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(c) Benjamin Pritzkuleit

Giovanni Antonini

Frisch verhayratet

Der italienische Alte Musik-Star hat sich festgelegt: Bis zum 300. Geburtstag Joseph Haydns 2032 will er dessen 107 Sinfonien komplett aufnehmen.

RONDO: Bevor es um Ihren großen Haydn-Marathon geht, Herr Antonini, vielleicht ein Wort zu Ihrem gerade verstorbenen Dirigentenkollegen Christopher Hogwood?

Giovanni Antonini: Hogwood war selbstverständlich eine eminent wichtige Figur auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis. Und besonders in Erinnerung ist mir nicht nur seine Aufnahme von Rebels „Les éléments“ geblieben. Ich glaube, dass seine Haydn-Sinfonien mit der „Academy of Ancient Music“ die wohl immer Herausnoch schönsten auf dem Tonträgermarkt sind. Hogwood hat zwar auch Haydn mit dem Kammerorchester Basel aufgenommen. Die CDs kenne ich aber nicht.

RONDO: In gewisser Weise setzen Sie nun ein wenig Hogwoods Haydn-Arbeit mit den Baselern fort. Im Laufe der 107 Sinfonien, die bis 2032 eingespielt werden, werden Sie immer wieder zwischen Ihrem Ensemble „Il Giardino Armonico“ und dem Kammerorchester Basel hin und her wechseln, dessen ständiger Gastdirigent Sie sind.

Antonini: Nicht nur das wird im Laufe der Aufnahmestaffel passieren, die pünktlich zum 300. Geburtstag abgeschlossen sein soll. Tatsächlich habe ich mir die Möglichkeit offen gelassen, beide Ensembles dort zu einem großen Orchester zu verschmelzen, wo eine umfangreichere Besetzung gefragt ist. Auch daraus entstehen dann ganz neue Erlebnisse und Erfahrungen im Umgang mit Haydn.

RONDO: Sie sind nicht nur dank „Il Giardino Armonico“ als Barockfachmann bekannt. Spätestens seit den Beethoven-Sinfonien, die Sie mit dem Kammerorchester Basel eingespielt haben, gelten Sie ebenfalls als Experte für die Klassik. Wie ist überhaupt Ihr Verhältnis zu Haydn?

Antonini: Meine erste Erfahrung mit ihm habe ich mit seiner „Trauersinfonie“ gemacht, die ich als Gastdirigent mit einem Sinfonieorchester aufgeführt habe. Aber in meiner Heimat Italien wird Haydn bis auf seine bekannten Stücke wie die „Schöpfung“ nicht richtig wahrgenommen. Auch deshalb erwarte ich mir von dem gerade gestarteten Haydn-Projekt die entsprechenden Schubkräfte auch für weniger bekannte, aber genauso interessante Sinfonien.

RONDO: Ähnlich unterschätzt wird Haydn aber auch weiterhin in Deutschland. Ihr Kollege Andreas Spering, der genauso ein Haydn-Fan ist wie Sie, beklagte sich einmal darüber, dass in Konzerten meistens eine Haydn-Sinfonie zum Aufwärmen gespielt wird. Und der eigentliche Repertoire- Knaller kommt dann nach der Pause …

Antonini: Ich stimme Andreas Spering da vollkommen zu. Es passiert oft, dass Sinfonieorchester ein Haydn-Stück mal kurz durchlesen und überhaupt keine Ahnung von der Musik, seiner Rhetorik und den technischen Herausforderungen haben. Und so kommen meist schreckliche, weil einfallslose Haydn-Interpretationen heraus. Im Vergleich zu Mozart etwa, dessen unvergessliche Themen selbst zweit- oder drittklassige Aufführungen aushalten, hat Haydn eher ungemein raffinierte Gedankengebäude und Ideenkonstruktionen zu bieten. Und in seinen Sinfonien ist er besonders als Mann des Theaters zu erleben. In seiner Musik finden wir eine perfekte Balance aus subtiler Ironie und etwas Groteskem, gepaart mit Melancholie und lyrischer Tiefe. Haydn hat da das ganze Leben mit all seinen Widersprüchen eingefangen.

RONDO: Sie gehen bei der Einspielung sämtlicher 107 Sinfonien nicht chronologisch vor, sondern kombinieren Sinfonien aus verschiedenen Schaffensphasen von Haydn, aber auch mit Werken anderer Komponisten …

Antonini: Wir wollen die möglichen Verbindungen zwischen Sinfonien entdecken, die zeitlich durchaus auch sehr weit auseinander liegen. Für die erste Folge habe ich mit „Il Giardino Armonico“ die Sinfonien Nr. 1, 39 und 49 sowie Glucks Ballettmusik „Don Juan“ aufgenommen. Haydn und Gluck kannten sich ja und haben sich gegenseitig sehr geschätzt. Ich wollte nun zeigen, dass Haydns Sinfonien aus seiner „Sturm und Drang“-Zeit ihre Wurzeln in Glucks Bühnenmusik haben. Auf den kommenden CDs wird es dann etwa Klang-Dialoge zwischen Haydn und Wilhelm Friedemann Bach oder Joseph Martin Kraus geben.

RONDO: War dieses gigantische Haydn-Unternehmen eigentlich Ihre Idee?

Antonini: Nein. Sie kam vom Schweizer Kulturmanager Christoph Müller, der zur Finanzierung solch eines kostspieligen Abenteuers 2013 auch die „Joseph Haydn Stiftung Basel“ gegründet hat.

RONDO: Möglich gemacht wird das Projekt ausschließlich von privaten Sponsoren. Wie ist es da um Ihre künstlerische Unabhängigkeit bestellt?

Antonini: Ich bin der künstlerische Direktor und entscheide, was aufgenommen wird. Einen bereits durchkonzipierten Aufnahmeplan haben wir aber bislang nicht. Die Stücke für die nächsten drei, vier CDs stehen fest. Aber jede Produktion soll uns immer auch Inspiration für die kommende sein. Und dabei ist zudem Christoph Müller für mich ein wichtiger Gesprächspartner.

RONDO: Nun gibt es Haydn im Originalklang nicht nur längst von Hogwood, sondern auch von Trevor Pinnock oder Nikolaus Harnoncourt. Was gewinnt seine Musik für Sie, wenn sie auf historischen Instrumenten gespielt wird?

Antonini: Gerade italienische Musiker können ihr einen größeren theatralischen und ironischen Geist verleihen. Die Italiener haben schließlich die Oper erfunden. Zudem können wir vielleicht die Menuett-Form rehabilitieren. In vielen Aufführungen werden Menuette einfach tödlich langweilig gespielt. Das Problem liegt aber nicht in der Musik, sondern an dem fehlenden Schlüssel, mit dem man den „Loop“-Charakter eines Menuetts in etwas Angenehmes verwandelt und nicht zur Folter macht.

Neu erschienen:

„Haydn2032“ Vol. 1: „La passione“,Sinfonien Nr. 1, 39, 49/Gluck „Don Juan“

Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini

Alpha/Note 1


18 Jahre Haydn-Entdeckungen

Bis zum Abschluss der Kompletteinspielung der 107 Haydn-Sinfonien auf historischen Instrumenten in 18 Jahren wird Dirigent Giovanni Antonini die einzelnen CD-Programme mit seinen beiden Ensembles auch live präsentieren. So finden jährlich in Basel, Zürich, Eisenstadt und Berlin jeweils zwei Konzerte statt. Diese Konzertzyklen werden wie überhaupt das gesamte „Haydn2032“-Projekt ermöglicht durch die Schweizer Mäzene Jeanne Lüdin-Geiger und Hanspeter Lüdin, die im Vorstand der von Christoph Müller gegründeten „Haydn Stiftung“ sitzen. „Die Stiftung“, so Müller, „möchte die Bedeutung und das Gewicht Joseph Haydns innerhalb der Musikgeschichte ins richtige Licht rücken und das Haydn-Bild grundlegend revidieren.“


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 5 / 2014



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