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Roland Wilson

Mit Pauken und Trompeten

Mit ihrer „Reformationsmesse“ bringen Musica Fiata und La Capella Ducale auch neu Entdecktes von Heinrich Schütz – als Weltersteinspielung.

Hundert Jahre Reformation, das war 1617 ein großer Anlass zum Feiern. Auch und vor allem am Hof des sächsischen Kurfürsten Johann Georg, der sich selbst als Schutzherren der Reformation betrachtete und dieses Jubiläum gleich drei Tage lang begehen ließ. Die damals im Rahmen der Gottesdienste aufgeführte Musik lässt sich nun auf der jüngsten CD nachempfinden, die der englische Originalklangexperte Roland Wilson mit den Ensembles Musica Fiata und La Capella Ducale eingespielt hat.
Das hier zu hörende Programm konzipierte er in groben Zügen bereits vor rund einem Jahrzehnt für eine geplante Aufführung bei einem Festival, die dann nicht zustande kam. 2012 begann er sich erneut mit dem Thema zu befassen. „In diesen zehn Jahren hat sich einiges getan. Das Besondere an der Aufnahme ist jetzt vor allem, dass ich in der Zwischenzeit zwei Stücke von Heinrich Schütz neu entdeckt habe, die sich hervorragend in das Programm einfügen und es sozusagen endlich komplett machen.“ Hierzu zählt zum einen Schütz’ Fassung des berühmten Luther-Chorals „Ein feste Burg ist unser Gott“, die von Wilson, basierend auf einer Zwickauer Handschrift, akribisch rekonstruiert und zu einer fünfchörigen Fassung erweitert wurde. Wie dieses Werk lassen sich auch viele andere Teile der mit Musik von Heinrich Schütz und Michael Praetorius versehenen „Reformationsmesse“ aus den Aufzeichnungen des Dresdner Oberhofpredigers Hoë von Hoënegg heraus identifizieren.

Drei Tage lang Feierlichkeiten in Dresden

Viele, aber längst nicht alle, weshalb Wilson die Messe mit stilistisch verwandten Werken komplettierte. „Natürlich könnte man auch nur die belegten Stücke hintereinander reihen, aber mir erschien es sinnvoller, daraus wieder eine vollständige Messe zu machen und die Musik so in ihrem originalen Kontext zu zeigen.“ Wobei Roland Wilson weniger auf eine strenge museale Rekonstruktion abzielte, als vielmehr auf eine künstlerisch schlüssige Einheit, die er mit einer ausgewogenen Mischung aus Werken beider Komponisten realisierte. „Nur weil ein Konzert damals unter der Leitung von Heinrich Schütz stand, hieß das nicht automatisch, dass nur Musik von ihm auf dem Programm stand. Von Schütz gibt es nur wenig liturgische Musik, deshalb war es umso erfreulicher, als ich ‚Esaia, dem Propheten’ entdeckt habe, das jetzt als ‚Sanctus’ erklingt.“ Auch bei diesem Stück handelt es sich um eine Weltersteinspielung, die der Dirigent selbst bearbeitete. „Ich habe viel Freude daran, solche Fragmente zu rekonstruieren und danach das, was man erst nur auf dem Papier lesen konnte, endlich wieder vollständig zu hören. Es ist wichtig, dass man dafür die Klangsprache verinnerlicht hat, aber es gibt auch bestimmte Regeln und feste Elemente, die immer wiederkehren, die einem die Arbeit leichter machen.“ Das gilt auch für die verwendeten Instrumente. „Die Besetzung ist von beiden Komponisten sehr deutlich auf Dresden zugeschnitten. Klar gibt es da auch die Trompeten, das war wichtig, weil der Herrscher damit seine Macht zeigen wollte. Aber es ist ebenfalls eine sehr intime Musik. Man darf nicht vergessen, dass diese Messe in der kleinen Dresdner Hofkapelle aufgeführt wurde, in die gerade einmal 200 Leute hineinpassen.“ Dieses Klangideal für die Einspielung zu erhalten, war sicher kein leichtes Unterfangen, aber mit der Michaeliskirche in Fürth hatte man bald einen Raum mit idealen akustischen Voraussetzungen gefunden.

Luthers Wort will verstanden werden

Zum Gelingen des Projekts trug selbstverständlich ebenso bei, dass Roland Wilson mit der Musica Fiata und La Capella Ducale zwei ausgewiesene Spezialisten-Ensembles zur Verfügung hatte, die seit Jahren fest auf ihn eingeschworen sind. „Da muss man auf der ersten Probe nicht bei Null anfangen, sondern hat eine gemeinsame Basis und kann von Anfang an konzentriert am Werk arbeiten.“ Wilson selbst studierte ursprünglich in London Trompete, fand über seine Begeisterung für die Alte Musik dann aber schnell den Weg zu den Originalinstrumenten, die er mittlerweile auch selbst nachbaut. 1976 war er eines der Gründungsmitglieder der Musica Fiata, die sich mit ihren viel beachteten CD-Einspielungen und regelmäßigen Auftritten bei renommierten Festivals rasch unter die führenden Interpreten der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts spielte. Das, was als Bläserensemble begonnen hatte, erfuhr bald eine deutliche Repertoireerweiterung, was 1992 schließlich zur Gründung der Capella Ducale führte. So sollte auch bei größer besetzten Werken eine stilistische Einheit garantiert werden. „Es liegt ja nicht allein an den alten Instrumenten, das Gesamtpaket muss stimmen, Phrasierung, Artikulation, all das muss ein homogenes Ganzes ergeben.“ Vor allem, da im Falle der vorliegenden Werke sowohl Schütz als auch Praetorius in ihren begleitenden Erläuterungen explizit die Textverständlichkeit der Sänger einfordern. Was in Verbindung mit den vokalen Verzierungen durchaus nicht selbstverständlich ist. „Das muss man eben beherrschen. Aber darüber muss ich mir bei meinem Ensemble zum Glück keine Gedanken machen. Ich denke, dass wir das sehr gut hinbekommen haben.“

Neu erschienen:

Heinrich Schütz, Michael Praetorius

„Reformationsmesse“

Musica Fiata, La Capella Ducale, Roland Wilson

dhm/Sony


Die Marseillaise der Reformation

Heinrich Heine bezeichnete den Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ einst als „Marseillaise der Reformation“. Selbst wenn bis heute umstritten ist, ob Luther nun auch die Melodie oder nur den Text verfasste, die musikhistorischen Spuren, die das Stück hinterlassen hat, sind nicht zu übersehen. Bach, Händel und Max Reger haben das Thema ebenso verwendet wie Mendelssohn in seiner „Reformations-Sinfonie“ oder Richard Wagner, der bei seinem „Kaisermarsch“ darauf zurückgriff. Sogar zu Opernehren kam das Werk. So zählt es als Kampflied zu den zentralen Motiven in Meyerbeers „Hugenotten“ und nimmt auch im „Friedenstag“ von Richard Strauss eine prominente Position ein.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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