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Arditti Quartet (c) Philippe Gontier

Café Imperial

Vater Scarlatti, er hieß Alessandro, wird seit René Jacobs’ „Griselda“- CD-Aufnahme gelegentlich wiederentdeckt – von Lucca bis Dubrovnik. Sein Sohn, Domenico Scarlatti, ist noch immer vor allem für die 555 Cembalo- Sonaten bekannt, die im Konzert freilich auch höchstens am Klavier erklingen. Bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik ist jetzt der künstlerische Leiter Alessandro De Marchi zumindest dabei, die Spuren seiner Vorgänger kontinuierlich weiterzuverfolgen. Eine Großtat (wie zu René Jacobs’ Zeiten) ist bislang noch nicht dabei herausgekommen. Neben Händels Erstlingsoper „Almira“ sowie der „Orontea“ von Antonio Cesti ist ihm in diesem Jahr immerhin aber Domenico Scarlattis „Narciso“ vor die Flinte gelaufen. 1720 in London als Überarbeitung einer früheren Oper uraufgeführt, kann dieses Werk gewiss nicht den Rang eines Meisterwerks für sich beanspruchen. Zu trocken die Rezitative, zu flüchtig die Arien und zu formelhaft die Orchestrierung. Dabei basiert der Dreiakter – die letzte zu Lebzeiten des Komponisten aufgeführte Oper – auf Ovids Metamorphosen, auch hat man mit Fabio Biondi einen idiomatischen Spezialisten des italienischen Barock gewonnen. Regisseur David Livermore kann seiner Schwäche für Kobaltblau ausgiebig frönen. Im Dauergeflimmer der animierten Wetter- und Rauch-Videotapeten kann Drama eigentlich kaum aufkommen. Als Narciso aber – der sich hier nicht in sich selbst verliebt, sondern in die Nymphe Eco (Chiara Osella) – lässt sich immerhin Maite Beaumont feiern, Federica Alfano und Valentino Buzza sind Barock-Fachverkäufer von Gnaden. Nach „La Dirindina“ im Jahr 2012 ist dies schon die zweite Domenico Scarlatti-Oper in Innsbruck. Nur zwei Aufführungen kann man sich leisten. Die aber lohnten das Hinschauen und das Hinreisen nach Tirol.
Zur Abwechslung haben wir heute im Café Mozart am Albertinaplatz unser Quartier bezogen. Halb Touristenrast, halb Hofratscafé, trifft man hier oft Sänger von der Staatsoper nebenan. Immer noch traurig sind wir über die Schließung des ehemals gleichfalls benachbarten CD-Shops „Da Caruso“. Und wollen doch einräumen, dass wir den sterbenden Markt von Plattengeschäften in der letzten Ausgabe des „Café Imperial“ zu schwarz gemalt haben. Zu sehr aus der Käuferperspektive, die eben nur immer die Lieblingsgeschäfte (und Lieblingsverkäufer) im Blick hat. Ich gebe zu, dass ich auch schon etliches Geld ins Haus der Musik (zu „DaCapo Klassik“) getragen habe, ebenso zur „Arkadia“ in der Staatsoper, zur „EMI“ in der Kärntnerstraße, zum „Kuppitsch“ am Schottentor und ins Musikhaus Doblinger. Und die gibt es ja alle noch. Es gibt eben immer noch mehr davon in Wien als man sich andernorts träumen lässt.D er November bringt, getreu diesem Motto, das Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti in den Musikverein – als wenn’s nötig wäre und (zum Abschluss ihrer Tournee) mit Verdis „Requiem“ (1./2.11.). Nach Deutschland fährt dieses Orchester dagegen gar nicht mehr. Die Wiener Philharmoniker spielen derweil Schubert unter Nikolaus Harnoncourt (9.11.), Beethoven unter Herbert Blomstedt (14.-16.11.) und Russisches unter Semyon Bychkov (22./23.11. etc.). Im Brahms-Saal versucht sich der vorzügliche Mark Padmore an Haydn, Mozart und Schumann (27.11.). Dagegen tobt im Konzerthaus das größte österreichische Festival für Neue Musik „Wien Modern“, unter anderem mit dem Arditti Quartet (10./11.11.). Bei den Wiener Symphonikern kann man den großartigen Daniil Trifonov mit Rachmaninows Zweitem bewundern (12.11.). Das Concertgebouw Orkest gastiert unter Leitung des im Auge zu behaltenden Robin Ticciati (mit Elīna Garanča, 18.11.). Und am 26.11. kann man an ein und demselben Tag zwei der besten Live-Pianisten hören, die es derzeit gibt: den 22-jährigen Briten Benjamin Grosvenor und Piotr Anderszewski (mit Bach, Schumann und Szymanowski).
Der November geht zu Ende mit der Premiere des neuen „St Petersburg“-Programms von Cecilia Bartoli (28.11.). Und mit Herbie Hancock (30.11.). Die Staatsoper zeigt die wichtigste und größte Premiere dieser Spielzeit, Mussorgskis „Chowanschtschina“ (ab 15.11.). Nein, so ein Überangebot gibt’s tatsächlich nur in Wien. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2014



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