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(c) Gunter Gluecklich/NDR

Blind gehört

Andrew Manze: „Bruckner ist für mich der Größte.“

Die Presse nannte ihn wechselweise den Stéphane Grappelli oder den Paganini der Barockgeige. Andrew Manze, der mit 24 Jahren Konzertmeister in Ton Koopmans Amsterdam Baroque Orchestra wurde, galt als einer der großen Namen der Barockwelt – bis er vor sechs Jahren die Geige aus der Hand legte, um sich als Chef der Helsingborger Symphoniker und als gefragter Gast bei den großen Orchestern ganz dem Dirigieren zu widmen. Mit der Saison 2014/2015 tritt der 48-jährige Engländer nun seine Stelle als frischgebackener Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie an. Am Morgen eines Konzerts mit dem Deutschen Symphonie- Orchester Berlin setzte er sich neugierig, aber auch etwas in Sorge, seinen Kollegen zu nahe zu treten, vor den CD-Player.

Großartige Musik, unglaublich. Hier spielt eine große Streichergruppe, und das in dieser Besetzung so klar und fein zu spielen, ist sehr schwer. Für mich ist Webern die expressivste Musik der Welt. Und diese Aufnahme bestätigt mich darin. Mein erster Webern war op. 6 – als Geiger im European Youth Orchestra mit Claudio Abbado, und ich bin glücklich, dass er es war, der mich in die Welt von Webern eingeführt hat. Man kann an diesen kurzen Sätzen genauso lange proben wie an einem Satz einer Beethoven-Sinfonie. Leider muss man bei manchen Orchestern viel Energie dafür aufwenden, dass die Musiker überhaupt mitziehen und jedes Detail ernst nehmen. Denn hier hat jede einzelne Note so viel zu sagen.

Webern

Heftig bewegt, aus: Fünf Sätze op. 5

Berliner Philharmoniker, Pierre Boulez (1994)

Universal

Ist das Alfvén oder ein anderer Schwede? Von Atterberg kenne ich nur einige neoklassizistische Werke. Ich finde, in diesen spätromantischen Sinfonien gibt es oft viele gute Ideen, aber entweder werden sie zu sehr ausgewalzt oder sie stehen zwischen zu vielen schwachen Ideen. In Alfvéns zweiter Sinfonie gibt es wunderbare Stellen, der ganze zweite Satz ist großartig, aber im Finale versucht er Bruckner zu sein und scheitert. Insgesamt ist die Sinfonie ein Fehlschlag, finde ich. So ist es mit vielen Werken dieser Zeit. Dennoch sollten wir Musiker immer gucken, ob wir einen Großen übersehen haben. Wir haben so viel Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert wiederentdeckt, aber unser Bild vom 19. Jahrhundert wird noch immer bestimmt von wenigen großen Namen. Ich fürchte zwar, wir werden keinen neuen Brahms entdecken. Aber wir könnten viel Spaß haben bei der Suche ...
Als ich jung war, habe ich alles gespielt, und noch mit 20 dachte ich, ich würde vor allem zeitgenössische Musik machen. Aber dann kam immer mehr Barockmusik. Ich liebe Barockmusik, aber sie hat ihre Grenzen. Und ich war an einem Punkt, wo man von mir in jedem Konzert Mozart oder Vivaldi erwartet hat – die Frage war nur noch, was spielen wir außerdem. So wollte ich nicht mein Leben verbringen. Also habe ich eine Pause eingelegt – und die läuft immer noch. Ich vermisse die Geige nicht. Und ich habe meine Probleme damit, was gerade in der Welt der Barockmusik passiert. Nehmen Sie die „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi. Die Eröffnung beschwört fröhliche Frühlingsgefühle. Heute klingt sie meist so aggressiv, als wäre es der Soundtrack zu einem Horrorfilm. Und wenn der Hund des Schäfers bellt, klingt es, als würde der Höllenhund wüten.

Atterberg

Sinfonie Nr. 1 h-Moll

Radio-Sinfonieorchester Frankfurt, Ari Rasilainen (1998)

cpo

Das ist es, was ich meine. Denken die, Vivaldi hatte schlechte Laune, als er das geschrieben hat? Das klingt wahnsinnig dramatisch und energiegeladen, und viele Leute denken, so müsse Barockmusik klingen, aber ich halte diesen ganzen Ansatz für verkehrt. Reinhard Goebel ist für mich noch immer die inspirierendste Figur mit seiner Neugier, seiner Vorstellungskraft, seiner vielleicht sogar Obsession für Qualität und Probenarbeit. Viele Musiker haben sich seine Arbeitsweise zum Vorbild genommen und versucht, sie auf die nächste Stufe zu stellen. Aber das geht nicht, man kann nicht immer perfekter werden. Irgendwann klingt man wie eine Maschine. Und man kann Goebels Ansatz nur schlecht auf italienische Musik übertragen. Bei so vielen Aufführungen habe ich das Gefühl, die Musiker haben sich die Noten vorgenommen und überlegt: Hier setzen wir einen Akzent hin, dort machen wir einen anderen Effekt. Dann wird das Stück geprobt und anschließend immer wieder auf diese Weise gespielt. Mein Ansatz war ein völlig anderer: Spiel das Stück und gucke, was passiert, was die Musik sagt, wozu sie dich einlädt. Ich weiß zum Beispiel noch nicht, wie ich die Mozart-Sinfonie heute Abend dirigieren werde. Ich habe mit dem Orchester nicht geprobt, wie wir sie spielen werden. Sondern wir haben verschiedene Wege geprobt, die wir im Konzert einschlagen können. Und dann werden wir sehen. Es ist schockierend, wie wenig improvisiert wird in der Barockmusik. Viele Musiker sind wie gefesselt, sie wiederholen immer nur, was sie einstudiert haben. Oft hört man Ornamente, die in keinem Zusammenhang zum Rest des Spiels stehen; die sind genau geplant. Dabei sollte man spielen, als würde man die Noten zum ersten Mal sehen.

Vivaldi

Violinkonzert g-Moll RV 331

Giuliano Carmignola, Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon (2006)

Archiv Produktion/Universal

So haben es vermutlich die großen Geiger des 19. Jahrhunderts gespielt, und ich frage mich, ob das nicht näher am barocken Original war als das, was wir heute machen. Ich fürchte, wenn wir Bach oder Corelli spielen hören würden, würde es uns langweilig erscheinen im Gegensatz zu dem, was wir heute an Tempo und Energie gewöhnt sind. Ich kann auch diese Version genießen, die macht auf ihre Weise Spaß, und hier spielt ein toller Geiger.

Corelli

La Follia (bearb. v. Léonard u. Marteau)

Guy Braunstein, Ohad Ben-Ari (2010)

Klang Vision 3101

(am Ende des Adagio) Mal sehen, ob sie es machen, wie Beethoven es geschrieben hat. Nein, auch nicht. Alle, die ich bisher gehört habe, ziehen vor dem Allegro das Tempo an. Aber Beethoven hat kein Accelerando geschrieben! Ich finde, wenn man es ohne Übergang macht, wird es viel dramatischer. Beethoven sagt: Da kommt etwas, aber ich verrate Euch nicht, was. Lasst Euch überraschen. Es hat eine unglaubliche Spannung, die sich plötzlich im Allegro entlädt. Aber alle Dirigenten nehmen die Überraschung vorweg. Und sie machen es wegen der Analogie zur späteren Wiederholung. Dabei hört kein Zuhörer rückwärtsgewandt, das geht gar nicht. Lassen Sie uns den Übergang nochmal hören: Hier verkürzt er die Pause um eine Viertel. Und jetzt zieht er das Tempo an. Ich glaube, wenn Beethoven das hören würde, wäre er wütend. Das ist eine der größten sinfonischen Eröffnungen aller Zeiten, und alle ruinieren sie! Alle folgen der Tradition. Warum folgen sie nicht einfach Beethoven? Beethoven war ein Meister des Timings. Ich finde es verrückt, wenn man die Pausen verkürzt oder die Wiederholungen weglässt. Beethovens Pausen sind genauso kraftvoll wie seine Musik. Die Leute vertrauen der Stille nicht mehr. Spiel den Akkord und vertraue der Pause, spiele mit der Akustik – wenn du einen guten Raum hast ... Ich habe die neuen Aufnahmen nicht verfolgt. Das sind moderne Instrumente, aber man hat sich viele Gedanken gemacht, was man wie spielt. Vermutlich sind einige alte Instrumente wie das Horn dabei. Ist das Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie? Ein großartiges Orchester.

Beethoven

Adagio – Allegro vivace, aus: Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Paavo Järvi (2007)

RCA/Sony

Ist das eine alte Aufnahme oder live? Es gefällt mir, es klingt frisch. Manche Details gehen unter, aber das liegt vermutlich an der Live- Aufnahme. Das ist das Problem bei Brahms: Alle Musiker denken, sie hätten den schönsten Part, und sehen nicht ein, dass sie sich zurücknehmen müssen. Aber es ist wunderbar gespielt. Es klingt, als säßen alle Geigen links. So kommen die Dialoge zwischen den ersten und zweiten Geigen nicht richtig raus. Günter Wand? Seinen Bruckner habe ich oft gehört. Ich liebe Brahms, aber wenn ich mich auf einen Komponisten konzentrieren müsste, wäre das Bruckner. Dann käme Beethoven. Und Brahms würde ich zum Essen dazu laden, auch wenn das die Unterhaltung vielleicht etwas schwierig machen würde. Ich glaube, Bruckner konnte alles. Wenn er nur mehr Erfolg gehabt hätte und freier gewesen wäre, hätte er mehr gemacht. Für mich ist er der faszinierendste Komponist.

Brahms

Allegro non troppo, aus: Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98

NDR-Sinfonieorchester, Günter Wand, 1997

RCA/Sony

Arnt Cobbers, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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