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John Dew & das Staatstheater Darmstadt

Einstürzender Neubau

Zwei Jahre war das Staatstheater Darmstadt eine vielbestaunte Riesenbaustelle. Jetzt eröffnet die zweitgrößte Opernbühne Deutschlands mit einem Trouvaillen-Doppel aus Leoš Janáčeks „Osud“ und Hector Berlioz’ „Lélio oder die Rückkehr ins Leben“. John Dew, der wohl berühmteste Bilderstürmer der 80er Jahre, inszeniert erstmals im eigenen Haus. Robert Fraunholzer besuchte ihn auf der Baustelle.

RONDO: Herr Dew, wie ist es möglich, dass ein 30 Jahre altes Haus generalsaniert werden muss?

John Dew: Marmorplatten drohten von der Fassade zu stürzen. Neue TÜV- und Feuerschutzbestimmungen mussten umgesetzt werden. Das im Stil der 70er Jahre errichtete Haus war nicht mehr so, dass man Publikum damit anlocken konnte. Es war schäbig. Das hat 69 Millionen Euro gekostet.

RONDO: War das Haus so marode, weil es so neu ist?

Dew: Ja, man baute damals – wie heute – nicht für die Zukunft, sondern für die Gegenwart. Ich verlange nicht, dass man so massiv baut wie die Römer. Aber Sandstein und Aluminium halten einfach nicht lange genug.

RONDO: Schaffen Sie die Wiedereröffnung termingerecht?

Dew: Wer weiß? Wir waren während der Bauphase mit 60 Firmenpleiten konfrontiert. Jeweils der Billigste erhält den Zuschlag. Das ist oft jener, der zuerst Pleite geht. Dann muss erneut international ausgeschrieben werden. Wir waren 13 Monate im Rückstand.

RONDO: Sie kennen fast alle Opernhäuser der Welt. Welche sind die schlimmsten?

Dew: Ich habe 150 Werke an allen möglichen Orten inszeniert. In der Deutschen Oper Berlin stand noch in den 80er Jahren immer eine Kinderbadewanne mitten im Probenraum. Ich hielt das für einen Aberglauben, bis ich herausbekam, dass es an dieser Stelle hereinregnete. Das geschah, als West-Berlin noch hoch subventioniert war. Sie können sich vorstellen, wie es dann anderswo aussah. Alles hängt vom System ab. Es gibt Staatstheater wie in München, wo die Häuser erfolgreich auf sich selber achten.

RONDO: Sie haben viel abseitiges Repertoire inszeniert. Sind die kleineren Stadttheater dafür besser geeignet?

Dew: Nein, „Die Hugenotten“ in Berlin waren ja damals auch ein völlig unbekanntes Stück. Ich habe immer gegen die Verengung des Repertoires angearbeitet. Erst seit den 30er Jahren und als der Faschismus in Italien aufkam, wurde das Repertoire immer kleiner. Kunst reagiert sensibel auf Politik. Nach dem Krieg kannten selbst junge Komponisten aus der Zeit vor dem Krieg nur noch Schönberg und Berg. Wenn ich in Darmstadt jetzt einen Orff-Zyklus mit „Antigone“, „Oedipus der Tyrann“, „Catulli Carmina“ und vielem anderen beginne, so liegt das vor allem daran, dass Orff viele Werke für Darmstadt geschrieben und hier dirigiert hat.

RONDO: Sie selbst galten in den 80er Jahren als dreister Bilderstürmer.

Dew: Götz Friedrich hat immer gesagt, ich sei eine Ein-Mann-Avantgarde. Darunter verstehe ich den Mut zu tun, was zurzeit nicht akzeptiert wird. Im Augenblick ist die Zertrümmerung zur Regel und zum Ritual geworden. Das mache ich nicht mit. Ich möchte verhindern, dass Theater geschlossen werden, weil niemand mehr die Produktionen sehen will. Oder dass nur noch die Polnische Staatsoperette mit Giovanni Cazzolungo in der Hauptrolle gastiert.

RONDO: Welche Vorbilder haben Sie geprägt?

Dew: Wieland Wagner. 1966 kam ich durch die Meisterklassen von Friedelind Wagner nach Bayreuth. Dadurch dann auch nach Ost-Berlin zu Walter Felsenstein. Dort hat man sich sechs Monate Zeit für eine Inszenierung genommen. Allerdings hat man die Hälfte davon auf die Übersetzung verwendet. Wunderbar. Heute finde ich, die Regisseure haben zu viel Zeit.

RONDO: Und das sagen Sie als Regisseur?

Dew: Ich befürworte eine Verkürzung der Probenzeiten. Der Darsteller muss im Mittelpunkt stehen, dafür braucht man nicht ewig. Man sagt immer, das goldene Zeitalter liege jeweils 30 Jahre zurück. Im Fall der Operngeschichte können wir die vergangenen 100 Jahre überschauen. Sängerpersönlichkeiten wie Lotte Lehmann, Lauritz Melchior oder Claudia Muzio findet man nicht mehr. Ich glaube, sie werden nicht mehr gewollt.

RONDO: Glauben Sie nicht, dass viele Ihrer Einwände gegen das Regietheater auch auf ihre eigenen Arbeiten zutreffen?

Dew: „Regietheater“ ist ein scheußliches Wort. Man kann immer nur sagen: Für mich ist etwas richtig. Ob in Bellinis „Sonnambula“ eine Kuh auf der Bühne stehen soll oder nicht, darüber sagt die Partitur nichts aus. Leider wird es auf diese Weise immer subjektiver. Das Problem ist: Es klappt nur, wenn es klappt. Und das ist wohl eher selten.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2006



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