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Haydn, Sinfonie Nr. 31 D-Dur »Hornsignal«

Die Koffer packen und los geht‘s. Was für die meisten Menschen den Sommer versüßt, war für Joseph Haydn ein harter Schlag. Als sein neuer Dienstherr 1765 sein »ungarisches Versailles« Esterháza bezugsfertig hatte, verabschiedete sich der Hofstaat vom rauschenden Wiener Leben in die Einöde. Im selben Jahr schrieb Haydn die Sinfonie Nr. 31 D-Dur, die an Verve und Vielfarbigkeit ihresgleichen sucht – und darüber hinaus den Reise-Klang der Posthörner aufnimmt. RONDO-Chefredakteur Carsten Hinrichs über eine Sinfonie mit Signalwirkung …

Knapp dreißig Jahre war Haydn in Esterháza künstlerisch auf sich gestellt, wie er seinem Biografen später gestand, »ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.« Und genau diese Originalität, für das 18. Jahrhundert ein Signalwort, das aufhorchen lässt, legt den Grundstein zu seinem späteren Weltruhm. Denn Haydn macht aus dem Umstand, allabendlich die fürstliche Familie als Publikum unterhalten zu müssen, große Kunst.
Die Sinfonie, bis dahin eine dreiteilige Komposition kleineren Zuschnitts, baut er konsequent zum anspruchsvollen Orchesterstück aus. Melodie und Harmonie sind am ausdrucksvollen Klavierstil Carl Philipp Emanuel Bachs geschult, die Wirkung der Effekte, die sein Einfallsreichtum ihm eingibt, kann er am immer gleichen Auditorium überprüfen und anpassen. Dazu gehören Trugschlüsse in der Harmonik, ungewöhnliche Instrumentalsoli und das Spiel mit der Erwartung des Hörers. So entwickelt Haydn seine Tonsprache, die man – stolz verkündet er es – »in der ganzen Welt versteht«: als Inbegriff der Wiener Klassik. Auch wenn die späteren Londoner Sinfonien zurecht als Gipfel dieser Experimentierfreude gelten, steckt die Entdeckungsreise durch die frühen Sinfonien, diesen Ausbund an Humor und Einfallsreichtum, voller Überraschungen.

Haydn in Esterháza: Notenarchiv und blanke Knöpfe

Das Orchester in Esterháza, dem Haydn als Kapellmeister vorsteht, und für deren Notenarchiv wie blanke Knöpfe er laut Anstellungsvertrag gleichermaßen verantwortlich ist, besteht aus 17, später 22 hervorragenden Musikern. Im Vergleich zu den Orchestern in Paris (60 Musiker) und London (40 Musiker) ist das wenig, doch für Haydn eine klangliche Welt. Seine Welt. Die Violinsoli teilt er sich mit dem Italiener Luigi Tomasini, am Cello brilliert Joseph Franz Weigl. Und zum zweiten Mal stehen ihm ab Mai 1765 nicht nur die üblichen zwei, sondern gleich vier erstklassige Hornisten zur Verfügung: Carl Franz, Thaddäus Steinmüller, Johann May und Franz Stamitz. Ihnen schreibt er die anspruchsvollen Partien auf den Leib. Dass sich die Soli Haydns bis heute mit konkreten Namen verbinden lassen, das unterscheidet die professionelle und kollegiale, weil ständig unterhaltene Truppe in Esterháza von manchem Liebhaberorchester größerer Städte.
Der Sinfonie Nr. 31, die Reise und Ankunft im neuen Sommerschloss zu illustrieren scheint, hat Haydn nicht nur eine schmissige Militärfanfare der vier Hörner an den Anfang gestellt, er lässt das erste Horn gleich im Anschluss ein angriffslustiges Motiv aus Oktavsprüngen intonieren. Den Ohren des 18. Jahrhunderts war der Klang so vertraut, wie uns heute die markante Fünf-Ton-Folge des Telekommunikationsriesen in Pink. Und hatte genauso wenig mit Musik zu tun, denn das Posthorn und seine Oktavsignale benutzten die Postkutscher ebenso als Hupe im Verkehr, wie zur Ankündigung an der nächsten Station. Über bestimmte Tonfolgen konnten sogar die Anzahl der Wagen, Pferde und Reisegäste übermittelt werden, so dass der Ersatz beim Eintreffen schon bereitstand. Ein Alltagsklang, der adelnd in die Sphäre der Kunstmusik erhoben wurde. Von dort führt sein Weg bis zum Scherzo der 3. Sinfonie Gustav Mahlers, wo sich das Posthorn, als Inbegriff der Naturverbundenheit und Reiseromantik in einem schwärmerischen Solo vor Streichernebel von der Musikwelt verabschiedet. Zu Mahlers Zeiten gab es schon Autohupen, und Züge beförderten Gäste und Post weit schneller als die altertümlichen Kutschen.
Haydn lässt in seiner Sinfonie darüber hinaus die Kollegen mit zahlreichen Auftritten glänzen. Der zweite Satz, ein geruhsames Adagio, beleuchtet Violine und Cello im Tête-a-tête, gebettet auf dem weichen Moos der vier Hörner. Markante und zackige Töne schlägt das Menuett an, aber das Schmuckstück ist das Finale, ein Variationssatz. Das Thema in den Streichern beantworten als erste die Holzbläser, stolz geschwellt, es folgen Variationen für das Solo-Cello, die Solo-Flöte, die Hörner und die Violine. Die Wiederkehr des Themas im ganzen Orchester scheint das Ende einzuläuten (und bei einem durchschnittlichen Komponisten wäre das auch der Fall), aber Haydn lässt noch einen Solisten auftreten: den Kontrabass (!), der sich über zarten Streichereinwürfen auf Spitze stellt (ein genialer Vorläufer von Saint-Saëns‘ tanzendem Elefanten aus dem Karneval der Tiere). Ein Wechsel nach Moll – Minore-Variation? Weit gefehlt, nur eine Überleitung. Da fahren, wie ein Peitschenknall, die vier Hörner im Presto dazwischen, zu aberwitzigen Läufen der Streicher. Schließlich nehmen sie, als wäre das von Anfang an ihr Ziel gewesen, die blitzende Militärfanfare des Beginns wieder auf, und Schluss! Eine runde Sache.
Mit diesem Hintergrundwissen im Gepäck gehen wir den Hörtest an. Die Frage, ob historisches oder romantisches Instrumentarium, ist nicht vorschnell zu entscheiden, längst haben Spezialisten die Erkenntnisse der Aufführungspraxis auf modernen Instrumenten zumindest assimiliert. Entscheidender wirkt sich da schon die Besetzungsstärke aus. Gerade die frühen Haydn-Sinfonien werden, von einem tankerträgen Sinfonieorchester gespielt, schwerfällig und dann schnell langweilig. Hier müssen die Details blitzen, die Sechzehntelketten der Flöte gestoßen werden und die Läufe sirrend im Tiefflug aufs Ohr treffen! Also bitte nicht so, wie Béla Drahos es 1998 mit der Nikolaus Esterházy Sinfonia vorgemacht hat. Ein rüschiges Stahlrahmen-Cembalo wirft die Aufnahme in finstersten Karajan-Barock zurück. Gefangen in der Hallwolke ersticken Haydns Spitzenstickereien in einer Klang-Sauce, die auch die Tempi lähmt. Schade. Dabei hat der Mann als Flötist unter Adam Fischer gespielt. Behutsamer geht der Japaner Hidemi Suzuki die Sache an (2003, Orchestra Libera). Sein Orchester entspricht der Besetzung unter Haydn, die Aufnahme kann klanglich nah heranrücken, ohne zu dicht zu wirken. Die Details nimmt Suzuki penibel unter die Lupe, aber was er mit all dem freigekratzten Zierrat will, vermag er uns nicht zu vermitteln. Im vierten Satz bleibt plötzlich die Zeit stehen und die Noten werden durchbuchstabiert, das pfiffige Finale wird klebrig wie ein Kaubonbon.
Sir Charles Mackerras hatte sich bereits 1988 des klingenden Reisekoffers angenommen, mit dem Orchestra of St. Luke‘s. Mackerras liebäugelt mit historischer Aufführungspraxis, ohne sie dogmatisch zu verfolgen. Mackerras` Spürsinn vermochte aus der Partitur abzuleiten, was auch zeitferne Kompositionen brauchen, um aufzuleben. Trotz moderner Hörner und Streicher und dank Kammerbesetzung atmet sein Haydn voller Schwung, klanglich sauber eingefangen. Sein Adagio hat den berührendsten Wechselgesang von Violine und Cello der hier vorgestellten Aufnahmen.
Aus dem gleichen Jahr stammt auch die Aufnahme, die der in Aufführungspraxis wiederum sehr erfahrene Christopher Hogwood im Rahmen seiner Gesamtaufnahme mit der Academy of Ancient Music bei Decca vorgelegt hat. Sogleich fällt die größere Bereitschaft der Naturhörner zur Attacke auf, der im Oktavsprung nach oben glissandierende Erste Hornist ist eine Sensation. Bei den Streichern wird dafür umso weniger gebunden, was dem Orchesterklang den nervös-spannungsreichen »historischen« Klang verpasst. Oboen ganz ohne den betulich nasalen Glockenklang des Wiener Typs, eine Erholung. Das Finale geht Hogwood aufgeräumt frisch an, was dem wirklich schlichten Thema auch gut tut. Die Bläserharmonie sonnt sich so richtig im Glanze ihrer selbst, herrlich! Die Solisten sind allesamt in bester Spiellaune.
Die 2001 im Haydn-Saal in Schloss Esterháza entstandene Aufnahme von Adam Fischer mit dem Austro-Hungarian Haydn Orchestra lässt ebenfalls die Hörner strahlen, der Orchesterklang ist nicht mehr so sehr um stilistische Abgrenzung bemüht wie bei Hogwood, dafür gelingen einige Details, wie aufstrebende Läufe mit crescendo, etwas lässiger. Der Hornklang ist edel, aber nicht so unmittelbar wie bei Hogwood, das Finale gerät zu brav, nur der Presto-Schluss hat den nötigen Biss.
Die beiden Spitzenreiter in puncto Angriffslust sind Thomas Fey mit den Heidelberger Sinfonikern (2008) und Altmeister Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus Wien (1993). Man merkt, dass Fey Harnoncourt- Schüler ist. Hier wie da sind die Streicher vibratolos silbern und präsent, die Hörner kläffen, die melodischen Phrasen werden sprachlich behandelt, abgesetzt und wie Gesten mit Sinn aufgeladen. Nur, dass der Lehrer dabei immer noch über dem Geschehen zu stehen vermag und ihm seine Richtung aufzwingt. Es ist dieses Quäntchen, was die sehr gute Aufnahme von Fey von der Spitzenaufnahme Harnoncourts trennt, etwa wenn dieser das Menuett vorexerzieren lässt, wo jener es trotz marschartigem Duktus zum Swingen bringt. Dabei ist Harnoncourts Aufnahme klanglich längst nicht so tief gestaffelt, die Streichereinwürfe des Beginns ertrinken hinter den Hörnern. Aber wenn ich zwischen diesen beiden wählen müsste – in den Reisekoffer käme Harnoncourt.

Als Mitbringsel:

Warner

Concentus Musicus, Nikolaus Harnoncourt

Academy of Ancient Music, Christopher Hogwood

Decca/Universal

Für die Fahrt:

Heidelberger Sinfoniker, Thomas Fey

Hänssler/Naxos

Austro-Hungarian Haydn Orchestra, Adam Fischer

Edel/Nimbus

Orchestra of St. Luke, Charles Mackerras

Telarc/in-akustik

Wird unterwegs entsorgt:

Orchestra Libera, Hidemi Suzuki

TdK/Codaex

Esterházy Sinfonia, Béla Drahos

Naxos

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 3 / 2012



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