Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Iko Freese/drama-berlin

Arschwackelwettbewerb: Jacques Offenbachs „Die schöne Helena“

Berlin, Komische Oper

Der Komischen Oper glückt derzeit fast alles. Ob „West Side Story“, „Zauberflöte“, „Ball im Savoy“ oder „Clivia“: Alles super gewesen. Wie das toppen? Die Anstrengung, in Siegesserie weiter zu produzieren und auch Offenbachs „Schöne Helena“ zum Sieg zu führen, ist der Sache diesmal anzumerken. Und zwar gerade an der Kalaschnikow des Frohsinns, die Regisseur Barrie Kosky direkt aufs Publikum richtet. Großer Arschwackelwettbewerb! Lederhosengeschwader und der überkandidelte Sprechstil eines freilich supermotivierten Ensembles scheinen leicht vorhersehbar. Das ist Spiegel der Tatsache, dass Offenbachs Antikenparodien heute nicht mehr leicht zu händeln sind.
Kosky kocht die Geschichte der „schönsten Frau der Welt“, die sich als Ehefrau langweilt und vom ersten, hergelaufenen Schnuckel (namens Paris) entführen lässt, auf den zeitlosen Kern herunter: Helena ist die „Desperate Housewife“ schlechthin. Nicole Chevalier mit Champagner-Quasselwasser im Sopran sieht auch tatsächlich haargenau aus wie Teri Hatcher aus besagter US-Fernsehserie. Ständig werden Chansons eingestreut: „Je ne regrette rien“, Charles Aznavours „Formidable“ und „Ne me quitte pas“. Was den Abend in die Länge zieht. Die Pause kommt zu spät.
Trotzdem hat Kosky wieder reihenweise Darsteller wachgeküsst. Nicht nur Peter Renz als Menelaos, der sogar im Rollstuhl die Pointen souverän abfängt. Tansel Akzeybek (Paris) mag ein Tenor von der Stange sein; sitzt aber auf seiner Helena wie angegossen. Theresa Kronthaler als Crossdresser Orest und Stefan Sevenich als Fettkugel Kalchas: bezaubernd. Erstaunlich, wie es Kosky gelingt, die Verantwortung für einen Abend, bei dem ihm selber gar nicht so viel eingefallen ist, auf seine Mitstreiter zu übertragen. Die retten es. Aufgewacht ist dabei auch Henrik Nánási, der bislang verhaltensunauffällige Generalmusikdirektor des Hauses. Mit wunderfeinen, silbrig-seidigen Klangpointen liefert er – noch ein Superlativ! – den besten Berliner Offenbach seit mindestens 30 Jahren.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2014



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Als „einer der prägenden Opernkomponisten seiner Generation“ wird der aus Aachen stammende […]
zum Artikel »

Gefragt

Anna Netrebko

Wahnsinnig in Form

10 Jahre Deutsche Grammophon, doch erst das vierte Studioarienalbum. Das macht neugierig auf Anna […]
zum Artikel »




Top