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Joe Zawinul

Des is a lovely person

Wir haben die Wiener Jazzlegende Joe Zawinul beim Hören belauscht: Als Anstoß für seine Erinnerungen spielten wir ihm eine Platte vor und ließen ihn raten und kommentieren.

Niemand hat als Pionier und Vollender so viel für die Etablierung elektroakustischer und elektronischer Tasteninstrumente im Jazz getan wie Joe Zawinul. Eben wurde der 74-Jährige mit einer Ehrenurkunde der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Die Einspielung, die wir Zawinul präsentierten, gab ihm Anlass zurückzublicken: „I’ve Got You under My Skin“ von Cole Porter (aus: „The Complete Dinah Washington on Mercury“, Vol 3, 1954) weckte bei ihm eine Fülle an Erinnerungen an die legendäre Sängerin, an Cannonball Adderley, den am 23. August verstorbenen Maynard Ferguson und an eine bewegte Zeit, als Rassismus auch im Jazz noch an der Tagesordnung war.

Joe Zawinul (sofort): I waas, wer des is! Ich hab mit ihr gearbeitet 21 Monate. Des war eine der großen Erfahrungen in meinem Leben. Des is a lovely person. She was a wunderbarer Mensch! Wir waren sehr, sehr gute Freunde. Ich war ihr Musikdirektor, der einzige Weiße in der Band, und ich hab die stage arrangements für sie geschrieben. Für mich ist die Dinah Washington neben Billie Holiday die ausdruckvollste Sängerin überhaupt.

RONDO: Da hat es auch sicher Schwierigkeiten gegeben, wenn Sie als einziger Weißer in einer schwarzen Band gespielt haben.

Zawinul: Schon. Ich hab mit ihr angefangen im Sommer ’59 zu spielen. Da herrschte im Süden noch Segregation. (Er hört der Sängerin gerührt zu.) Die ist sehr bedeutend für mich, die Frau ... Man wollte den Schwarzen das Recht zur Wahl geben, aber im Süden haben die das nicht gewollt. Und da war eine große Bewegung für das Wahlrecht der Schwarzen. Da sind viele Leute, auch von der jüdischen Gesellschaft, nach dem Süden gegangen und einige sind aufgehängt worden. Speziell wann du als einziger Weißer in an Auto mit den Schwarzen warst, da warst du der erste, der am Baum hing. Einmal waren wir im Sommer in Odessa, Texas. Ich hatte gerade mit der Dinah aufgenommen „What a Difference a Day Made“. Wir hätten in einem von Schwarzen gemanagten Club spielen sollen. Ich will auf die Bühne und da war eine weiße Sheriff-Frau, a Batznfrau mit aana 375er Magnum auf der Seiten, und die fragt: „Where are you going boy?“ Ich hab ihr frech gesagt: „Ich spiel, das ist keine Fragen.“ Sagt sie: „No, you won’t play here.” Sag ich: „I will play here.” Dann ist sie energisch worden. Ich geh zurück in die Armutschkerlküche, zugleich auch dressing room, und sag: „Dinah, der Sheriff sagt, ich kann nicht spielen da.“ Und die Dinah sagt: „Der Joe ist mein Pianist auf der ganzen Welt, wenn der da nicht spielt, gehen wir.“ Der Clubowner ist nervös geworden, hat sie bekniet: „Dinah, du bist eine großartige Klavierspielerin, mach das doch, sonst hauen sie mir den Club zusammen.“ Die Dinah sagt: „No, open the window.“ Wir sind beim window ausse von der Kuchl, weil wir net durch das Haus gehen konnten, sonst hätten die uns sofort zusammengeschlagen. Wir sind weggefahren und am nächsten Tag haben wir erfahren, die haben den Club wirklich zerstückelt.

RONDO: Nicht ungefährlich ...

Zawinul: Ja, später dann im 61er Jahr, beim Cannonball, war eine ähnliche Situation. Der Norden war schon integriert, aber in Baltimore, Maryland, waren noch immer segregierte Straßen und Clubs. Wir spielen in einem Club den ersten Set, und es sind nur Weiße in dem Club. Durch die Fenster hat man viele Schwarze draußen gesehen, die sich am Fenster die Musik angehört haben. Ich sag: „Cannon, I know this is hard for you, but I will not play here a second set until everybody can come in.” – „Oh please man“, sagt er, „this a different thing still.” Dann sag ich: „Das bist du, aber ich net, ich spiele da nicht.“ Die Leute sind nervös geworden, weil es hat eine lange Zeit gedauert. Ich hab gesagt: „Ich fahr heim. Du kannst mich ausse werfen, aber ich spiel da net.“ Der Clubowner war ein Gentleman und sagt: „O. k., ich mach den Club auf für alle.“ Wir sind dann alle nach Hause gefahren, am selben Abend zurück nach New York, sehr stolz, dass wir das durchgedrückt haben. Am nächsten Abend treff ich Buddy Rich im Birdland gleich auf der Stiegen: „Buddy, what are you doing, ich hab g’laubt du spielst in Baltimore heut?“ Er hat gesagt: „Nein, die haben den Clubowner exekutiert.“ Darum bin ich streckenweise beim Auto unten gesessen, wenn wir in den sehr gefährlichen Gegenden im Süden durchgefahren sind. Da hätte uns sogar die Polizei daschossen!

Von Berklee ins Birdland

RONDO: Während wir uns unterhalten hatten, waren Trompeter zu hören.

Zawinul: Clark Terry, den habe ich gehört. Und wer war der andere Trompeter?

RONDO: Das war Maynard Ferguson.

Zawinul: Maynard hätte ich unbedingt erkannt, aber wir hatten schon reden angefangen. Für mich war Maynard einer der Superleute. Ein wirklich feiner Mensch! Durch ihn habe ich die Gelegenheit gehabt in Amerika zu bleiben. Ich habe ja nur ein Stipendium gehabt für vier Monate. Ich war in der Schule ungefähr drei Wochen, in Berklee. Da Klavierspieler, der vor der Ella in Boston gespielt hat, hat sich verkühlt. Die rufen die Schule an, und mein Klavierlehrer sagt, der Joe soll spielen. Nach dem ersten Satz ruft er Maynard an und sagt: „Da ist ein Piano player here, du musst den hören.“ Ich bin am nächsten Tag nach New York gefahren und habe im Apollo Theater live gespielt mit Maynard Ferguson und den Job bekommen. Das hat mir dann geholfen. Der war Kanadier, kein Amerikaner, und doch hat er es durchgesetzt, dass ich eine grüne Karte bekommen habe. Für mich Österreicher war das unmöglich in diesen Zeiten. Unser Naziding ist so angehängt.

RONDO: Ferguson war ein Gentleman.

Zawinul: Ich habe einen großen Respekt für ihn als Bandleader. Es war eine fantastische Band mit Don Ellis und Slide Hampton und, für eine kurze Weile, Wayne Shorter. Slide und ich wir waren sehr gute Freunde. Ich habe mit seiner Familie dann gewohnt in Brooklyn. Slide hat den jungen Trompeter Freddie Hubbard für die Band vorgeschlagen. Und der Maynard war ein Mensch, der sich vor niemandem gefürchtet hat. Seine Frau war keine Rassistin; aber da waren jetzt mehr Schwarze drinnen wie Weiße in der Band. Da hat sie gesagt: „Pass auf, das ist nicht gut, das wird unbalanciert.“ Und der hat dann den Slide und mich und einige Leute herausgeschmissen. Ich war ihm immer dankbar und ich schätze den Menschen bis zu meinem letzten Atemzug. Wir haben mit Maynard auch in Atlanta gespielt, im Magnolia Ballroom. Die Dinah war die Hauptattraktion; also waren beide Bands gefeatured. Und nachher war eine Jamsession in dem Hotel, und ich habe Klavier gespielt. Da hat die Dinah über meine Schulter gesagt: „I like the way you play“ und hat mir die Telefonnummer zugesteckt. Ich habe sie aber nicht angerufen den ersten Sommer in New York. Ich habe keinen Job gehabt, das war gleich nachdem Maynard mich ausse gehaut hat. Einmal habe ich in Slides Haus um zwei Uhr nachts nicht schlafen können. Ich bin geschwind mit der U-Bahn ins Birdland. Und das war so komisch. Ich mache die Schnalle („Klinke“) so auf im Birdland und auf der anderen Schnallen war die Dinah. Und sie sieht mich und sagt: „You are the one who played in Atlanta Georgia, right?” Und sie hat mich eingeladen am nächsten Tag zum Village Vanguard zu kommen. Nach ihrem Eröffnungsstück ruft sie mich auf die Bühne und engagiert mich. Und dann bin ich 21 Monate dort geblieben.

Neu erschienen:

Brown Street

Joe Zawinul, WDR Big Band

Intuition/Sunny Moon

Neu erschienen:

Music For 2 Pianos

Friedrich Gulda, Joe Zawinul, WDR Big Band

Capriccio/Delta Music

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 6 / 2006



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