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Vokal total

Wer als Mezzosopran heutzutage mit Händel-Arien auf den Markt kommt, sollte angesichts der üppigen Konkurrenz schon einiges zu bieten haben. Alice Coote muss ihre Stimme gewiss nicht verstecken, da gibt es wenig auszusetzen, lediglich in der Tiefe ist sie nicht so gleichmäßig durchgebildet wie in den anderen Registern, da arbeitet die Sängerin gelegentlich mit etwas Druck, der sonst nicht zu hören ist. Nein, das große Manko dieser Interpretationen ist die fehlende Persönlichkeit, allzu zurückhaltend, fast schon neutral, ohne eigenen Stempel kommen gerade die ruhigeren Arien daher. Doch so harmlos sollten „Verdi prati“, „Cara speme“ oder besonders „Scherza infida“ nicht vorbeiziehen. Die Engländerin berührt nicht, fängt den Hörer emotional nicht ein. Hyperion/Note 1

Besonders viele Neuheiten hat das Jommelli-Jahr bisher nicht gebracht. Da kommen die vier Kammerkantaten, die Yetzabel Arias Fernández auf „Tirsi“ vorstellt, gerade recht. Die Kubanerin braucht keiner virtuosen Herausforderung aus dem Weg zu gehen – und davon gibt es hier reichlich zu bewältigen. In melancholischen, wehmütigen Arien überzeugt sie weniger, dafür ist die Stimme nicht weich und schmeichelnd genug, müsste stellenweise etwas weniger gerade geführt werden. Ansonsten aber besteht kein Zweifel, dass sich hier eine sehr versierte Sängerin stilsicher durch interessantes (und nach wie vor viel zu selten zu hörendes) Repertoire bewegt. Pan Classics/Note 1

Zwölf Jahre nach ihrem hinreißenden Arienprogramm mit dem Freiburger Barockorchester meldet sich Sandrine Piau erneut mit einer Mozart-CD. „Desperate Heroines“ nennt sie die Zusammenstellung von ausschließlich lyrischen, empfindsamen Arien, die ihren seelenvollen Sopran im besten vokalen Licht leuchten lassen, ihre virtuose Meisterschaft aber kaum fordern. Ob als Sandrina, Susanna, Aspasia oder Ilia – der Sopranistin gelingt mühelos, was man bei Mrs. Coote vermisst: Sie spricht den Hörer im Innersten an. Besonders berührend gerät ihr „L‘amerò, sarò costante“ aus „Il re pastore“, auch wenn sie sich da an einigen tieferen Tönen vorbeimogeln muss. Eine Gesamtspielzeit von knapp 48 Minuten ist allerdings eine Frechheit und völlig inakzeptabel, das Label wollte wohl sicherstellen, dass jeder, der mehr Mozart von Sandrine Piau hören möchte, auch die Neuaufnahme des „Requiem“ kauft (die es übrigens ebenfalls auf 48 Minuten bringt). Neben „accentus“, einem der besten Kammerchöre überhaupt, sprechen die hervorragenden Kollegen (Sara Mingardo, Werner Güra, Christopher Purves) dafür, noch einmal ins Portemonnaie zu greifen. naïve/Indigo

Es ist schon ein Armutszeugnis für die Klassikbranche, dass ein Ausnahmesänger wie Lawrence Brownlee sein Rossini-Recital bei einem kleinen amerikanischen Label herausbringen muss, begleitet von einem unbedeutenden (wenn auch sehr respektabel spielenden) litauischen Orchester. Denn was der Tenor hier abliefert, ist schlicht spektakulär, Anwärter auf die CD des Jahres und ohne jeden Zweifel eines der besten Rossini-Tenor-Programme überhaupt. Rein vokal ist Brownlee seinem Kollegen Juan Diego Flórez mindestens ebenbürtig, eher sogar überlegen, weil er über die schönere Stimme verfügt, eleganter phrasiert und Extremhöhe wie auch Koloraturen noch harmonischer und selbstverständlicher eingebunden sind. Auf der Bühne freilich ist der deutlich höhergewachsene peruanische Lockenkopf im Vorteil. Kurzum, kein Opernfan sollte sich diese CD entgehen lassen. Delos/Naxos

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 5 / 2014



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