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Simon Keenlyside

Zu viel Mozart ist frustrierend

Er ist es gewohnt, genauer hinzusehen als andere. In seinen Rollenporträts ist der britische Bariton Simon Keenlyside ein Perfektionist, ein Tüftler, ein Besessener. Und einer, dessen Charme man ohne Weiteres erliegen kann. Wie Jörg Königsdorf in Zürich erfuhr.

Unermüdlich ist dieser Don Giovanni auf der Bühne des Züricher Opernhauses am Werk: Irrlichtert, bezirzt, charmiert, zieht das Netz um seine Opfer zusammen, auch wenn Mozart und Da Ponte gerade den anderen Mitspielern dieses gar nicht so lustigen Dramma giocoso das Wort erteilt haben. Man kann es Anna, Elvira und Zerlina an diesem Abend kaum verdenken, dass sie den Verführungskünsten Simon Keenlysides erlegen sind: Seinem kernigen, in streichelzartes Timbre gehüllten Bariton, aber auch dem dämonischen Machismo, mit dem der Brite Mozarts dunkelsten Opernhelden erfüllt. „Für mich war Don Giovanni immer schon ein düsterer, durch und durch verdorbener Typ. Ich bin noch mit den Aufnahmen der großen amerikanischen Baritone der 50er und 60er Jahre groß geworden, aber mit der strahlenden Festlichkeit, in der damals ein Stück wie die Champagner-Arie gesungen wurde, konnte ich nie etwas anfangen.“
Eine Einstellung, die durchaus als typisch für Keenlyside gelten darf: Der reine Schöngesang hat den 46-Jährigen nie interessiert. Wie seine Fach- und Generationskollegen Bo Skovhus und Dietrich Henschel will auch Keenlyside auf der Bühne Charaktere ausloten, rückt den Figuren Mozarts und Verdis, Debussys und Brittens auf der Suche nach ihren seelischen Abgründen und verborgenen Triebkräften zu Leibe, versucht, hinter die Schaufassade der Worte und Melodien zu gelangen. Eine akribische Kleinarbeit, bei der kein Detail unberücksichtigt bleibt: Als er vor Jahren in Berlin ein Gastspiel in der alten Ruth-Berghaus-Inszenierung von Rossinis „Barbier“ gab, konnte man ein darstellerisch bis ins Detail ausgefeiltes Rollenporträt erleben – Keenlysides Kollegen, die sonst in dem Repertoirestück den Figaro sangen, hatten einen Großteil der Regieanweisungen einfach ignoriert.
Kein Wunder, dass auch ein Originalklang- Spezialist wie René Jacobs mit dem stilistisch vorgebildeten Sänger arbeitet: Nach ihrem Grammy-gekrönten „Figaro“ nehmen die beiden Ende des Jahres den „Giovanni“ auf – mit seiner inzwischen an die zehn Jahre alten ersten Einspielung unter Claudio Abbado sei er ohnehin nie ganz zufrieden gewesen, erklärt Keenlyside unumwunden.
Ebenso wichtig ist es ihm freilich, ein ganz grundlegendes Missverständnis auszuräumen. In Deutschland gelte er immer noch als Mozartsänger, als Papageno, Giovanni oder „Figaro“-Graf, der Rolle, mit der er 1985 sein Debüt an der Hamburger Oper gab. „Dabei wäre es für mich eher frustrierend, zu viel Mozart zu singen – weil ich da nur die Hälfte meiner Stimme einsetzen kann.“ Immerhin dürfte sein Salzburger Pelléas, für den er bei den Osterfestspielen ungeteilten Kritikerjubel erntete, das Bild vom ewigen Papageno und Giovanni schon einigermaßen korrigiert haben, und auch auf seiner neuen Recital-CD ist Mozart nur einer unter vielen. Stattdessen zieht es Keenlyside mit Macht zur großen Oper des 19. Jahrhunderts, zu Wagner, Tschaikowsky und Verdi. Schon vor einigen Jahren präsentierte er sich beim Neujahrskonzert der Berliner Philharmoniker mit Verdi-Arien, Rollen wie Posa im „Don Carlos“ oder Ambroise Thomas’ „Hamlet“ gehören ebenso zu seinem Bühnenrepertoire wie Rossinis Figaro.

Hommage an die großen Sänger des italienischen Fachs

Die Zusammenstellung der Titel seiner neuen CD will Keenlyside denn auch als ausdrückliche Hommage an seine Vorgänger im großen italienischen Fach verstanden wissen: „Das ‚Come due tizzi accesi’ aus Ciléas selten gespielter ‚Arlesienne’ zum Beispiel ist meine Reverenz vor Tito Gobbi, von dessen Aufnahmen ich unglaublich viel gelernt habe. Gobbis Stimme war vielleicht nicht die größte aller Zeiten, aber es ist einfach faszinierend, welchen Reichtum an Farben und Nuancen er immer wieder aus ihr herausholt. Auch auf Schallplatte ist jede Gobbi- Figur ein ganz klar gezeichneter Charakter voller verschiedener Facetten. Und die Ciléa-Arie war nun mal eines seiner Lieblingsstücke.“ Ebenso lasse sich die Germont-Arie aus der „Traviata“ als Hommage an Robert Merrills Aufnahme des Stücks unter Toscanini verstehen – Tito Gobbi, gesteht Keenlyside, sei für ihn zwar ein Vorbild gewesen, aber beileibe nicht das einzige.
Angesichts von Keenlysides stilistischer Akribie ist es kaum verwunderlich, dass er den Liedgesang als einen zentralen Teil seiner Arbeit begreift. Ein gutes Drittel seiner Auftritte ist dem Lied gewidmet, den deutschen Klassikern von Schubert bis zu Hugo Wolf und Richard Strauss ebenso wie den französischen Mélodies von Duparc, Fauré und Poulenc und den immer noch auf dem Kontinent sträflich missachteten englischen Liederzyklen von Komponisten wie Vaughan Williams, Warlock und Britten. Ein Lied zu erarbeiten, seinen Subtilitäten und dem Hintersinn der Worte nachzuspüren sei wie Sudoku, erklärt er. Wohl auch deshalb konzentriert sich Simon Keenlyside weitgehend auf die Sprachen, die er selbst fließend beherrscht: Englisch, Französisch, Italienisch und auch Deutsch, das er während seiner Zeit im Ensemble der Hamburger Oper perfektionierte. „Schon damals habe ich Liederabende vor deutschem Publikum mit deutschen Liedern gegeben – ich dachte: Wenn dein Deutsch für dieses Publikum gut genug ist, dann reicht es auch für den Rest der Welt.“

Neu erschienen:

Tales Of Opera

Simon Keenlyside, Münchner Rundfunkorchester, Ulf Schirmer

Sony

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 4 / 2006



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