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Musikstadt

Köln: Warum ist es am Rhein so schön?

Kaum eine Musikszene in Deutschland ist so reich wie die Kölner, die sich nach Krieg und Zerstörung beinahe über Nacht selbst erfunden hat. Und sie reicht von namhaften und hochkarätigen Alte-Musik-Ensembles bis zur Avantgarde. Raoul Mörchen berichtet aus Geschichte und Gegenwart einer lebendigen Musikkultur.

Richtig ging‘s erst los, als alles am Ende war. Die Rauchwolken der alliierten Bombengeschwader waren kaum verflogen, als um den wundersamer Weise fast unverletzten Dom herum inmitten riesiger Schuttberge die Menschen wieder an ihre Zukunft dachten. Und dabei – wer mag das heute noch glauben – nicht allein Brot und Arbeit im Sinn hatten, sondern auch etwas, was knauserige Kommunalbeamte in unseren Tagen abschätzig „freiwillige Leistungen“ nennen: nämlich den Aufbau und Unterhalt eines städtischen Kulturlebens, das nicht bloß einen Status Quo wiederherstellen, sondern das bisher in Köln da Gewesene in den Schatten stellen sollte.
Im Nachhinein jedenfalls scheint es so. Wie ist es sonst zu erklären, dass sich das neue Wallraf-Richartz-Museum als eines der ersten großen öffentlichen Gebäude der Innenstadt aus den Trümmern erhob – ein architektonisches Meisterwerk sondergleichen, mit dem sich die Stadt noch heute schmücken kann? Und gleich gegenüber, wo der damals noch „nordwestdeutsch“ genannte Rundfunk sein neues Sendezentrum einrichtete, wurden 1950 zunächst nicht etwa die Büros der Intendanz fertig gestellt, sondern ein äußerst eleganter Sendesaal, der, eine Sensation damals, bereits über eine vollautomatische Klimaanlage verfügte. Wenig später öffnete dann auch der große Festsaal im gänzlich zerbombten Gürzenich seine Türen und lud ein zum großen Konzert – nicht nur, aber vor allem mit dem städtischen Gürzenich-Orchester, das gerade unter seinem Musikdirektor Günter Wand zur Höchst form auflief. 1957 folgte schließlich der Neubau des Opernhauses, der Kölns Ehrgeiz eindrucksvoll unterstreichen sollte: Man war auf dem Wege zur Kulturmetropole von Weltrang. Seit dem späten Mittelalter konnte Köln das nicht mehr von sich behaupten.
Überhaupt, die reiche Vergangenheit. Musikalisch zumindest hatte man nie so recht davon profitieren können. Weil die stolzen Bürger keinen Kurfürsten und überhaupt wenig Adel in ihren Mauern duldeten, vergnügten sich Barock und Klassik eben an anderen Orten. Zum Beispiel südlich in Bonn oder ein wenig nördlich in der jungen Residenzstadt Düsseldorf.
Seitdem nahm Köln musikalisch mehr und mehr Fahrt auf. Früher noch als eine zentrale Kanalisation gönnten sich die Bürger ein Konservatorium, aus dem später die Musikhochschule hervorging, und die städtische Konzertgesellschaft entdeckte endlich den Profimusiker. Zwischen den Kriegen durfte Köln dann erstmals ernsthaft mit den anderen Großstädten des Reichs konkurrieren. Der junge Otto Klemperer immerhin gab hier sieben ganze Jahre lang als Kapellmeister und späterer Generalmusikdirektor den Ton an, brillierte mit Mozart und brachte Mahler und die junge Moderne an den Rhein.
Warum so weit ausholen, wenn die Gegenwart so reich ist? Eben deswegen. Die reiche Gegenwart der Musikstadt Köln hat eine überraschend unspektakuläre Vorgeschichte. 1945 deutete noch nichts darauf hin, dass die Narrenhochburg eine erste Adresse des internationalen Musiklebens werden konnte. Wer die Musikstadt Köln verstehen will, muss wissen, dass sie ihre Größe weniger der Tradition als der Innovation verdankt. Die Musikstadt Köln hat sich fast über Nacht selbst erfunden.

Heimat der Avantgarde

Natürlich, es war auch Glück im Spiel. Zum Beispiel das Glück, dass die Britischen Besatzer hier den größten deutschen Rundfunksender installierten. Der stellte neben das altehrwürdige Gürzenich-Orchester und den Opernchor ein eigenes Sinfonieorchester samt Rundfunkchor in den urbanen Raum. Und er ließ dem Orchester bald ein zweites folgen, das für die leichte Muse zuständige Rundfunkorchester, aus dem sich mit den Jahren unter Kurt Edelhagen die WDR Big Band als selbstständiges Ensemble herausschälte. Und er ergänzte seine musikalische Besatzung schließlich noch um die Cappella Coloniensis, die sich – eine echte Attraktion in jenen Jahren – allein der Alten Musik widmen durfte.
Die wohl wirkungsmächtigste musikalische Einrichtung des WDR freilich kam ohne Instrumente aus: das 1951 vom visionären Herbert Eimert begründete und lange von Karlheinz Stockhausen dominierte Elektronische Studio, auch dies ein absolutes Novum. Der WDR, sein Studio und Karlheinz Stockhausen, mehr bedurfte es nicht, um Köln nach dem Krieg innerhalb von wenigen Jahren vom Rand der zeitgenössischen Musik direkt in deren Mitte zu rücken. Die halbe Avantgarde schaute auf einmal vorbei und ließ sich zum Teil mittel- oder langfristig hier nieder: Mauricio Kagel und György Ligeti zum Beispiel, Cornelius Cardew, Franco Evangelisti und Gottfried Michael Koenig, der Theoretiker Heinz- Klaus Metzger und allerlei Gäste wie der noch fast unbekannte John Cage. Von einer „Kölner Schule“ war bald schon die Rede, ihre Macht war so groß wie berüchtigt.
Wie viel Erinnerung aber braucht eine Stadt, die eine Zukunft haben will? Heroisch wie die Vergangenheit ist die Gegenwart nicht mehr. Das Elektronische Studio des WDR wurde aufgelöst, die großen Lichtgestalten von einst sind alt geworden, und die Avantgarde verweht in alle Richtungen. Junge Komponisten gehen heute lieber nach Berlin. Immerhin haben die Glanzzeiten der Neuen Musik in Köln eine solide und immer noch staunenswerte Infrastruktur hinterlassen. Und eine erhöhte Begeisterung für neue Dinge. Das Kölner Publikum, von Natur aus neugierig und tolerant, gefällt sich im aufgeklärten Expertentum. Man buht hier seltener als anderswo, wenn‘s den Ohren mal weh tut – nicht, weil man‘s unbedingt mag, sondern weil man weiß, was die Stadt dem Novum zu verdanken hat.
Dementsprechend bietet auch die Philharmonie, die gute Stube des Kölner Musiklebens, ein vergleichsweise mutig zusammengestelltes Programm. Ihre Eröffnung vor 20 Jahren wirkte wie eine gewaltige Vitaminspritze. Wo zuvor die großen Orchester um Köln meist einen Bogen machten, weil es über keinen geeigneten Konzertsaal verfügte, gaben sich die berühmten Ensembles und Solisten auf einmal die Klinke in die Hand. Die am Rheinufer tief in den Boden versenkte Arena mit ihren 2.000 Sitzplätzen lieferte jahrelang neue Rekordmeldungen. Mit dem berühmt-berüchtigten Manager Franz Xaver Ohnesorg als Einpeitscher raste das Haus binnen kürzester Zeit an die Spitze der deutschen Konzertsäle. Man entwickelte ein nun allerorts kopiertes Vertriebssystem für Eintrittskarten, arbeitete mit einer eigenen Betriebsgesellschaft, gestaltete mit viel Geschick eine Corporate Identity, bespielte bald nicht nur die eigenen Räumlichkeiten, sondern im Bedarfsfall auch die Nachbarschaft wie den Roncalli-Platz vorm Dom, und erfand, gemeinsam mit dem WDR, die „Triennale“, Kölns bisher einziges großes Musikfestival. Ganz nebenbei bietet das Haus nun seit 20 Jahren auch den beiden größten Klangkörpern vor Ort, dem Gürzenich- Orchester und dem Rundfunksinfonieorchester, ein angemessenes Zuhause.
Im ganzen Trubel um die Philharmonie geriet fast aus dem Blick, dass es klassische Musik in Köln auch abseits der Philharmonie gab und gibt: weiterhin im WDR, ab und an auch im Sendesaal des Deutschlandfunks und fast täglich in der Kölner Musikhochschule (der größten Musikhochschule Europas übrigens). Oder im Opernhaus, wenngleich dieses zugegebenermaßen selten eine wirklich gute Figur macht. Gewiss, es ereignen sich noch immer beglückende Momente am Offenbachplatz. Aber auf dem internationalen Parkett konnte man nie sicher mitschreiten, auch heute nicht, wo das Haus mit Markus Stenz wieder über einen starken GMD verfügt. Repertoire und Regie fischen in der bisher wenig fruchtbaren Intendanz von Christoph Dammann meist in solch trübem Mittelmaß, dass selbst die nachsichtigen Kölner die Ränge nur noch spärlich füllen. Mit einer Auslastung von unter 70 Prozent hat man einen historischen Tiefststand erreicht. Kommt erschwerend dazu, dass das Haus auch baulich marode ist. Nun muss die Stadt, die sich um den Unterhalt des laufenden Betriebs nur halbherzig gekümmert hat, das gesamte Theater kernsanieren und dafür schmerzlich tief in die Tasche greifen.
Während die Oper bröckelt und die Philharmonie ihren Ruf nur noch halten, aber nicht mehr verbessern kann, darf man in der peinlich schlecht subventionierten freien Musikszene immer wieder Entdeckungen machen – und sich über alte Pfründe freuen. Neben der Neuen Musik (die durch den Zuzug der MusikFabrik wieder deutlich gestärkt wurde), betrifft das vor allem die Alte. Nur Paris wohl kann ein vergleichbar reichhaltiges Angebot an Ensembles aufweisen: Ob Musica Antiqua, Concerto Köln, Musica Fiata, Sequentia oder Das Neue Orchester – die „historisch informierte Aufführungspraxis“ ist in Köln eine feste Burg. Bloß wird sie hier kaum wahrgenommen. Da mit der Einweihung der Philharmonie die Stadt ihre musikbaulichen Aktivitäten eingestellt hat, harrt die Alte Musik – wie überhaupt die freie Szene samt der vielen Konzertchöre – immer noch auf eine geeignete Aufführungsstätte und muss einstweilen mit halligen Kirchen, zugigen Foyers oder anderen Unorten vorlieb nehmen. Der akustisch hervorragende Sendesaal des Deutschlandfunks bietet zwar seit geraumer Zeit mit dem „Forum Alte Musik“ eine hochkarätige Konzertreihe, kann jedoch wegen seiner verkehrstechnisch ungünstigen Lage an der Peripherie das Defizit nur ansatzweise ausgleichen. Einen zentralen Kammermusiksaal, seit Jahren von allen Seiten gefordert, braucht Köln daher ganz gewiss noch zum Glück: Mit diesem könnte die Stadt erst gänzlich ausspielen, was in ihr steckt.

Raoul Mörchen, RONDO Ausgabe 6 / 2006



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