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Beethoven Revisited

Es hat etwas Verwegenes, Donquichoteskes, wie sich das Label Telos hier einen kompletten Beethoven-Zyklus aus den disparaten Stücken zusammenliest, die im Laufe von vier Jahren beim Böblinger Pianistenfestival abfallen, wo gastierenden Spielern stets ein bis zweit Sonaten aufgegeben sind. Natürlich ist das Ergebnis problematisch, was auch am extrem gleißenden Diskant des generell recht hart intonierten Sauter-Flügels liegen könnte. Zwei klavierlöwenhaftere Jungrussen nehmen durchaus für sich ein. Boris Giltburg kann nichts ändern am schrillen Sauter-Diskant, aber im etwas abgewetzten, heiklen op. 26 setzt er diese Schärfe regelrecht ein. Wir hören keine behagliche As-Dur-Schönheitsfeier, sondern ein sperriges, in seiner dramaturgischen Unentschlossenheit – gibt es einen programmatischen Verlauf? – interessantes Geschehen. Dass schließlich Eugene Mursky mit der „Waldsteinsonate“ seine gefürchtete Opulenz gegen diesen instrumentalen Widerstand so triumphal und durchaus geschmackvoll behaupten kann, ist überraschend. Und doch, ein konkurrenzfähiger Beethoven-Zyklus wird sich bei so viel stilistischer Zentrifugalkraft wohl kaum zusammenfügen. (Telos/Naxos)

Wie verdient hat sich Eric Le Sage mit seinem Schumann- Zyklus gemacht! Danach enttäuschen bei aller manuellen Gediegenheit die letzten drei Sonaten erheblich, deren unumkehrbares Geschehen er nicht nacherzählen kann. Die Rezitative des op. 110 drängen nicht zur Sprache, das säuselt wie romantisches Neobarock. Dass er diesen ungeheuren Moment des Abstürzens ins „Ermattet, klagend“, als das erlösende As-Dur nur einen Akkord entfernt war, so ungestaltet übergehen oder die Arietta des op. 111 in ungerührter Sonorität voll ausdrucksheischender Rubati (T. 9!) versinken lassen kann, verstehe ich angesichts der enormen Begabung dieses Pianisten nicht. Das ist leider fast schon Igor-Levit-Style. (Alpha/Note 1)

Bei den ersten Folgen seines vielleicht etwas früh begonnenen Zyklus war ich wohl allzu streng. Aber in der letzten Lieferung erfüllt Christian Leotta alle in ihn gesetzten Hoffnungen, ja mehr als das. Man findet schlichtweg keinen leeren, unbedacht formulierten Takt, so anfechtbar und betulich-langsam vieles auch gerät. Mit welchem klanglichen und agogischen Feinsinn lässt er „die Schöne und das Biest“ im op. 54-Kopfsatz aufeinandertreffen, wie einfühlsam und schlicht ist die versöhnende Coda! Und hat man je diesen kleinen Zwist zwischen hymnischem Des-Dur-Choral und markant abschweifender Unterstimme im kleinen Allegretto des op. 10/2 gehört? In seiner Not, den humorig-polternden Beethoven nicht recht zu mögen, verwandelt er das lustig zulangende op. 31/1-Allegro in eine ironisch steife Maschinenkomödie, die von notorischer Desynchronisation handelt und in deren Adagio-Akt sich Drahtpuppen ungelenk in Grazioso-Gesten versuchen – es ist witzig neben der Spur. Einsamer Gipfel ist ein schon verboten langsam beginnendes op. 101, dessen Thema sich in einer magischen Gespanntheit entfaltet. Genug der Schwärmerei, der mittlerweile 34-jährige Italiener ist ein bedeutender Beethoven-Interpret geworden. (Atma Classique/New Arts International)

Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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