gegenüber vom Bahnhof. Er hat die Hoffnung auf geistige Adoption bei den Wagners noch nicht ganz aufgegeben, bricht aber sein Schweigegelübde dennoch: Die Unterschrift für die Übernahme der „Ring“-Inszenierung habe man dem armen Tankred Dorst am Krankenbett abgepresst, tratscht er. Da weiß er vielleicht noch nicht, dass die Absetzung seines „Parsifal“ beschlossene Sache ist. Der läuft nur noch ein Jahr. Kein schlechtes Ergebnis! Die Halbwertzeit des neuen „Rings“ reichte nur bis zum Ende des ersten Zyklus – knapp eine Woche.
Die demnächst 50-jährigen Seefestspiele Mörbisch („Let’s Mörbisch“) haben ermittelt, dass 82 % ihrer Besucher Stammgäste sind. Mit der Überalterung geht man offensiv um: Am Zubehörstand gibt’s „Kissen und Decken“ und „Almdudler gespritzt“. Nach 43 Jahren wurde erstmals Lehárs „Graf von Luxemburg“ wiederaufgeführt – detailpusselig mit zwei Dutzend Papphäusern auf der Bühne, mit vier Brücken, einer Mühle und einem tiefen Binnensee. Zäh wälzt sich die Kolonne der Busse und Pkws zum Ufer – wie sonst nur zur Côte d’Azur. Intendant Harald Serafin ist stolz: „Wir haben den größten Theater-Parkplatz der Welt“. Allerdings ohne Motels. Demnächst will man sich dennoch umbenennen in „Moperetten-Mörbisch“.
Der „Dreigroschenflopp“, mit dem Klaus Maria Brandauer den Berliner Admiralspalast wiedereröffnete, endete bei der Premiere mit Brecht/Weill im Desaster. Nur Klaus Maria hat nichts gemerkt. Unter fortgesetztem Buh-Geheul tanzte er auf offener Bühne einen Spontan-Walzer. Wohl als symbolische Entschädigung für die fehlende Personenregie. Das erinnert fatal an Günter Grass’ Tanz nach Bekanntgabe des Nobelpreises.
Eine gute Nachricht von Vesselina Kasarova. Nachdem ihr CD-Vertrag mit BMG vor zwei Jahren über einem Händel-Album platzte (Kasarova wollte „Ombra mai fu“ nicht singen, weil es „womöglich nicht mal von Händel ist“), holt sie die Händelei jetzt im Konzert nach. Wo sonst als – in Bremen. Thomas Albert, Chef des dortigen Musikfests, lässt Kasarova am 13.9. eine Quersumme ihrer Händel- Erfahrungen singen (Carestini-Arien aus „Arianna in Creta“, „Alcina“ und „Ariodante“). Dirigent immerhin: Marc Minkowski. Mit dem hatte sich Kasarova unlängst noch in Zürich bei der „La favorite“ gestritten. Auch zahme Vögelchen können mitunter schrill zirpen. Zu dumm, dass anscheinend keine Plattenfirma das schöne Händel-Ereignis dokumentiert.
Paare, Passanten: a) Pünktlich zum 30-jährigen Bühnenjubiläum hat Anne-Sophie Mutter ihre Scheidung von dem Dirigenten, Pianisten und Komponisten André Previn bekannt gegeben. So wie andere sich heimlich trauen lassen, so haben diese beiden ihren Bund heimlich wieder gelöst. Nach dem Sommerloch können sie so den Verkauf ihrer (mit Daniel Müller-Schott eingespielten) Mozarttrios wieder ankurbeln. Weniger glücklich steht b) Barbara Bonney da. Die „älteste Soubrette der Welt“ (Bonney über Bonney) will sich von ihrem Mann und Manager scheiden lassen, der eine neue Freundin hat. Damit die bei der Trennung vom Einkommen ihrer Vorgängerin nicht profitieren kann, hat Bonney ihren vorläufigen Bühnenabschied verkündet. c) spielt in Österreich: Die adelige Lebensgefährtin von Thomas Hampson, Andrea Gräfin Herberstein, soll Fördergelder eines privaten Tier- und Naturparks für eigene Zwecke abgezweigt haben. „Auch mir werden kriminelle Handlungen unterstellt“, sagte Hampson der österreichischen Presse. Die Untersuchungen gehen weiter.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2006



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