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Hans Neuenfels

"Ich liebe Komplikationen"

Die kurzfristige Absetzung seiner „Idomeneo“-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin sorgte für gehörigen Wirbel. Vor wenigen Tagen hatte Hans Neuenfels’ Inszenierung der „Zauberflöte“ an der Komischen Oper Premiere. Mitten in den Proben fand er die Zeit für ein Gespräch über die Möglichkeit der Liebe, die Gefährdung durch Erkenntnis und die Chancen des Musiktheaters. Mit dem Regisseur sprach für RONDO Jürgen Otten.

RONDO: Ist die Liebe eine Utopie? Oder ist sie machbar?

Hans Neuenfels: Naja, stellenweise ist sie schon machbar, und Gott sei Dank passiert sie in der Welt des öfteren.

RONDO: Punkt?

Neuenfels: Punkt!

RONDO: In Mozarts „Zauberflöte“ wird am Ende zwar nicht die Liebe, aber doch immerhin explizit die Weisheit und Schönheit besungen. Glauben Sie an eine solche Aussicht, an ein solches lieto fine?

Neuenfels: Zumindest glaube ich an die Vorstellung, die wir davon haben, und an die Sehnsucht, die uns beschwingt, die uns beschwingen sollte. Wir haben den Wunsch nach Weisheit und Schönheit in uns, und wir gehen diesem Wunsch nach. Deswegen halte ich dies für eine große Realität.

RONDO: Ist angesichts der Tatsache, dass diese Realität draußen in der Welt kaum noch formuliert wird, das Theater vielleicht ein, wenn nicht gar der letzte wirkliche Ort, an dem diese Realität stattfinden kann?

Neuenfels: Wenn dem so ist, wie Sie sagen, dann ist das Theater wahrscheinlich sogar der immerwährende Ort: Er ist der einzige Ort, der daran erinnern soll. Und das ist keine Rückbesinnung, sondern eine Besinnung auf das, was die Frage des Menschen ausmacht, der sich selbst zu einem göttlichen Geschöpf im Diesseits erklären darf.

RONDO: Das ist ein sehr hoher Anspruch.

Neuenfels: Ja, das ist ein sehr hoher Anspruch. Aber man sollte versuchen, ihn einzulösen.

RONDO: Wie? Neuenfels: Mit verschiedenen Mitteln. Man kann versuchen, die für sich wesentlichen Bestandteile des Lebens zu finden, und versuchen, diese zu realisieren. Die Mittel müssen aber nicht Kunst oder irgendwie hochtrabend sein, die können auch in sehr konkreten Details bestehen, in der Tätigkeit als Bienenzüchter, als Philatelist. Ausgesprochen wichtig ist nur, das Ziel seines Lebens zu finden.

RONDO: In der „Zauberflöte“ gibt es viele verschiedene Personen, die auf sehr verschiedenartige Weise versuchen, dieses Ziel, den Sinn des Lebens, zu definieren und zu finden. Ist es möglich, diese von Bloch besungene Vielfalt der Stoffe, Gedanken und Ideen zu bündeln? Und wie transportiert man, wissend, dass die Welt doch einigermaßen anders verfasst war, als Mozart und Schikaneder das Werk schufen, diese Vielfalt ins Heute?

Neuenfels: Wichtig ist, dass man der Geschichte, die Mozart komponiert hat – und davon gehe ich aus, nicht von Schikaneders Libretto – nachsinnt, nachspürt. Wenn man die ganzen Erzählstränge vergisst und sich wirklich auf die Musik konzentriert, die der Komponist „erzählt“, dann könnte man auf eine sehr direkte und heutige Form kommen, nämlich, dass Mozart es sozusagen immer geschafft hat, eine Welt darzustellen, in der er jede Autorität, oder besser: jede falsche Autorität, bezweifelt und sie untersucht. Und das ist ein grandioses Thema in der Welt. Nämlich indem er einfach das Wundern als höchste Form darstellt und indem er die Menschen und die Welt betrachtet und fragt: Wie ist das? Wie kommt es dazu? Wie ist das weiterzuführen? Oder ist das überhaupt weiterzuführen? Kurzum: indem er die naivsten Fragen stellt. Dadurch kommen wir zu den Wurzeln, zu unseren direktesten Bedürfnissen. Und das sind immer Liebe, Tod, immer Geltung und Macht, Manipulation. Und Urteil, Beurteilung. Alle diese Zuzüglichkeiten der Verengung wirft Mozart weg, indem er sie aufwirft, betrachtet. Und das tut er ohne Moral.

RONDO: Setzen Sie im Prozess des Inszenierens eine Moral hinzu?

Neuenfels: Nein. Ich versuche, durch ihn hindurch die Dinge zu betrachten. Zu betrachten: nicht zu beurteilen.

"Wirkliche Kunst irritiert, setzt etwas in Bewegung."

RONDO: Die „Zauberflöte“ fängt in Es-Dur an, und sie endet in Es-Dur. Wie klingt das zweite Es-Dur im Vergleich zum ersten?

Neuenfels: Das klingt anders insofern, als dass es einen Kontrapunkt setzt.

RONDO: Inszenieren Sie diesen Kontrapunkt, wie das gesamte Stück, nach den Aufwallungen der „Idomeneo“-Debatte anders? Immerhin ist beides Mozart, beide Arbeiten sind in Berlin entstanden. Und in beiden Opern spielen Religiosität, Glaube und Macht eine mehr oder minder tragende Rolle.

Neuenfels: Auch wenn in der „Zauberflöte“, da stimme ich Ihnen zu, der Glaube eine Rolle spielt, geht es letztlich in dieser Oper doch um etwas ganz anderes. Aber um die Frage zu beantworten: Ich bin von der Debatte nicht beeinflusst, und ich sehe auch keinen Grund dazu, einfach deswegen, weil ich die „Zauberflöte“ nicht komponiert habe. Ich bin derjenige, der versucht, das Stück zu interpretieren, es durchsichtig zu machen. Da treibt mich die Sache. Die Sache ist stärker.

RONDO: Sind Sie aber, wenn nicht beeinflusst, so doch beeindruckt von der Debatte?

Neuenfels: Ich bin beeindruckt. Und mich hat die Angelegenheit auch sehr beschäftigt.

RONDO: Hat Sie die Absetzung, das, was darauf folgte, gekränkt?

Neuenfels: Nein. Beunruhigt, in dem Sinne, dass es nicht angenehm ist, für etwas schuldig gesprochen zu werden, für das man die Schuld zweifelsfrei nicht trägt.

RONDO: Um das Musiktheater, behaupten die Regisseure Sebastian Baumgarten und Christoph Schlingensief, ist es, was gesellschaftliche Fakten und ihre Deutbarkeit angeht, nicht eben gut bestellt. Die Oper, so lautet der Vorwurf, hinke dem gesellschaftlichen Diskurs hinterher. Ist die Kritik berechtigt?

Neuenfels: Hinterhergehinkt ist sie immer. Dass die Oper viel zu wenig Gebrauch von ihrer wirklichen Kraft macht, steht außer Zweifel. Ich würde den jungen Kollegen dahingehend Recht geben, dass die Frage: „Was kann man mit Musik machen?“ auch einen gesellschaftlichen Kontext erreichen muss. Im Moment droht das eher zu verschwinden, als sich zu beleben. Es gibt ja überhaupt sehr wenige Häuser, die das überhaupt machen wollen, sprich: die den Raum für einen solchen Diskurs geben. Denen ist die heile Welt mit schönen Stimmen, die durch Lichtbögen wandern, lieber: die Herstellung eines Potpourris der Heilheit, der Intaktheit. Was insofern wirklich schlimm ist, weil die Menschen, die die Musik komponiert haben für die Oper, ungeheuer viel wussten über die gesellschaftlichen Bedingungen. Seien es Beethoven, Mozart oder Verdi: Sie alle haben um ihre Realität gerungen. Was die Oper weitgehend zeigt, bildet dazu einen heftigen Widerspruch.

RONDO: Die Zeitabläufe in der Oper sind ja festgesetzt durch die Absicht des Komponisten . Ist es ein Vor- oder ein Nachteil für den Opernregisseur, dass dieses Zeitreglement Bestand hat, auch eingedenk der Tatsache, dass im Sprechtheater anscheinend bedenkenlos gestrichen werden kann?

Neuenfels: Es ist absolut phantastisch, dass es diese Begrenzung gibt. Weil es gut ist, dass es etwas gibt, vor dem man Respekt haben muss, und dass es eine Anerkennung des größeren Zusammenhangs gibt. Ich persönlich finde diese radikalen Verkürzungen auf die Dauer auch nicht besonders spannend als Zuschauer. Ich liebe die Komplikationen. Ich würde auch Rilke oder Trakl nicht beschneiden, und ich kratze auch nicht an einem Rembrandt herum. Es gibt Dinge, die liegen da wie eine energetische Kraft. Diese Dinge bin ich bereit zu akzeptieren. Und das hat nichts mit Ehrfurcht zu tun, sondern mit Anerkennung. Wenn man das nicht kann, beschneidet man seine eigene Kreativität. Denn: Was das Diesseits geschaffen hat, sollte man durch derartige Angriffe nicht beschädigen.

RONDO: Sollte man stattdessen den Satz von Susan Sontag verinnerlichen: Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen?

Neuenfels: Ein bisschen auf jeden Fall: Wirkliche Kunst irritiert, setzt etwas in Bewegung.

Jürgen Otten, RONDO Ausgabe 6 / 2006



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