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(c) Bernd Uhlig/Oper Stuttgart

Düsterer Seelentod: Wolfgang Rihms „Lenz“

Stuttgart, Oper

Es gibt so Kunstkombinationen, da kann man beinahe zu 100 Prozent sicher sein, dass sie funktionieren werden. Und so ist es nun in Stuttgart geschehen mit Wolfgang Rihms 75-Minuten-dichtem Frühwerk „Lenz“ in der Regie der harten Psychologie-Domina Andrea Breth und mit dem in allen verstörten Gemütern wunderbar irre aufgehenden Ausnahmebariton Georg Nigl in der Titelrolle.
Das Stück ist eine Fallstudie nach Georg Büchners Fragment gebliebener Novelle über den Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792; „Der Hofmeister“, „Die Soldaten“), der sich selbst und der Umwelt verloren geht. Im Verlaufe seines Aufenthalts im Hause des Pastors Oberlin vollziehen sich das Scheitern und der psychische Verfall eines jungen Hochbegabten.
Lenz steht unter dem Einfluss von Stimmen, die er zu hören glaubt, die sich von Fall zu Fall personifizieren, und die sein Denken und Handeln schließlich ganz einnehmen. Sie haben den jungen Künstler in die Ferne gelockt, sie bringen gute oder schlechte Botschaft, quälen oder trösten ihn.
Wolfgang Rihms 1979 in Hamburg uraufgeführte Kammeroper hat wegen ihrer dramatischen Dichte, ihres griffigen Sujets und ihres geringen Aufwands immer einen guten Platz im zeitgenössischen Repertoire gehabt, doch die so düstere wie packende Stuttgarter Produktion mit ihren knallhart voneinander abgesetzten Szenen einer zunehmenden Verwirrung an sich selbst und den Menschen adelt sie auf der großen Bühne.
Martin Zehetgruber hat für die Sprechszenen eine biedere Bürgerstube gebaut. Die phantasmagorische Sphäre des „Lenz“ gleicht hingegen einer archaischen Unterwelt mit Felsblöcken, durchzogen von Wasserrinnsalen. Hier verliert Georg Nigl als fast schon zu lebensechte Borderline-Figur beinahe jeden Moment den Halt. Rihms Musik, gespielt von nur elf Musikern unter der Anleitung von Frank Ollu, zerbröselt zuhörens. Am Ende wird Lenz in eine Zwangsjacke gesteckt: eine sich verlierende Seele, die nicht mehr den Weg „nach Hause“ findet.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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