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(c) Marion Koell/Avi

Tobias Koch

Der Klangfarbenmaler

Nichts gegen einen guten Steinway – aber das Pianistenleben darf ruhig noch sehr viel bunter sein.

Er gilt als einer der anerkanntesten Spezialisten für Klaviere des 19. Jahrhunderts – dabei wollte Tobias Koch gar kein Spezialist werden. Ohnehin sei er „mehr mit Jazz und Pop aufgewachsen“ verrät der 1968 geborene bekennende Rheinländer. Historische Klaviere, die er in Museen sah, hätten ihn zwar schon als Kind durchaus fasziniert – aber erst einmal als Möbel, wie er augenzwinkernd sagt: „Ich fand die Farbe immer toll von diesen Hölzern, die heute keiner mehr verwendet: Mahagoni oder Palisander, irgendwo aus den entlegensten Regionen.“ Zu erleben, dass sich in den bunt geflammten und gemaserten Kästen auch ebenso interessante Klangfarben verbergen können, war ohnehin nicht leicht: Die Museumsstücke blieben meist stumm und die Aufnahmen der wenigen Hammerflügelpioniere, die es in den späten 70er Jahren gab, zeichneten sich dadurch aus, dass die Instrumente oft mehr oder weniger verstimmt klangen. Erst nachdem Koch sein Klavierstudium auf einem der üblichen schwarzen Riesen absolviert hatte, stellte er fest, dass dies noch nicht alles gewesen sein könne.
Unbefriedigt war Kochs große Leidenschaft für Klangfarben geblieben, aber auch die Frage nach ungeschriebenen Aufführungstraditionen, die es ja nicht nur in der Barockzeit gab. Diese Unterbelichtung sei noch ein Erbe der Musikwissenschaft des 19. Jahrhunderts, meint Koch: „Damals hieß es ‚der Notentext ist alles‘, während der Klang nie ganz so wichtig war.“ Koch beschloss, seinen Fragen an die Instrumente und die Aufführungspraxis selber nachzugehen: „Ich habe dann alles über Bord geworfen und mich mit der ganzen Zeit, die ich hatte, darauf gestürzt.“ Mit Meisterkursen allein war der virtuose Umgang mit der Vielfalt an ober – und unterschlägigen Mechaniken, Hebel- und Pedalkonstruktionen, Moderatoren und den mit Tuch, Filz oder Leder bezogenen Hammerköpfen nicht zu erlernen. Koch sprach mit Klavierbauern, besuchte Museen und wälzte sich durch aufführungspraktische Quellen. Und er war sich nicht zu schade, immer auch den historischen Kontext zu erforschen. „Das Interdisziplinäre“, findet er sogar, „hat mich als Musiker gerettet“.

Fein abgeschmecktes Instrumentarium

Unter Kochs Händen beginnen daher oft auch vermeintliche Petitessen und die Werke vernachlässigter Komponisten plötzlich neu zu funkeln. Von der Sensibilität, mit der er Werk und individuelles Instrument auf einander abzustimmen weiß, profitierten unter anderem schon der geniale, aber früh verstorbene Schumann-Zeitgenosse Norbert Burgmüller (für den Koch sogar eine eigene Gesellschaft gründete) oder August Klughardt, dessen Klavierquintett von 1884, auf einem Érard-Flügel von 1839 gespielt, plötzlich gerade nicht mehr epigonal, sondern nach einem goldenen Herbst der Romantik klingt.
Mit seinen enzyklopädisch umfassenden Einspielungen der Klavierstücke von Robert Schumann hat Koch, der sich eher als Vermittler zwischen Komponist und Hörer denn als Interpret versteht, auch neues Licht auf einen der anerkannten Heroen der Klavierliteratur geworfen. Dem schließt sich nun die Gesamteinspielung der Klavierstücke von Beethoven an. Anders als die Sonaten, in denen es um musikalische Problemlösungsstrategien gehe, trügen die kleinen Stücke oft „Fragezeichencharakter“, findet Koch – und sie zeigten auch die Handschrift des Klavierimprovisators, der Beethoven eben auch war. Gleichzeitig spiegelten sie die ganze künstlerische Entwicklung des Bonners wider. Die Auswahl der Instrumente sei aufführungspraktischer „Hardcore“: Jeder Schaffensperiode ist ein eigenes historisches Instrument zugeordnet. Die Reise beginnt bei einem cembalesk klingenden Tangentenflügel von 1790 und führt über einen Rosenberger-Flügel zu einem Instrument von Conrad Graf – „gewissermaßen der offizielle Steinway der Wiener Zeit“, wie Koch meint. Wobei zum damaligen Standard auch der lärmende Janitscharenzug gehört, den Koch dann auch lustvoll in der „Wuth über den verlorenen Groschen“ einsetzt. Für das Spätwerk schließlich hat sich der geschmackssichere Klangfarbenmaler einen Flügel von Nanette Streicher ausgesucht, der ihm mit seinem breiten Klangspektrum als das ideale Instrument für die experimentellen späten Bagatellen erschien.

Nochmal „Für Elise“ improvisieren

Bei diesen Note für Note ausgehorchten Werken bleibt Koch eng am Notentext, während er sich ansonsten auch die Freiheit zu Verzierungen und Improvisationen nimmt – übrigens auch bei „Für Elise“, in das sich Koch neu verliebte: „So zärtlich und mit einem Schimmer von Melancholie umhüllt“ wie auf dem Streicherflügel bekomme man das Werk auf einem modernen Klavier einfach nicht hin.
Wem das an klanglichen Aha-Effekten nicht genügt, für den hält Koch noch die erste Einspielung von Beethovens kleinen Klavierstücken WoO 51 auf dem für sie vorgesehenen Originalinstrument bereit: einer Orphika. Jahrelang hatte Koch nach dem tragbaren Klavier gefahndet, das man sich für nächtliche Ständchendarbietungen um die Schulter hängen konnte, bis er durch Zufall ein spielbares Exemplar entdeckte. Und auch wenn diese Orphika-Einspielung nur ein kleiner Farbtupfer auf Kochs Palette ist – stolz, damit eine Fehlstelle auf Beethovens Porträt abgedeckt zu haben, ist der vielseitige Virtuose dann doch.

Neu erschienen:

Beethoven

Sämtliche Klavierstücke

Tobias Koch

CAvi/harmonia mundi


Urworte, orphisch

„Die Orphika ist ein Instrument der Nacht, der Liebe und der Freundschaft“: Mit diesen Worten pries der in Wien lebende Instrumentenbauer und Glasharmonikavirtuose Carl Leopold Röllig das von ihm 1795 neu erfundene, tragbare Miniklavier an. Zumindest Ludwig van Beethoven nahm den Werbespruch ernst: Um 1796/98 komponierte er zwei Stücke WoO 51 für Orphika als Freundschaftsgabe für seine Bonner Jugendfreundin und ehemalige Klavierschülerin Eleonore von Breuning, die wiederum mit seinem Bonner Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler verheiratet war. Als „leichte Klaviersonaten“ publiziert, konnten diese Stücke erst vor Kurzem als Werke für Orphika identifiziert werden.


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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