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(c) Thierry Linke/Sony

Wiener Neujahrskonzert

Schönster Schlendrian

Beim Wiener Neujahrskonzert geraten Millionen alljährlich in Verzückung. Aber RONDO bringt Sie diesmal sogar in die Generalprobe.

Regulär zum Neujahrskonzert nach Wien? Das können Sie sich abschminken! Gegen dieses alljährliche Giga-Mekka-Superereignis der Sonderklasse kann selbst Bayreuth als Ladenhüter einpacken. Die Veranstaltung gilt als hundertfach überbucht. Schwarzmarktpreise in Wien klettern leicht über die Marke von 2000 Euro pro Platz. (Offiziell reicht die Spanne von 30 bis 940 Euro.) Wobei interessanterweise aus Wien niemals Klagen über den Schwarzmarkt laut geworden sind – so selbstverständlich ist er. Selbst hochrangige Mitarbeiter der Wiener Philharmoniker haben sich die Frage, ob sie dieses Event jemals besuchen dürfen, lange abgewöhnt. Also: Vergiss es!
Warum überhaupt zum Neujahrskonzert?!, könnte man fragen. Die weltweite Übertragung, angereichert durch asynchrones Hüpfen seitens einiger leicht bekleideter Tänzer aus der Voraufzeichnungs-Konserve, lässt sich viel bequemer vom Kaffeetisch aus verfolgen. Auch kann man dort viel leichter die entscheidenden Details beobachten, etwa dass die Wiener Philharmoniker bei Georges Prêtre kaum hinschauten. Und bei Carlos Kleiber kaum weggucken konnten!
In beiden Fällen übrigens spielten sie fast ebenso herrlich. No offence! gegen die Carlos Kleiber-Fans. Er und Mariss Jansons, vielleicht auch Nikolaus Harnoncourt, haben beim Neujahrskonzert immerhin bewiesen, dass man sogar mit einem Wunschkonzert-Derivat Musikgeschichte schreiben kann. Und dass ein Blick auf den Hüftschwung alter Männer in diesem Fall immer lohnt.
Den Jahreseinstand 2015 dirigiert mit Zubin Mehta ein Rekordhalter unter den Neujahrskonzert- Bespaßern. Schon zum fünften Mal (nach 1990, 1995, 1998 und 2007) rührt der aus Bombay stammende Altmeister ewiger Jugendlichkeit diesen Neujahrspunsch. Den Werk-Radius der Strauß-Familienmitglieder (zwei Mal Johann, ein Mal je Josef und Eduard) öffnet er diesmal in Richtung Franz von Suppé und Hans Christian Lumbye (den „dänischen Strauß“). Fünf Erstaufführungen der Wiener Philharmoniker sind angekündigt.

Die Tradition ist jung

Wobei ein geheimer Ehrgeiz dieses Orchesters zutage tritt: Es will nämlich in größer werdenden Schritten seine Strauß-Repertoireritzen endlich schließen. Lücken, die damit zu erklären sind, dass man sich lange Zeit zierte, die vermeintlich banalen Tanzvorlagen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Die Institution des Wiener Neujahrskonzertes ist – auf dem heutigen Level internationalen Brimboriums – keine alte Institution. Erst der ganz späte Herbert von Karajan war es, der 1987 die jährliche Star-Staffette eröffnete. Zuvor hatte Lorin Maazel einige Jahre eher unauffällig (wenn auch künstlerisch vorzüglich) durchdirigiert. Davor lag die Leitung in den Händen des zum Dirigenten aufgewerteten Konzertmeisters Willi Boskovsky. Der Rummel um die Vertikal-Rouladen ist eher neu.
Nicht übergehen darf man die Tatsache, dass das Wiener Neujahrskonzert eine Erfindung der Nazis war. Ursprünglich dirigiert vom willfährigen Clemens Krauss, wählte man den Neujahrstag als Datum erstmals 1941. Zugunsten der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. Das hört man heute nicht mehr so gern. Die Nazis hatten, um mit Strauß für Durchhaltestimmung zu sorgen, sogar über ‚Abstammungsprobleme’ der Strauß-Dynastie hinweggesehen. Urgroßvater Strauß war jüdischer Herkunft.
In der Erkenntnis vom Rang der Sträuße waren zeitgenössische Komponisten schneller. Wagner bewunderte insbesondere den Walzer „Wein, Weib und Gesang“. Und von Brahms ist das berühmte Wort über den Donau- Walzer überliefert: „Leider nicht von mir.“ Die Probleme beim Ausführen sind enorm; so sehr, dass von den Berliner Philharmonikern nicht eine einzige, wirklich gute Walzer-Aufnahme existiert. Die Schwierigkeit liegt immer darin, den zweiten Schlag des Dreivierteltakts eine Spur vorzuziehen – und den nachfolgenden Schlag um eine Idee zu verzögern. Aber nicht zu sehr, bitteschön! Sonst wird ein Dieselmotor draus.
Trotz so illustrer Gastdirigenten wie Abbado, Muti und Barenboim galt es lange Zeit – auch heute noch – für zweitrangig, wer da vorne steht und wedelt. Die Könnerschaft der Wiener Philharmoniker kann für so superior und unwiderstehlich gelten, als wäre sie die praktische Umsetzung jenes alten Musikerwitzes, mit dem ein Konzertmeister einst einen probenintensiven Maestro zum Schweigen brachte: „Wenn Sie nicht endlich aufhören zu nerven, spielen wir so wie Sie dirigieren.“ Also: Die Wiener Philharmoniker ziehen ihren Stremel – und vielleicht sogar ihren Schlendrian – durch. Und dieses Wunder macht ihnen kein Orchester nach.

Karajan in der Trainingshose

Übrigens kommt ja sowieso alles vor allem auf den Blumenschmuck an. Er wurde traditionell von dem italienischen Adria-Kurort Sanremo spendiert. Bis es im letzten Jahr zum Eklat kam. Irgendein alpenländischer Not-Fonds musste einspringen, um die Staatskrise abzuwenden. Nicht auszudenken, was ohnedies aus Österreich geworden wäre.
Auch die schönste Neujahrskonzert- Anekdote schlechthin ereignete sich hinter den Kulissen – und hätte doch von allen bemerkt werden können ... Herbert von Karajan, damals bereits ein gebrechlicher Greis von 78 Jahren, saß vor seinem Auftritt im Dirigentenzimmer des Wiener Musikvereins. Und seine Familie war verzweifelt, weil man sich nicht vorstellen konnte, wie das Häuflein Elend, das Karajan damals war, überhaupt auf die Bühne zu transportieren sei. (Alle wurden übrigens glorreich widerlegt, denn von dem alten Mann, einmal auf die Bühne geschubst, schienen die Jahre abzufallen wie nichts.) Karajan war aber damals nicht nur betagt, sondern auch starrsinnig. Daher weigerte er sich, wie sein Mitarbeiter Ewald Markl später erzählte, seine Frackhose anzuziehen. Er wollte seine bequeme Trainingshose auch beim Auftritt vor einem Millionenpublikum anbehalten. Und setzte sich durch! Wer genau hinschaut beim Mitschnitt, kann das schlabbrige Beinkleid gut erkennen.
Als Karajan anschließend von der Bühne kam, lachte er Markl triumphierend ins Gesicht: „Na, und hat jemand was gemerkt!?!“ Das Wiener Neujahrskonzert ist eine Wunder- Institution.

Sektverkostung

Das beste Neujahrskonzert aller Zeiten, na klar: Das war Carlos Kleibers Debütauftritt 1989 (auf jener Doppel-CD, die es ganz billig bei Sony/CBS gibt). Überirdisch animierend auch das Konzert von 1979, das letzte unter Willi Boskovsky (Decca). Unterschätzt sind die knackigen, pointiert witzigen Mitschnitte unter Lorin Maazel aus den Jahren 1980-1983 (an die er später nicht mehr heranreichte; Deutsche Grammophon). Dann kommen die vorzüglichen Ausgaben unter Mariss Jansons (2006, 2012) und Nikolaus Harnoncourt (2001, 2003) sowie der erste der beiden Jahrgänge, die Georges Prêtre dirigierte (2008, Decca). Überraschend gut auch Barenboim. Der Rest, sogar Abbado, fällt ein bisserl ab.

Erscheint gleich Anfang Januar:

Das Wiener Neujahrskonzert 2015

Zubin Mehta, Wiener Philharmoniker

Sony


Sie möchten auch einmal Teil haben am Rummel um das Wiener Neujahrskonzert?

RONDO verlost gemeinsam mit Sony Classical unter allen Einsendern, die am Stichtag 15.12. ein gültiges Abonnement haben, zwei Karten für die Generalprobe des Neujahrskonzerts am 30. Dezember, und zwar inklusive Flug und Hotel. Seien Sie dabei im berühmten Goldenen Musikvereinssaal und gönnen Sie sich einen stimmungsvollen Jahresausklang in der Welt-Musikmetropole Wien. Schreiben Sie einfach mit Stichwort „Neujahrskonzert“ an RONDO, Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin oder per Mail an verlosung@rondomagazin.de. Ihre Kontaktdaten bitte nicht vergessen! Der Rechtsweg ist natürlich ausgeschlossen. Die Redaktion wünscht viel Glück!


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2014



Kommentare

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Da Karajan nach seinem Tod 1989 (81jährig) nicht mehr aufgetreten ist, kann er auch nicht als 88Jähriger - nicht einmal in Trainingshose - ein Neujahrskonzert geleitet haben; seines war 1987. Und mit dem Ausdruck Greis/in sollte man grundsätzlich vorsichtig umgehen: Es werden ja von jungen Journalisten heute schon 67jährige Mitmenschen so bezeichnet! Den 90jährigen Boulez so zu nennen würde sich wohl keiner trauen...


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