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(c) Steve Brookland

Pablo Held

Brückenkopf

Sein Horizont ist weit: Klassik, Jazz, Musik aus allen Kontinenten. Dieser Pianist vereint, was scheinbar auseinander liegt.

Aufeinander hören, Entwicklungen ahnen, Akzente setzen, sich auf unbekanntes Terrain vorwagen, in früheren Konzerten Gespieltes hervorholen oder vergessen können: Dank dieser Fähigkeiten nimmt das Pablo Held Trio seit fast neun Jahren eine außergewöhnliche Stellung in der deutschen Jazzlandschaft ein, die 2013 ein gemeinsames Konzert mit John Scofield ermöglichte und – nach vielen anderen Preisen – 2014 durch die Verleihung des SWR Jazzpreises gewürdigt wurde.
Der Kölner Pianist und Ensemblegründer will alles: zum einen die Leichtigkeit und das Unerwartete, das improvisierte Musik mit sich bringen kann, und zum anderen die Struktur, die Form, das Überlegte, das aus dem überlegten Zusammenfügen von Tönen, dem Komponieren, entstammt: „Das Komponierte soll wie improvisiert wirken, und das Improvisierte wie komponiert.“ Als Pablo Held 1986 geboren wurde, begeisterten Musiker wie die Bassisten Dave Holland und Miroslav Vitous, die Pianisten John Taylor und Paul Bley, der Trompeter Kenny Wheeler oder der Schlagzeuger Paul Motian gerade erst das Publikum für das Leichte, Filigrane, Schwebende im Jazz. Daran konnte Pablo Held anknüpfen, als er sein eigenes musikalisches Konzept formte.
Held, der Kontrabassist Robert Landfermann und der Schlagzeuger Jonas Burgwinkel legen Fährten, denken sich in die Entwicklungslinien der Partner, kommentieren diese, führen sie fort, ignorieren sie – wie in einem Gespräch, das gute Freunde miteinander führen, und bei dem man auch schweigen kann, gerade weil man bei der Sache ist und Wichtigem lieber zuhört, als den Gedankenfluss des Partners durch eigene Einwürfe zu stören.
Denn Helds Konzept ist anders als das amerikanischer Jazzgrößen. Wegweisende Pianisten wie Fats Waller, Earl Hines, Art Tatum, Oscar Peterson, Bud Powell, John Lewis, Kenny Barron oder Cedar Walton bevorzugten in ihren Trioaufnahmen lange, bruchlos miteinander verbundene, durchgehend swingende Tonketten – Meister ihres Fachs, aber eben auch Vertreter einer grundlegend anderen Ästhetik. Selbst Bill Evans oder Herbie Hancock, die in den 1950ern und 1960ern das Jazzpiano neu definierten, ließen noch nicht so viele spannungsvolle Zwischenräume wie Pablo Held und seine Partner.
Die Tradition des Jazz lernte Pablo Held schon durch die Schallplattensammlung seines Vaters kennen – aber nur als eines von vielen Elementen der euro-amerikanischen Musikgeschichte, denn Musik von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven oder Franz Liszt gehörte ebenfalls zu seinen frühen Hörerlebnissen. Und diese wiederum waren – so die Zeugnisse von Zeitgenossen – begnadete Improvisatoren. Es entsprach also durchaus der historischen Situation, dass Pablo Held als Klavierschüler gerne deren auf Papier festgehaltene Noten durch eigene Ideen modifizierte.

„Scofields Frau schrieb schon an der Absage. Aber Bill Stewart sagte: Mit diesen Jungs soll er ruhig spielen!“

In diesem Punkt hat er sich gewandelt: Zu Hause spiele er „fast nur klassische Musik“ getreu dem Notentext – die Improvisation ist eine Angelegenheit der Bühne. Werke von Aaron Copland, Igor Strawinski oder Maurice Ravel haben ihn schon zur Auseinandersetzung gereizt, außerdem hat er eine Sammlung von Sinfonien durchgearbeitet, die Leonard Bernstein dirigiert hat. Beim Gespräch im Herbst 2014 beschäftigte er sich gerade mit Henri Dutilleux ´ erster Sinfonie, dem Gesang der Voix Bulgares und dem Album „You‘re Dead!“ von Flying Lotus, einer Produktion, an der Herbie Hancock am Fender Rhodes mitgewirkt hat.
Die Musik des Pablo Held Trios lässt Luft zum Atmen, und die Melodien scheinen durch elastische Fäden miteinander verbunden – ein flexibles Netz, lose geknüpft, aber keinesfalls willkürlich zusammengefügt, sondern wie das Gewebe einer Spinne aus einem unbewussten, nicht auf Papier, wohl aber in der gemeinsamen Erfahrungen der Band herausgebildeten Bauplan abgeleitet. So tupfen sie Themen an, drehen, wenden, erkunden sie – und dies mit einer Souveränität, in der sich virtuoses Können und Gelassenheit paaren. Die drei haben keine Eile, innerhalb kürzester Zeit möglichst viele Töne ins Geschehen zu werfen. Sie verdichten lieber, lassen Gedanken reifen, werfen Nebenideen ein, reißen Entwicklungslinien um, brechen andere ab oder beharren auf einer Figur, die im Lauf der weiteren Ausgestaltung immense Kraft entwickeln kann.
Dies ist bei Trio-Auftritten selbstverständlich, und das war auch so, als das Trio mit John Scofield in der Kölner Philharmonie auftrat. Danach schwärmte der amerikanische Gitarrenstar: „Sie haben einen ganz freien Spiel-Ansatz entwickelt und können sich intuitiv sehr schnell als Einheit zu unterschiedlichen musikalischen Orten bewegen.“ Dass es zu dem Konzert kam, verdankt Pablo Held der „European Concert Hall Organisation“ (ECHO), deren Mitglieder für alle „Rising Stars“ eine Tournee durch die angeschlossenen Häuser organisieren. Die Kölner Philharmonie gewährte Pablo Held zudem die Chance, einen Gastmusiker zu verpflichten – und der sagte zu. „Eigentlich wollte seine Frau schon eine Absage schreiben“, plaudert Held. „Aber Scofields Drummer Bill Stewart hat das mitbekommen und gesagt: Nein, nein, mit diesen Jungs soll er ruhig spielen.“ Also bereitete er sich gewissenhaft vor, genoss die Atmosphäre und das Können, und war nach Proben und Konzert so begeistert, dass sie im Frühjahr 2015 als Quartett auf Tournee gehen.

Neu erschienen:

Pablo Held: The Trio Meets John Scofield

Pirouet/NRW Vertrieb


Held auch manchmal still

„Die Interaktion ist mir wichtig. Dass man sich immer wieder pusht, ins Unbekannte, dahin, wo wir uns vielleicht nicht wohl fühlen, um dort etwas Neues für uns zu finden. Wenn man nicht spielt, dann spielt man eigentlich auch. Eine Pause ist auch ein Statement, damit ist man trotzdem noch Teil der Musik. Ich habe nicht das Gefühl, wenn ich jetzt nicht spiele, hört die Musik in mir oder um mich herum auf. Wenn jemand spielt, und man reagiert nicht, dann lässt man das einfach für sich stehen oder sagt einfach: Das kann auch ohne mein Zutun existieren. Nichts ist schlimmer als jemand, der nur spielt, damit er spielt.“ (Pablo Held)


Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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