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(c) Josep Molina

Maurice Steger

Deftiger Distelfink

Ein Burnout von zu viel Vivaldi-Spielen? Der Schweizer Blockflötist will es erst gar nicht darauf ankommen lassen.

Nach 400 Konzertauftritten war es für Maurice Steger genug: Der Musiker verbannte Vivaldis berühmtes Flautino- Konzert RV 433, dem er seinen Durchbruch als Blockflötenvirtuose verdankte, für sechs lange Jahre vom Podium. Erst jetzt ist er wieder auf das Stück zurückgekommen – und das Ergebnis könnte sogar diejenigen Hörer interessieren, die eigentlich selber mit dem Gedanken spielen, eine Auszeit von Vivaldi zu nehmen. Ein Grund dafür ist die unorthodoxe Wahl des Instruments.
Tatsächlich stehen einem Blockflötisten für die Besetzung des Konzerts nämlich unterschiedliche Instrumentengrößen zur Auswahl: zum einen deswegen, weil zu Vivaldis Zeit verschiedene Blockflöteninstrumente mit „Flautino“ bezeichnet wurden und zum anderen, weil eine Transpositionsangabe auf dem Manuskript zumindest theoretisch die Möglichkeit zulässt, dass Vivaldi das Konzert erst nachträglich vier Töne höher transponierte. Während Steger früher – wie die überwiegende Anzahl der Solisten auch – die extrem hohe Sopraninoflöte in f benutzte, griff er diesmal eine Sopranblockflöte in c: „Ich habe mich für die größte der möglichen Blockflöten interessiert“, erklärt er seine Wahl, „um einfach mal zu zeigen, wie opulent das Ganze auch klingen kann – und wie wenig nach Spielzeug.“ Für Steger eröffneten sich so ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten: „Dadurch, dass die Blockflöten größer werden, kann man viel mehr Dynamik und viel mehr klangliche Unterschiede machen“, schwärmt er. Zugleich verlange das Spiel auf einem größeren Instrument einen größeren Körpereinsatz. Die Musik werde „rauer und exaltierter“ und bewege sich weg von der „schülerhaften Richtigkeit“, die nach Stegers Einschätzung vielen Einspielungen anhafte.
Das Experiment, einmal am Image des „weiblichen blonden Engelsspielzeugs“ zu kratzen, ist aber nicht einfach bloß aus dem Ennui des Virtuosen an der „Kaufhausliftschönheit“ erwachsen, die so viele Mainstream-Interpretationen präge: Für seinen interpretatorischen Zugang kann Steger auch viele gute historische Gründe anführen. Entgegen einer noch immer weit verbreiteten Meinung habe Vivaldi sein Flautinokonzert beispielsweise nicht für die Schülerinnen am Mädchenkonservatorium „Ospedale della Pietà“ geschrieben, an dem er viele Jahre als Komponist angestellt war. Der wahrscheinlichste Uraufführungskandidat sei vielmehr der Oboenund Flötenvirtuose Ignazio Sieber gewesen, der neben Vivaldi am Ospedale wirkte. Sieber könnte auch Geburtshelfer für die Entstehung einiger weiterer früher Blockflötenkonzerte gewesen sein, die Steger dem Flautino- Konzert auf der CD an die Seite stellte. Es handelt sich dabei um oft betont pastorale Stücke in kammermusikalischer Besetzung, die vermutlich auf den adligen Landsitzen im Veneto erklangen. Der ursprüngliche Klangfarbenreichtum dieser Konzerte, in denen neben der Blockflöte auch Violine, Oboe und Fagott als solistische Aufgaben übernehmen, ist allerdings nur selten zu hören: Viele der Stücke überarbeitete Vivaldi nämlich später für Traversflöte und reine Streicherbegleitung, um sie 1728 als Opus 10 zu publizieren. Auch Steger spielt eines dieser Konzerte (das bekannte, hochvirtuose Nachtstück „La notte“) in der späten Streicherfassung und mit einer Altblockflöte als Soloinstrument.
Daneben sind aber auch vier der ursprünglichen Kammerkonzerte zu hören, in denen Steger und das Ensemble „I Barocchisti“ nicht mit Klangfarbenüberraschungen geizen. Eine besondere Herausforderung sei das Konzert „Il Gardellino“ gewesen, in dem Blockflöte und Oboe einen Distelfink nachzuahmen haben. Statt auf ein Flautino auszuweichen, mit dem das Konzert oft gegeben wird, entschied sich Steger für die tiefere Altblockflöte: „Ich habe das Originalinstrument genommen – und das liegt relativ deftig: Wenn man so hoch zwitschert, ist es eigentlich einfach, dass man viele Bravo-Rufe hat. Aber in der bauchigen Lage, wo es Speck am Knochen gibt, da wird es schon schwieriger, so vogelleicht zu spielen.“ Zugleich komme seine Auffassung dem tatsächlichen Charakter des Distelfinks wahrscheinlich näher: „Man ist versucht, das so popartig zu spielen“, gibt Steger zu. „Aber ein Distelfink ist schon ein ziemlich aggressiver Vogel – das ist kein verliebtes Ständchen, sondern auch ein bisschen Naturkampf.“ Wert legt Steger darauf, dass er gerade hier eng am Notentext geblieben sei: „Bei den Kadenzen könnte man denken, hier übertreibt er wieder ein bisschen“, sagt Steger grinsend, „aber da ist wirklich jede Note so, wie sie Vivaldi geschrieben hat!“
Das virtuoseste Konzert des Albums ist für Steger jedoch seine eigene Bearbeitung des späten Violinkonzerts in Es-Dur RV 375 – aber nicht wegen der schnellen Noten, sondern wegen des neuen, leichten, singenden galanten Tons, den Vivaldi hier anschlägt. Was sich hier an stilistischen Neuerungen anbahne, sei der Grund, warum die Blockflöte am Ende des Barock als Soloinstrument von der Bildfläche verschwand: „Das ist die Grenze des Instruments – und nicht, ein Arpeggio noch schneller zu spielen. Und das kann man doch auch einmal zeigen, nicht wahr?“

Neu erschienen:

Antonio Vivaldi

Concerti per flauto

Maurice Steger, I Barocchisti, Diego Fasolis


Vivaldi und Ignazio Sieber

Der Beruf des Blockflötenvirtuosen war zu Vivaldis Zeit unbekannt. Virtuose Blockflötenkonzerte wurden in der Regel von Oboenvirtuosen gespielt, die beide Instrumente beherrschen mussten. Unter ihnen scheint der aus Deutschland stammende Ignazio Sieber (vor 1700 bis nach 1757) ein besonders Faible für Flöteninstrumente besessen haben, denn er veröffentlichte auch eigene Blockflötensonaten. Ab 1720 wendeten sich Vivaldi und Sieber dann aber der als „galant“ geltenden, modulationsfähigeren Traversflöte zu. Pech für die Blockflöte!


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 5 / 2014



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