Startseite · Klang · Hörtest

Hörtest

Richard Strauss: „Vier letzte Lieder“

Schöner kann ein Sopran nicht schwelgen: Für die „Vier letzten Lieder“ würden viele glatt auf den übrigen Strauss verzichten.

Der Franz ist an allem schuld. War er es doch, der seinem Vater riet, das Schweizer Exil zur Komposition eines späten Werkes zu nutzen. Und so machte sich Richard Strauss 1948 an die Vertonung einiger Gedichte, die er von Anfang an als Orchesterlieder konzipierte. Mit Eichendorffs „Im Abendrot“ begann er am 6. Mai und ließ ihm drei Gedichte des erst zwei Jahre zuvor mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Hermann Hesse folgen. Am 20. September war mit „September“ das letzte dieser Lieder vollendet, die freilich nicht als Zyklus geplant waren und den Titel „Vier letzte Lieder“ auch erst posthum von Strauss’ Verleger angeheftet bekamen.
Nun üben Schwanengesänge seit jeher eine eigentümliche Faszination aus, bieten stets Anlass zu Deutungen und Spekulationen, doch der von Richard Strauss nimmt selbst in dieser exponierten Gruppe noch eine Sonderstellung ein. Ein „Requiem für sich selbst“ nannte Karl Schumann die „Vier letzten Lieder“ und trifft es damit recht gut. Die eigene Ergebenheit und Gelassenheit verwandelte der Komponist überlegen in Töne: Schöner und gleichzeitig berührender, schwelgender und dabei wahrhaftiger lassen sich diese Stimmungen nicht ausdrücken.
Da diese Lieder nicht als zusammenhängendes Ganzes gedacht waren, gibt es auch keine vom Komponisten bestimmte Reihenfolge. Die wurde erst bei der Uraufführung am 22. Mai 1950 in der Londoner Royal Albert Hall durch Kirsten Flagstad und Wilhelm Furtwängler festgelegt. Damals erklang als erstes „Beim Schlafengehen“, gefolgt von „September“, dann „Frühling“ und als Abschluss „Im Abendrot“. Diese Reihung blieb einige Jahre lang Usus, bevor das dritte Lied mit dem ersten den Platz tauschte – die bis heute übliche Abfolge.

Stimmbändertraining für Sirenen

Und die ist nicht nur dramaturgisch schlüssiger, sondern vor allem sängerisch sinnvoller: Nur in „Frühling“ wird die Interpretin in luftige Höhen geschickt (allerdings zuvor gleich als Einstieg – „In dämmrigen Grüften“ – auch erst einmal richtig in den Keller), danach darf sich die Stimme in eher entspannteren Lagen tummeln. Bezeichnenderweise liegt vielen Sängerinnen, selbst den höhensicheren, dieses Lied am wenigsten, sie klingen dort nicht selten ein bisschen hysterisch oder machen zumindest nicht unbedingt die beste Figur. Geht der „Frühling“ also in den „September“ über, ist der psychologische Druck von den Stimmbändern genommen. U
nmöglich ist es, die Einspielungen der „Vier letzten Lieder“ zu zählen, es dürften um die 80 sein, wovon hier aus Platzgründen nur zwei Dutzend berücksichtigt werden können. Ganz am Anfang der Diskografie steht also Kirsten Flagstad, von der Uraufführung müsste zwar ein Rundfunkmitschnitt existieren, doch die erhältliche CD-Version basiert auf stark beschädigten Privatbändern, wodurch sie nur aus dokumentarischen Gründen von Interesse ist. Es gibt allerdings eine zwei Jahre später entstandene Live-Aufnahme aus Berlin mit Flagstad, an diesem Abend „verzichtet“ sie aber auf den für sie unbequem liegenden „Frühling“, bei dem sie schon in der Uraufführung eine Passage oktavieren musste.
Obwohl die Uraufführung nicht an sie gegangen war, hat Sena Jurinac gleich im Jahr danach so stark für die Verbreitung des neuen Werkes gesorgt wie keine andere Sängerin. Von einem der „VLL“-Konzerte dieses Jahres 1951 gibt es einen Mitschnitt aus Stockholm, Jurinac ist hier mit ihrem Farbreichtum und inneren Lodern ein absoluter Genuss. Die erste Studioaufnahme fiel 1953 Lisa della Casa zu: Mit schlankem, l(e)ichtem, leuchtendem Sopran schafft sie eine wunderbare Balance aus vokalem Reiz und überzeugender Textbehandlung. Drei Monate später produzierte Walter Legge dann die erste der beiden Einspielungen mit seiner Ehefrau Elisabeth Schwarzkopf, sehr kurz phrasierend trägt sie die „VLL“ schrecklich grimassierend wie Chansons vor. Ihre zweite Aufnahme entstand 1965, hier hält sie ihre Manierismen in einem erträglichen, fast schon normalen Rahmen, die unprägnante bis schlampige Artikulation ist gleichwohl gewöhnungsbedürftig.

„Die definitive Einspielung: Jessye Norman verströmt sich in einem üppigen, prachtvollen, golden glänzenden Rausch.“

Hervorragend in der scheinbaren Distanziertheit bietet Gundula Janowitz 1973 mit silbrigkühler Stimme eine ungeheuer klangsinnliche Aufnahme, nicht zuletzt auch dank Herbert von Karajan. Hier wird besonders deutlich, dass das Orchester in den „VLL“ keineswegs nur begleitende Funktion hat, vielmehr die Gesangsstimme ein weiteres Instrument ist. Im Jahr darauf bannt Anneliese Rothenberger, die vormals grandiose Sophie und Zdenka, ihre Version – für sie leider zu spät – auf Band.
Im August 1982 trifft in Leipzig Jessye Norman mit Kurt Masur und dem Gewandhausorchester zusammen und (er)schafft die definitive, alle anderen überstrahlende Einspielung. Mit epischem Atem, überwältigender Klangentfaltung und differenziertester Textdurchdringung, die sich in der vorbildlichen vokalen Kolorierung widerspiegelt, verströmt sich die Sopranistin in einem üppigen, prachtvollen, golden glänzenden Rausch. Im selben Jahr begibt sich auch Lucia Popp für die „VLL“ ins Studio. Stimmlich seelenvoll wie immer, wirkt ihre Interpretation sehr intim, hat so gar nichts nach außen Gekehrtes oder auf Wirkung Bedachtes – berührend und beglückend. Ebenfalls aus den 80er-Jahren: Eva „Brünnhilde“ Marton, die sich einen der untersten Plätze auf der Hitliste gesichert hat, und Felicity Lott mit schlank-sehnigem Klang und intelligenter Gestaltung.
Zur Gruppe der positiv im Gedächtnis bleibenden Produktionen zählt auch die sinnlich flirrende Cheryl Studer, die Lyrik und Dramatik ideal verbindet, auch wenn sie – besonders in der normalerweise sicheren Höhe – nicht optimal bei Stimme ist. Der nächste Höhepunkt in der „VLL“- Diskografie geht auf das Konto von Renée Fleming. Das ist ein Leuchten und Strahlen, das süchtig macht. Auch auf ihrer zweiten, 13 Jahre danach entstandenen Aufnahme präsentiert sie sich stimmlich nach wie vor in exzellenter Verfassung, wenn auch nicht mehr ganz so frisch und schimmernd, allerdings macht sie gestalterisch zu viel, rutscht da stärker in ihre Manierismen. Unter „ferner liefen“ darf Françoise Pollet verbucht werden. Karita Mattila singt zwar sehr gut, lässt den Hörer aber dennoch kalt, weckt kein besonderes Interesse. Stimmlich sicher, aber monochrom und dadurch langweilig bleibt Deborah Voigt.
Unfassbar schön klingen die „VLL“ bei Soile Isokoski, sie setzt ihren warmen, edel blühenden Sopran für eine „helle“, fast naive Interpretation ein. Leider vermittelt sie dabei das Gefühl, als stecke nichts zwischen und hinter den Zeilen, das wirkt geheimnislos und etwas eindimensional – ein Jammer ob der hinreißenden vokalen Seite! Als nicht konkurrenzfähig erweist sich Melanie Diener. Trotz ansprechender stimmlicher Leistung und durchdachter Gestaltung erscheint Konrad Jarnot eher wie ein Kuriosum als ein vollgültiger Mitbewerber, als Bariton verfügt er schlicht nicht über die hier nötige Expansionsfähigkeit eines Soprans, zudem verlieren die Lieder in der Klavierfassung zu viel von ihrem spezifischen Reiz, der verschwenderischen Farbenfülle und der klanglichen Opulenz. Ohne eigenes Gepräge ist die Aufnahme von Nina Stemme, die deutlich mehr Wagner- als Strauss-Sängerin ist, sehr persönlich und seelenvoll dagegen Anja Harteros. Unbeteiligt, emotional wie buchstabiert, wenn auch sehr gut gesungen präsentiert sich Anne Schwanewilms.
Ganz frisch aus dem Presswerk kommt die neueste Version der „VLL“, ein Konzertmitschnitt aus der Berliner Philharmonie vom August dieses Jahres mit Anna Netrebko. Ihre Stimme erfüllt wegen der Fähigkeit zum Aufblühen eine wichtige Voraussetzung für Strauss, ist aber andererseits nicht flexibel genug, kann sich nicht schwerelos emporschwingen – und gönnt sich allzu viele Atemzäsuren. Außerdem merkt man trotz sorgfältiger Artikulation, dass sie die einzige hier vertretene Sängerin ist, die des Deutschen nicht mächtig ist. Eine schöne Stimme singt schöne Musik, mehr nicht.

Traumwandlerisch:

Lisa Della Casa, Karl Böhm (1953)

Decca

Gundula Janowitz, Herbert von Karajan (1973)

DG

Jessye Norman, Kurt Masur (1982)

Philips

Lucia Popp, Klaus Tennstedt (1982)

EMI

Renée Fleming, Christoph Eschenbach (1995)

RCA

Frühlingshaft:

Jurinac, Busch (1951)

EMI

Studer, Sinopoli (1993)

DG

Isokoski, Janowski (2001)

Ondine

Anja Harteros, Fabio Luisi (2007)

Sony

Renée Fleming, Christian Thielemann (2008)

Decca

Blätterfall:

Flagstad, Furtwängler (1950)

Diverse

Schwarzkopf, Szell (1965)

Lott, Järvi (1986)

Chandos

Mattila, Abbado (1998)

DG

Voigt, Masur (1998)

Teldec

Jarnot, Deutsch (2005)

Oehms

Stemme, Pappano (2006)

EMI

Schwanewilms, Stenz (2011)

Orfeo

Netrebko, Barenboim (2014)

DG

Dämmergruft:

EMI

Schwarzkopf, Ackermann (1953)

Rothenberger, Previn (1974)

EMI

Marton, Davis (1985)

Sony

Pollet, Weise (1995)

Accord

Diener, Zinman (2002)

Arte Nova

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 6 / 2014



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Hausbesuch

Hausbesuch – Versailles

Es lebe der König!

Das Barockmusikherz Frankreichs schlägt bis heute in und um das Schloss von Versailles. Prächtige […]
zum Artikel »

Gefragt

Jan Caeyers

Die Grammatik Beethovens

Der belgische Dirigent pflegt mit seinem Orchester „Le Concert Olympique“ einen ganz eigenen […]
zum Artikel »




Top