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(c) Uwe Ditz/SWR

Stéphane Denève

Sinnliche Aquarelle

Eine Märchensammlung verwandelte Ravel in ein klingendes Brevier. Und das RSO Stuttgart erzählt daraus in betörenden Farben.

Kinder sind ein kritisches Publikum, denn ihr Urteil ist unbefangen und direkt. Fürchten muss Maurice Ravel das Urteil von Mimi und Jean Godebski (6 und 7 Jahre) nicht, als er ihnen 1910 seine vierhändige Klaviersammlung „Ma mère l’oye“ vorlegt. Die meisten der Stücke, die auf alte Märchen des 17. Jahrhunderts entstanden sind, hat der Komponist den Kindern schon bei seinen Besuchen im Haus der Eltern vorgespielt. Da schläft Dornröschen seinen hundertjährigen Schlaf, verirrt sich der Kleine Däumling unter dem Gezwitscher der Vögel, die seine Brotkrumenfährte aufpicken, und tanzen die Schöne und das Biest – verkörpert von einem herrlich schnarrenden Kontrafagott – ihren morbiden Walzer, bis alle Figuren und Geschichten im überirdischen Licht des Feengartens Erlösung finden. Vom Erfolg seiner Sammlung zeigt sich Ravel dennoch überrascht, lässt sich vom Verleger aber zu einer Orchesterfassung überreden, die er ein Jahr später sogar zu einer Ballettmusik ausbaut.
Nachträgliche Orchestrationen sind problematisch, können sie doch nur entfalten, was an Substanz im Klaviersatz schon vorhanden ist. Doch genau darin zeigt sich Ravels Genie, meint Stéphane Denève, Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR. Gemeinsam haben sie gerade die zweite Folge einer Gesamteinspielung von Ravels Orchesterwerken vorgelegt, die den literarisch inspirierten Werken gewidmet ist. „Wir haben die dritte Fassung von ‚Ma mère l’oye‘ aufgenommen, die Ballettmusik von 1911. Ich finde es faszinierend, wie Ravel in alle Richtungen zugleich denkt, weder die Klavier-, noch die Orchesterversionen sind besser oder idiomatischer“, so Denève. Und er fügt hinzu: „Sehen Sie, die ‚Pavane pour une infante défunte‘ ist sehr einfache Musik, geradezu minimalistisch. Für mich ist es ein Wunder, wie Ravel die Orchesterfassung so reich orchestrieren konnte, ohne diesen Kern zu verlieren. Seine Musik ist sehr kraftvoll, der ‚Jardin féerique‘ lebt von nur vier Akkorden, die das ganze Stück tragen. Dabei klingt es nie nach Arbeit, sondern ist sehr flüssig und inspiriert geschrieben.“
Doch wie jede Musik mit literarischen Vorlagen könnten auch diese Werke im Verdacht stehen, mehr Malerei als Empfindung zu sein. Denève wehrt ab: „Man stellt beim Hören schnell fest, dass die Inspiration die Musik nicht überlagert. ‚Die Schöne und das Biest‘ lässt sich als Illustration hören, ist aber auch wundervolle Musik, wenn ich die Geschichte gar nicht kenne. Ich finde, Ravel ist nicht nur der berühmte Orchestrator, für mich ist sein größtes Talent, sehr lange und eigentlich komplexe Melodien zu schreiben, denen man aber dennoch leicht und gerne folgt.“
Das RSO Stuttgart hat sich einen Namen in zwei Welten gemacht: sowohl in der Neuen Musik bei den Donaueschinger Musiktagen, als auch mit historisch informierter Klassik unter Denèves Vorgänger Sir Roger Norrington. Steckt nicht von beiden Welten auch etwas in Ravels Partituren? „Seine Musik ist ein Mix aus Modernismus und Nostalgie. Viele deutsche Orchester sind zu schwer für französisches Repertoire, aber vielleicht ist es ja die süddeutsche Note. Mir kommt die unglaubliche Transparenz des Orchesters entgegen, aber auch seine unter Norrington erarbeitete Non-vibrato- Kultur. Ich liebe Details, und wir haben hart gearbeitet, bis alles perfekt ausbalanciert war und jede Stimme ihren Platz hatte. Vielleicht kann man das mit einem japanischen Aquarell vergleichen. Nach Jahrzehnten der Übung muss es leicht aussehen, wie in einem Strich hingeworfen.“

Neu erschienen:

Ravel

Orchesterwerke Vol. 2: Ma mère l’oye, Scheherazade, Un barque sur l’océan, Menuet antique, Fanfare poul l’eventail de Jeanne

Stéphane Denève, RSO Stuttgart

hänssler CLASSIC/Naxos

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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