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(c) Bernd Brundert/DG

Thomas Quasthoff

Weise Weihnacht

Der bekannte Bariton kehrt für vier amerikanische Weihnachtslieder zum Gesang zurück – und will doch kein Comeback.

Thomas Quasthoff wollte nie wieder singen. Nach dem Tode seines – für ihn sehr wichtigen – Bruders Michael im Jahr 2010 stürzte er in eine vehemente Krise. Er hatte als Erster erfahren, „dass mein Bruder noch ein Jahr zu leben hatte, wenn er Glück hat. Vielleicht auch nur ein halbes.“ Am Morgen nach dieser Diagnose wachte Quasthoff auf, und seine Stimme war weg. „Es war rein psychisch. Ich habe dann angefangen, immer die jeweils nächsten Auftritte abzusagen, weil ich noch nicht wieder fit war.“ Das ging zwölf Monate so. „Hinzu kam noch, dass es genau das Jahr war, in dem ich von meiner Frau getrennt lebte. Und schließlich war auch noch meine Mutter gestorben.“
Eines Tages, als er gerade seine in Weimar lebende Frau besuchte, so Quasthoff, habe man gemeinsam eine Aufführung von Mahlers „Lied von der Erde“ besucht. „Ich saß in der Vorstellung, und plötzlich, aus heiterem Himmel, begannen mir die Tränen herunterzulaufen. Aber so, dass es gar nicht wieder aufhören wollte. Ich realisierte plötzlich, dass ich das Werk nie wieder so singen würde.“ Seine Frau saß neben ihm, guckte scheu und unsicher zu ihm herüber. „Irgendwann nahm sie mich dann in den Arm und sagte: ‚Tommy, ist alles gut!’ In der Woche drauf habe ich bekanntgegeben, dass ich ganz aufhöre.“
Die Geschichte des Versiegens einer der schönsten und charakteristischsten Bariton- Stimmen der letzten Jahrzehnte klingt tragisch. Und war Folge nicht nur familiärer Genickschläge, sondern auch eines Körpers, der anders belastbar ist als bei ‚normalen’ Sängern. Thomas Quasthoff wurde 1959 mit einer Conterganschädigung geboren. Dem 1,34 Meter großen Künstler verweigerte man die Aufnahme auf eine Gesangs-Hochschule. Schon Jahre vor seinem Abschied hatte er die Möglichkeit des Aufhörens immer wieder in Betracht gezogen – und ganz offen darüber gesprochen.
„Mein Rücken ist kaputt“, erzählt er, während wir zuhause bei ihm in der Küche sitzen. „Schauen Sie sich hier einmal um. Die vielen Schmerzmittel dort liegen nicht wegen der hübschen Verpackung da. Wenn ich morgens aufstehe, brauche ich eine Weile, um aufrecht gehen zu können. Das ist Verschleiß aufgrund meiner Behinderung.“ So wird die Rückkehr zum Singen, die Quasthoff jetzt in Gestalt eines Weihnachtsalbums feiert, zweifellos eine Ausnahme bleiben. „Erstens finde ich, wenn ich aufhöre und dann wieder anfange, wäre das nicht integer“, meint er. Außerdem: „Ich schaffe auch keinen ganzen Abend mehr.“
Mit den vier amerikanischen Standards aber, darunter Meredith Wilsons „It’s Beginning To Look Like Christmas“ und Bing Crosbys „White Christmas“, will Quasthoff Kindheitserinnerungen an eigene Weihnachten wach werden lassen. Sie zeigen ihn noch einmal von seiner anrührend besten Seite. Lässig und groovy, intim unaufgeregt und durchaus entspannt. Es ist ein kleines Weihnachtswunder, ergänzt um Gedichte von Georg Trakl, Bertolt Brecht, Rilke, Ringelnatz und Storm. Dass Quasthoff auch rezitieren kann, überrascht wenig bei einer Sprechstimme, mit der er schließlich schon zu Zeiten sein Geld verdiente (als Programmsprecher beim NDR), als er noch kein professioneller Sänger war. Welcome back.

Neu erschienen:

Mein Weihnachten

Thomas Quasthoff, Franz Chastenier, Dieter Ilg, Bruno Müller u.a.

Deutsche Grammophon/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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