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(c) Marco Borggreve

Alexandre Tharaud

Holz und Herz

Seine Rameau-Einspielung auf dem modernen Flügel machte Furore. Jetzt sucht der Pianist auch für Mozart den eigenen Ton.

Eigentlich müsste auf dem Titel von Alexandre Tharauds neuer CD ja nicht „Jeunehomme“ sondern „Jenamy“ stehen: 2004 hat der Musikwissenschaftler Michael Lorenz nachgewiesen, dass es sich bei dem von Mozart so geschriebenen Pianisten „jenomè“, für den das 9. Klavierkonzert entstand, nicht etwa um einen jungen Mann (frz. „jeune homme“), sondern vielmehr um eine junge Frau namens Victoire Jenamy handelte. Nun mag sich ein „Jeunehomme“ in der beständig auf das Nachwuchspublikum schielenden Klassikbranche vielleicht besser vermarkten lassen. Doch in gewisser Weise scheint auch der 1968 geborene Tharaud mit seinem jungenhaften, etwas zerbrechlich wirkenden Äußeren die Verwendung des herkömmlichen Namens zu rechtfertigen.
In Wirklichkeit konnte sich Tharaud, als er wirklich noch ein ganz junger Mann war, jedoch gar nicht besonders für dieses Stück erwärmen. Damals nämlich, so erzählt er, habe er sich viel mehr für die großen reifen Klavierkonzerte aus Mozarts Wiener Zeit begeistert, wie etwa die Nummern 21 und 22. Erst vor sieben Jahren gelang es dem kanadischen Orchesterleiter Bernard Labadie, Tharaud umzustimmen: „Er wollte unbedingt, dass ich dieses Konzert mit ihm spiele“, erzählt Tharaud: „Er meinte: ‚Alexandre, vertraue mir, es ist ein wichtiges Konzert‘“.
Es blieb nicht bei einer Aufführung: Das Stück wurde schnell zu einem so wichtigen Teil von Tharauds Repertoire, dass er es nun auch zum Zentrum und Ausgangspunkt einer ganzen Einspielung machte. Leitidee des Programms war es dabei, das Konzert mit einigen seltener gespielten Stücken aufzunehmen, die das Werk spiegeln. Zu diesen Stücken gehört neben Mozarts kurzem Rondo KV 386 auch Haydns Klavierkonzert in D-Dur, das ebenso wie das Jenamy/Jeunhomme- Konzert eine neue Entwicklungsstufe in der Geschichte des Klavierkonzerts markiert und das – wie Tharaud findet – nebenbei auch ein guter „Rausschmeißer“ ist. Weil der Pianist großen Wert auf eine innere Stringenz seiner CD-Programme legt und außerdem beim privaten Musizieren ein großes Faible für Improvisation besitzt, kam er auf eine ungewöhnliche Idee: Er lässt in den Solokadenzen des Rondos und des Haydn-Konzerts auch Material aus den vorangegangenen Stücken anklingen und erlaubt sich in Haydns rustikalem Schlusssatz sogar einen witzigen Querverweis auf Mozarts „Alla turca“.

Klavierstunde bei der Schwarzkopf

Das wichtigste „Gegenstück“ zum Jenamy-Konzert aber ist Mozarts Konzertarie „Ch‘io mi scordi di te“. Es ist ein außergewöhnliches Stück in Mozarts Oeuvre, weil hier die Solistin mit einem konzertanten Klavierpart in Dialog tritt. Wegen des Aufwands wird das Stück ebenso selten aufgeführt wie aufgenommen. Um seine Wunschpartnerin Joyce DiDonato dazu zu bewegen, für die Einspielung von Santa Fé in den abgelegenen Aufnahmeort Le Domaine Forget in Québec zu fliegen, brauchte Tharaud allerdings nicht viel Überzeugungsarbeit: „Sie sagte sofort: Ja, ich will, ich will, ich will! Frag bloß niemand anderen!“
Die innere Verbindung zwischen beiden Stücken liegt für Tharaud besonders im zweiten Satz von Mozarts Klavierkonzert, der nämlich bereits selbst wie eine große Opernszene angelegt sei. „Mozart behandelt das Klavier einerseits als Soloinstrument“, erklärt Tharaud, „aber auch als Begleitung für die Stimme und auch als Instrument innerhalb des Orchesters. Für den Pianisten ist das sehr spannend, denn manchmal muss man sehr transparent musizieren, dann wiederum muss man der Solist in einem kleinen Klavierkonzert oder der Klavierbegleiter der Sängerin sein. Und es nicht immer einfach, die richtige Rolle zu finden.“
Um sein Instrument zum Singen zu bringen, lässt sich Alexandre Tharaud auch von Sängerinnen inspirieren, wobei die Bandbreite seiner bevorzugten Mozartinterpreten von Joyce DiDonato und Diana Damrau bis zu Elisabeth Schwarzkopf und von Kiri Te Kanawa bis Edita Gruberova reicht. Für das singende Musizieren, das freilich nicht der Versuch einer reinen Imitation sein dürfe, hält Tharaud den modernen Flügel für besser geeignet als historische Instrumente. Große Aufmerksamkeit widmeten er und sein Klavierstimmer Michel Bargès dem Klang des Steinway- Flügels: „Bei Mozart liebe ich einen warmen Klang, der aber gleichzeitig sehr präzise sein muss. Es ist wie bei Bach: Man muss das Holz hören und die Mechanik, aber gleichzeitig das Herz des Instruments spüren.“
Mit Bernard Labadie wiederum verbindet Tharaud das Interesse an einer Aufführungspraxis, die um die historischen Bedingungen der Mozartzeit weiß, ohne auf moderne Instrumente verzichten zu wollen: Denn Labadies Ensemble „Les Violons du Roy“ musiziert zwar mit historischen Bögen, die einen sehr flexiblen und farbigen Klang ermöglichen, verwendet aber gleichzeitig „moderne“ Streichinstrumente. So sehr Tharaud und Labadie ihr Tun reflektieren können – um zu dem eng abgestimmten Zusammenspiel der Aufnahme zu kommen, habe es keiner langen theoretischen Erörterungen bedurft, sagt Tharaud: „Bernard besitzt eine große Präsenz auf dem Podium, auf die ich unmittelbar reagieren kann. Es ist nicht gut, zu viel zu reden – aber für die Aufnahme muss man sich Zeit nehmen.“

Neu erschienen:

„Jeunehomme“ (Mozart: Klavierkonzert Nr. 9, Haydn: Klavierkonzert D-Dur op. 21 u.a.)

Alexandre Tharaud, Joyce DiDonato, Les Violons du Roy, Bernard Labadie

Erato/Warner


Mozarts Musen

Ausgedehnte Dimensionen, ein überraschender Einsatz des Solisten schon im zweiten Takt und ein Klavierpart, der sich wie in einer dramatischen Opernszene zwischen arienhaftem Kantabile und dramatischen Rezitativgesten bewegt: All dies macht Mozarts 1777 entstandenes Jenamy-Konzert zu einem Schlüsselwerk seines konzertanten Schaffens. Mozart schrieb das Stück wohl auch als einen Freundschaftsdienst für Victoire Jenamys Vater, den bedeutenden französischen Choreografen Jean-Georges Noverre. Eine enge musikalische Zusammenarbeit verband Mozart mit Nancy Storace, für die er 1787 die Konzertarie „Ch‘io mio scordi di te“ schrieb: Die englische Sopranistin hatte erst ein Jahr zuvor die Partie der Susanna in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ aus der Taufe gehoben.


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 5 / 2014



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