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Vokal total

Von Michael Blümke

Fest in weiblichen Kehlen befindet sich unser »Vokal total« dieses Mal. Gemeinsam ist allen Künstlerinnen, dass sie viel oder sogar überwiegend Alte Musik singen. Und intensive Klangrede damit selbstverständlich für sie ist. Von Sara Mingardo werden die Wenigsten ein Mahler-Album erwarten, zu sehr verbindet man ihren Namen mit den Werken Händels oder ihres Landsmannes Vivaldi. Und so überrascht sie mit in perfektem Deutsch gesungenen »Kindertotenliedern « und den »Liedern eines fahrenden Gesellen« – beide Zyklen mit der ihr eigenen künstlerischen Intelligenz gestaltet. Mingardos Stimme ist eine Rarität: ein echter Alt, kein künstlich abgedunkelter oder verschatteter Mezzo, darüber hinaus ein warm und sinnlich fließendes, perfekt projiziertes Organ – und nach wie vor in bester Verfassung. Wie schon gesagt, eine intelligente Sängerin. (Eloquentia/harmonia mundi EL 1233)

Mit Mahler präsentiert sich auch Magdalena Kožená auf ihrer neuen CD. Neben dessen »Rückert-Liedern« finden sich aber auch Ravels »Shéhérazade« und die »Biblischen Lieder op. 99« von Dvořák auf »Love and Longing«, dem Mitschnitt eines Konzertes vom Januar dieses Jahres in der Berliner Philharmonie unter der Leitung von Ehemann Simon Rattle. Dvořák ist für die Sängerin natürlich ein Heimspiel, das ihr entsprechend überzeugend gelingt. Doch während sie beispielsweise in »Ich bin der Welt abhanden gekommen« eine sehr schöne, wirklich poetische Atmosphäre evoziert, fehlt ihr für die drei Ravel-Lieder das typisch französische Parfum. Die Stimme ist dafür nicht duftig genug, das hat alles etwas zu viel Bodenhaftung. Außerdem steht ihr generell die Höhe nicht leicht und selbstverständlich genug zur Verfügung, die Tiefe besitzt zu wenig Substanz. Der Reiz rührt deshalb in erster Linie von ihrem aparten Timbre her. (Deutsche Grammophon/Universal 479 0065)

Die »Biblischen Lieder op. 99« stellen das verbindende Element zur nächsten Neuerscheinung dar, einem reinen Dvořák-Programm von Genia Kühmeier und Bernarda Fink. So schön Magdalena Kožená der Zyklus glückt – in Bernarda Fink findet sie ihre Meisterin. Obwohl nur vom Klavier begleitet (dem wie immer hervorragenden Christoph Berner), erklingen die zehn Lieder hier noch nuancenreicher, berühren sie noch unmittelbarer. In den »Mährischen Duetten op. 32« verbindet sich Finks Mezzo aufs Harmonischste mit dem Sopran von Genia Kühmeier, eine geglückte Kombination von jugendfrischer Direktheit und reifer Interpretationskunst. In ihrem ›eigenen’ Zyklus, den »Zigeunerliedern op. 55«, erreicht die Salzburgerin allerdings trotz einer sehr guten Leistung nicht annähernd Finks Niveau, die sich einfach als die bessere Gestalterin und Koloristin erweist. (harmonia mundi HMC 902081)

Nach all diesen barockerfahrenen Stimmen in romantischem Repertoire zum Abschluss noch ein reines Barock-Programm. Roberta Invernizzi, die seit rund 20 Jahren zur ersten Garde der Alte Musik-Sopranistinnen gehört, beweist in vierzehn Vivaldi-Arien, dass sie ihre Stimme mit Mitte Vierzig souveräner als je zuvor beherrscht: hochvirtuos und wie immer äußerst differenziert in der vokalen Ausgestaltung. Was ihr an purer Schönheit und Süße fehlt, macht sie mehr als wett mit ihrer aufregend direkten Emotionalität. Man spürt in jedem Moment ihre schlafwandlerische Sicherheit in und tiefe Verbundenheit mit diesem Repertoire. Das ist Barockgesang in Vollendung! (Glossa/Note 1 GCD 922901)

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 3 / 2012



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