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Simon Rattles „Planeten“

Griff nach den Sternen

Der Weltraum, unendliche Weiten! Dies sind die Abenteuer von Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern, die unterwegs sind, um jenseits der Holst’schen „Planeten“ mit musikalischen Asteroiden von Dean, Pintscher, Saariaho und Turnage in Klang-Galaxien vorzustoßen, die nie ein Mensch zuvor gehört hat.

Vom Himmelszelt wird es Simon Rattle wohl nicht abgelesen haben. Kurz nachdem er seine „Planeten“-Aufnahme zu Ende gebracht hatte, schlug in der Hauptstadt ein journalistischer Komet ein. Die Verwüstung war nicht gering. Sie bestand im Vorwurf, der Klang der Berliner Philharmoniker habe unter Sir Simon gelitten. Nachfolger für den „Gescheiterten“ stünden längst startbereit. Die philharmonische Eintracht brachte der Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gehörig aus dem Takt. Wie unseriös herbei geschrieben auch immer – ganz falsch war die Diagnose nicht. Tatsächlich brillieren die Berliner Philharmoniker unter Rattle nicht mehr so sehr bei Beethoven, Brahms oder Bruckner. Sondern bei Benjamin Britten oder Gustav Holst.
Rattles Konzerte mit Holsts „Planeten“ im März 2006 – und die daraus entstandene CD – wurden zur Visitenkarte einer gewissen Schräglage im Repertoire. Wenn diese „Planeten“- Schau trotzdem ein Lichtblick der Ära Rattle ist, liegt das nicht zuletzt an den hinzukomponierten Asteroiden von Kaija Saariaho, Matthias Pintscher, Brett Dean und Marc-Anthony Turnage. Nie haben die Berliner Philharmoniker neue Musik glanzvoller und maßstabsetzender gespielt als hier. Ein Vorstoß in neue Welten.
Das hängt auch an der Auswahl der komponierenden Sternendeuter. Auf der Probe von Matthias Pintschers „Towards Osiris“ wandte sich Simon Rattle noch ängstlich an den Komponisten: „Fängt das so laut an?“ Darauf Pintscher: „Noch lauter!“ Doch schon Saariahos Klangkatarakte in „Asteroid 4179“ orientieren sich hörbar am aufschneiderisch luftigen Gestus Holsts. Mark-Anthony Turnage gehört ohnehin zu den von Rattle protegierten Komponisten. Brett Dean spielte früher sogar im Orchester der Berliner Philharmoniker. So wird der Rückweg zur Erde, je weiter man sich von den Holst’schen „Planeten“ entfernt, umso kürzer. Turnages fettes Blech für „Ceres“ steigert sich zur donnernd effektsicheren Orchesterkeilerei. Deans „Komarov’s Fall“, ein Epitaph für das erste Opfer der zivilen Weltraumfahrt, ähnelt Science Fiction mehr als den abstrakten Höhen der Astronomie. Die vier Asteroiden, sie wahren auf je eigene Art kuschelige Nähe zum Holst-Original.
Die „Planeten“, ein Lieblingsstück Karajans, hat seither kaum mehr namhafte Dirigenten interessiert. Zu sehr erscheint uns der spätromantische Schmachtfetzen als Filmmusik ohne Film. Am Rande der Aufführung zeigte sich Rattle befriedigt darüber, wie viele Filmkomponisten von Holst abgekupfert haben. Ob dieses Lob bei uns viel für das Lieblingsstück der Briten ausrichten wird, bleibt ungewiss.
So manövriert sich Simon Rattle mit diesem ausgeklügelten, prestigeträchtigen Saison-Höhepunkt auch in eine prekäre Zwickmühle. Je besser sein Holst samt Satelliten klingt, desto leichtherziger werden die Feinde frohlocken. Übersehen wird, wie viel Rattle für die Gegenwartstauglichkeit der Berliner Philharmoniker hier erreicht. Und doch: Kaum je hat jemand die philharmonischen Sterne so nah zur Erde gebracht. Irgendwie fühlt sich dieser Sieg an wie eine Zwischenlandung auf dem Mond. Eigentlich wollten wir viel weiter. Doch hier waren wir auch lange nicht mehr.

Neu erschienen:

Holst

Die Planeten

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

EMI

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2006



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