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"Oresteia" an der Deutschen Oper Berlin (c) Bernd Uhlig

Fanfare

Die Deutsche Oper Berlin kann bis November die Bühne an der Bismarckstraße wegen der Renovierung der Obermaschinerie nicht nutzen. Also ließ sie unter dunklem Regenbogenhimmel und laut rappelnd auf ihrem Parkdeck eine Best-of-Tragödie vom Stapel: Iannis Xenakis’ schlagwerksatte „Oresteia“, eine einstündige Atriden-Saga-Eindickung, macht Radau und was her. David Hermann, der Regisseur, bedient erwartbar bildersatt seine erweiterten Outdoorinszenierungsmöglichkeiten.
Der Chor – die Männer als schafsköpfige Kommentatoren, die Frauen als Erinnyen und Eumeniden – schwärmt über die steilen Holzstufen aus oder keift aus seitlichen Fenstern. Von hinten kommen wimpelwedelnde Kinder mit der die Demokratie bringenden Göttin Athene (hellblau gewandet als winkende Queen Mum-Transe im Mercedes). Ferngesteuert öffnen sich Palasttore, heraus kommt die Kinderbrut, Orest und Elektra mit schwarzverbrannten Schwellköpfen, und hinterher ein Traktor. Links klabautert das von Moritz Gnann effizient durchgepeitschte Orchester, am nachhaltigsten, wenn aus einer eisernen Klappdolde die Düsteres verkündende Kassandra (Seth Carico) im Jesusschurz erscheint.
Das ist alles ganz lustig anzusehen, in 60 Eventminuten kommt auch kaum Langeweile auf, der raue Charme der sonst so öden Arbeitsstätte ist theatralisch maximal genutzt.
Sehr süß in Paris: Ein nostalgisch verklärter Technikcolor-Musical-Filmtraum wird semikonzertante Bühnenwirklichkeit. Im Théâtre du Châtelet gab es „Die Regenschirme von Cherbourg“ mit der wunderbaren Natalie Dessay, die nach ihrem Koloratursoprandasein in eine zweiter Karriere driftet.
Mit dem großartigen Jazzer und Filmkomponisten Michel Legrand hatte sie ja im letzten Jahr sehr erfolgreich dessen Welthits aufgenommen. Nun stand Legrand, frenetisch gefeiert, am Orchesterpult und dirigierte seine unverwelkt bunte Partitur des einst revolutionären, weil in feinem Parlando durchgesungenen Films von 1964.
Regisseur Jacques Demy wollte damals dem Hollywood-Musical und Gene Kelly im Besonderen eine Hommage bereiten. Damals begeisterte die junge (sängerisch gedoubelte) Cathérine Deneuve, heute muss die junge Marie Oppert gleichzeitig singen und schauspielern, was die Siebzehnjährige blendend schafft. Trotzdem federt die Dessay als Mutter mit einer Leichtigkeit durch die Szenen, die sie frischer und jugendlicher erscheinen lässt als ihre Bühnentochter.
In der Bariton-Rolle des Schmuckhändlers Cassard brilliert Laurent Naouri, im Leben Dessays Ehemann. Die artifiziellen, kitschigen Farbtöne des Films werden nur in den Lichteffekten zitiert. Stattdessen gibt es tragbare, schwarz-weiße Cartoon-Pappen aus der Feder des hochverehrten Jean-Jacques Sempé. So bleibt der Fluss der Handlung voll erhalten, die 95 Minuten der Aufführung übertreffen die Filmlänge um ganze vier Zeigerumdrehungen.
Und nochmals die Deutsche Oper Berlin, diesmal Konzertantes: Zum Auftakt des ambitionierten Meyerbeer-Zyklus der nächsten Spielzeiten wurde jetzt „Dinorah oder die Wallfahrt von Ploermel“ gegeben. Ja, die komische Oper (besser das sentimentale Melodram) mit der Ziege! Zudem gibt es noch eine Wahnsinnige, einen Dorftrottel und einen ambitionierten Geliebten auf Schatzsuche. Eine musikalische Entdeckung mit raffinierten Naturschilderungen (von Enrique Mazzola effektvoll orchestral aufgezäumt) und charakterreiche Vokalnummern. In denen brillierten als dunkles Komikerduo Philippe Talbot und Étienne Dupuis. Und die wie immer leicht belegt klingende Patrizia Ciofi in der Titelrolle tanzte nicht nur mit ihrem Schatten zu allerfeinsten Koloraturen. Bitte mehr davon!

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 5 / 2014



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