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(c) Marco Borggreve

Nikolaus Harnoncourt

„Bei ‚historisch informiert‘ wird mir schlecht.“

Der Jahrhundert-Musiker wird 85. Ein Gespräch über sein Lebenswerk, letzte Großprojekte und den Ruf, musikalischer Extremist zu sein.

RONDO: Herr Harnoncourt, Ihre beiden neuen CDs beschäftigen sich mit Mozart, ebenso Ihr kürzlich aufgeführter da Ponte-Zyklus in Wien und die „Zauberflöte“ in Salzburg. Wollen Sie nur noch Mozart dirigieren?

Nikolaus Harnoncourt: Nein, nur bin ich bei Mozart erst in den letzten Jahren umgeschwenkt zu den alten Instrumenten. Zuvor dachte ich immer, wir sind damit noch nicht so weit. Ich habe erst jetzt unterhörte Entdeckungen gemacht. Deswegen mache ich ihn jetzt anders. Mozart, grundsätzlich gesprochen, wird oft zu sehr herunter gesprudelt. Das nennt sich dann „historisch informiert“, ein Ausdruck, bei dem mir persönlich sofort schlecht wird.

RONDO: Warum wird Ihnen dabei schlecht?

Harnoncourt: Was soll „informiert“ denn heißen?! Wir haben immer nur gesagt: „auf historischen Instrumenten“ – und fertig. Der Ausdruck „authentisch“ passt auch nicht. Authentisch sein kann nur der Komponist. Ich mag auch keine Leute, die allgemeine Regeln erfinden. Meine Regeln galten immer nur für mich – auch wenn ich glücklich bin, wenn jemand anderes meine Vorschläge annimmt. Ich halte mich, kurz gesagt, nicht für informiert, sondern für neugierig.

RONDO: Sie bezeichnen die drei letzten Sinfonien Mozarts als ein „Instrumental- Oratorium“. Warum?

Harnoncourt: Weil es sich, wie ich nach Jahrzehnten herausgefunden habe, um ein Großwerk handelt, dessen Teile zusammengehören. Es erzählt zwar keine durchgehende Geschichte, hat aber eine durchgehende Dramaturgie, die thematisch, motivisch und tonartlich begründet ist. Außerdem spricht die für Mozart einmalige Entstehungsgeschichte eine klare Sprache: Das Werk wurde ohne Auftrag, ohne in Aussicht stehende Aufführung innerhalb von sechs Wochen geschrieben. Die übliche Begründung lautet, der verarmte Mozart hätte die Werke für geplante Subskriptionen geschrieben. Aber das zählt für mich nicht. Mozart war nie arm.

RONDO: Ist der ‚arme Mozart’ nur ein Mythos?!

Harnoncourt: Es stimmt, dass Mozart die berühmten ’Bettelbriefe’ schrieb. Das heißt aber nicht, dass er am Hungertuch nagte. Sondern dass er an Geld herankommen wollte, von dem seine Frau nichts wusste. Die Fama vom armen Mozart liegt nur daran, dass sich die Biografen und Wissenschaftler, die solche Dinge behaupten, ihre Entdeckerfreude nicht gerne kaputtmachen lassen. Es handelt sich dabei aber nur um schlecht begründete Hypothesen.

"Die drei Mozart-Sinfonien, die jetzt erscheinen, halte ich für eine Krönung meines gesamten Werks."

RONDO: Sie hatten bislang nur drei der Klavierkonzerte von Mozart aufgenommen, bevor jetzt – auf einer zweiten Doppel-CD – zwei neue hinzugekommen sind, mit Lang Lang als Solist. Warum bisher so wenige?

Harnoncourt: Weil Friedrich Gulda zu früh gestorben ist. Mit ihm hätte ich gern jede Menge Klavierkonzerte aufgenommen. Meine Frau hatte schon während des Krieges mit ihm und seinem Vater Trios gespielt. Er wohnte am Attersee bei uns in der Nähe und kam eines Tages herüber mit der Frage: „Warum machen wir nichts zusammen?“ Gulda war der Pianist für mich.

RONDO: Wie sind Sie jetzt ausgerechnet auf Lang Lang gekommen?

Harnoncourt: Lang Lang und ich kennen uns von einem Konzert der Wiener Philharmoniker. Ich arbeite gewöhnlich mit jedem Solisten, bevor die Proben beginnen. Ich bin dagegen, einfach nur zu begleiten. Lang Lang war begeistert über diese Vorbereitungsarbeit. Wir hatten sehr gute Proben. Ich habe nie einen Pianisten erlebt, außer Gulda, der sofort umsetzen konnte und auch wollte, was wir besprochen hatten. Als dann der Plan der Sony entstand, hat Lang Lang erklärt, er möchte es nur mit mir machen. Er kam zu uns nach St. Georgen, wir haben einen Saal in der Musikschule bekommen. Die Arbeit mit ihm war fabelhaft und inspirierend.

RONDO: Was haben Sie Lang Lang beigebracht ?

Harnoncourt: Die vielen Kommata in der Musik. Und die Tatsache, wie sprachlich Mozart komponiert. Fast jedes Thema ist aufgebaut wie ein gesprochener Satz. Das ist etwas, was man meist übersieht. Man hört heute, wenn Mozart gespielt wird, meist nur ein durchgehendes „Blabla“. Ohne Satzzeichen. Das darf nicht sein.

RONDO: Lang Lang genießt, ähnlich wie Anna Netrebko, einen zuweilen zwiespältigen Ruf – vermutlich aus Neid und Misstrauen gegenüber dem Erfolg. Sagen Sie noch etwas zugunsten von Lang Lang!

Harnoncourt: Komisch, aber es ist so, wie Sie sagen. Dabei ist Lang Lang ein Solist mit einem überaus hohen Einfühlungsvermögen. Und mit dem, was ich emotionales Charisma nennen würde. Bei Anna Netrebko hatte ich dieselbe Empfindung. Sie wollte, als sie damals in Salzburg als Donna Anna engagiert wurde, ursprünglich die Zerlina singen. Wenn ich die beiden heute höre, spüre ich immer: Das sind Künstler mit einer ganz besonderen Radiation. Etwas Seltenes.

RONDO: Ihr ästhetisches Alleinstellungsmerkmal, so könnte man sagen, ist Ihre explosive Klangauffassung. Man sieht sie Ihnen sogar an, wenn Sie dirigieren. Woher kommt sie?

Harnoncourt: Es ist eben mein Naturell. Das Inder- Mitte-Herumschwimmen, das man so oft erlebt, gefällt mir nicht. Die Kunst spielt sich zwischen den Extremen ab.

RONDO: Sind Sie ein musikalischer Extremist?

Harnoncourt: Ich kann gut leben mit diesem Bild. Allerdings nur mit Gebrauchsanweisung! Ich will nicht in denselben Topf mit den anderen Extremisten geworfen werden.

RONDO: Sie haben in letzter Zeit verschiedene Projekte absagen müssen und auch erklärt, nie mehr die Berliner Philharmoniker dirigieren zu können. Haben Sie Ihr Leben gesundheitlich neu justiert?

Harnoncourt: Ja, anders ging es nicht. Ich kann nur noch das machen, was ich mit voller Kraft tun kann. Die Zahl der Auftritte darf man reduzieren, nicht den Inhalt. Für mich sind alle Aufführungen wie Uraufführungen, ob es sich nun um Schubert mit den Wiener Philharmonikern handelt oder um Haydn mit dem Concentus. Ich habe kein Repertoire. Sondern lasse die Dinge immer längere Zeit ruhen, um wieder frisch an sie herangehen zu können. Außerdem habe ich noch andere Interessen, jenseits der Musik. Ich komme gerade aus meiner Werkstatt, wo ich einen Elefanten mit Fledermausflügeln geschnitzt habe. Das zeige ich aber nicht öffentlich. Ich sehe mich nicht als Bildenden Künstler.

RONDO: Auch in letzter Zeit haben Sie noch große Neueroberungen gemacht wie etwa „Porgy and Bess“ und „Die verkaufte Braut“. Welche großen Ziele möchten Sie noch erreichen?

Harnoncourt: Sachen in dieser Größenordnung sehe ich im Augenblick leider nicht vor mir. Sie sind zu anstrengend.

RONDO: Was wird aus dem Concentus Musicus werden, wenn Sie einmal nicht mehr da sind?

Harnoncourt: Ich glaube, dass ich mich um diese Frage nicht kümmern darf. Es ist Sache der Musiker, die alle Vollblutmusiker und vollkommen selbständig sind. Schon vor Jahren habe ich ihnen gesagt: Denkt daran, dass ich plötzlich weg sein kann. Sie haben gesagt: „Das ist unsere Sache, mach dir keine Sorgen.“ Vielleicht werden mehrere Ensembles daraus entstehen. Man kann aber auch den Namen weiterverwenden. Es wird sich zeigen.

RONDO: Sie haben mehr als ein halbes Jahrhundert Schallplattengeschichte mitgeprägt. Können Sie mir drei wichtigste, eigene Schallplattenaufnahmen nennen?

Harnoncourt: Das ist schwer für mich, denn ich schnüffele nicht in meiner eigenen Vergangenheit herum. Trotzdem würde ich, ohne lange nachzudenken, die Gesamtaufnahme der Purcell-Fantasien dazu rechnen. Ganz wunderbar war auch die total friktionsfreie Zusammenarbeit mit Gustav Leonhardt, dem überragenden Cembalisten des 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt die Bach-Kantaten. Ich würde auch die ‚Monteverdi- Revolution’ dazu rechnen, die zusammen mit dem Regisseur Jean- Pierre Ponnelle in den 70er Jahren entstand.

RONDO: Sie nennen vor allem frühe Aufnahmen!?

Harnoncourt: Ja, aber ich hoffe auch, dass „Porgy and Bess“ eine wichtige Rolle spielen wird. Wegen der erstmals verwendeten Originalquellen. Die Nachfolger haben leider immer ein Musical daraus gemacht. Gershwin aber hatte eine amerikanische Oper im Sinn. Außerdem muss ich sagen: Die drei Mozart-Sinfonien, die jetzt erscheinen, halte ich für eine Krönung meines gesamten Werks. Es ist diese Aufnahme, für die ich glaube gelebt zu haben.

Neu erschienen:

Wolfgang Amadeus Mozart

The Mozart-Album (Klavierkonzerte Nr. 17 & 24, Klaviersonaten 4, 5 & 8 u.a.)

Lang Lang, Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt

Sony

Zuletzt erschienen:

Wolfgang Amadeus Mozart

„Instrumental Oratorium“ (Sinfonien Nr. 39, 40 und 41)

Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

Sony


Später Spezialist

Nikolaus Harnoncourt als Mozart-Dirigent war beinahe: ein Spät-Revoluzzer. Seine Bach- und Monteverdi-Großtaten waren vollbracht, als Harnoncourt, beginnend 1980 in Zürich mit dem „Idomeneo“ (samt Varianten-Appendix), kontinuierlich das Werk dieses Komponisten zu erobern begann. Ab 1981 folgten die späten Sinfonien mit dem Concertgebouw Orchester, 1982 das „Requiem“ und 1983 die Violinkonzerte mit Gidon Kremer und den Wiener Philharmonikern. Ein Höhepunkt ist bis heute der „Lucio Silla“ (1989 mit Peter Schreier, Edita Gruberova und Cecilia Bartoli) sowie drei Klavierkonzerte mit Friedrich Gulda (und Chick Corea). Konkurrenzlos: das geistliche Werk (gesammelt auf 13 CDs bei Warner).


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2014



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