Startseite · Klang · Testgelände

Klassik für Kinder

Früh übt sich ...

Es muss nicht immer Märchenoper sein: Mit Trickfilm und Hörspiel lassen sich mindestens ebenso gut musikalische Geschichten für Kinder erzählen, denen im besten Falle auch Erwachsene aufmerksam folgen. So wie RONDO-Autor Carsten Niemann, der aktuelle Neuerscheinungen gesichtet hat.

Was Klassiker sind, weiß jedes Kind: Geschichten oder Musikstücke, die man immer wieder hören kann. Sogar noch dann, wenn man später selbst einmal eigene Kinder hat. Wobei sich Klassiker wie Hörer trotzdem verändern dürfen. Wie etwa Sergej Prokofjews Dauerbrenner „Peter und der Wolf“, den der Dirigent Mark Stephenson einmal auf ganz neue Art und Weise präsentieren wollte: als Trickfilm mit live gespielter Orchesterbegleitung. Als Partnerin für sein Projekt suchte er sich eine anspruchsvolle Künstlerin aus: die 1967 geborene Suzie Templeton. Die mehrfach preisgekrönte Animationsfilmerin ist Spezialistin für Stop-Motion: ein aufwändiges Verfahren mit Figuren aus Knetmasse in dreidimensional gebauten Kulissen, das hierzulande vor allem durch die „Wallace & Gromit“-Filme bekannt wurde. Als wir die etwas bleiche, aber zufrieden dreinblickende Suzie Templeton treffen, liegen fünf Jahre Arbeit an einem 35-minütigen Film hinter ihr. Für die Uraufführung mit dem Philharmonia Orchestra in der Royal Albert Hall London gab es bei Kindern wie Kritikern dafür auch jede Menge Beifall. Denn Templeton hat Prokofjew nicht bloß neu illustriert – sie hat im Einklang mit der Musik auch eine starke eigene Geschichte erzählt. Sie lässt das Geschehen dabei in einer heruntergekommenen russischen Kleinstadt der Gegenwart spielen. Eine durchaus unheimliche Umgebung, die mit der bunten heilen Welt der Disneyproduktionen auch äußerlich nichts zu tun haben will. „Kinder haben ein Bedürfnis danach, auch mit diesen Aspekten des Lebens konfrontiert zu werden“, erklärt die Regisseurin ihre Entscheidung, Peters Welt als betont düster und bedrohlich zu zeigen. Peter, der am Stadtrand in einer ärmlichen Hütte bei seinem Großvater lebt, ist ein Außenseiter. Vom Großvater behütet und von den Jungs des Orts bedroht, kann er sich erst Respekt verschaffen, als er den Wolf fängt. Wobei er gleichzeitig in dem gefangenen wilden Tier einen Wesenszug von sich erkennt – denn hat nicht der Wolf die gleichen, intensiv blickenden Augen wie er?
Doch nicht nur Templetons Film, der neben der Fassung für Live-Orchester auch als DVD herausgekommen ist (und dessen Schöpferin frappierend ähnlich dreinblicken kann wie ihre Hauptfiguren), gilt es zu entdecken. Zurzeit erlebt auch eine Pionierin des musikalischen Trickfilms eine Renaissance. Die Rede ist von der Silhouetten-Animationsfilmerin Lotte Reiniger (1899-1981), deren Werk gerade in einer neuen und umfassenden DVD-Edition erscheint. Wie Prokofjew war Reiniger Avantgardistin für Kinder und Erwachsene zugleich. So schuf sie mit „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ 1926 den ersten abendfüllenden Trickfilm der Kinogeschichte. Ihre ausgesprochene Sensibilität für Musik brachte sie zudem mit Künstlern wie Benjamin Britten zusammen; an ihrer Version von „Doktor Dolittle und seine Tiere“ wirkten Komponisten wie Kurt Weill, Paul Hindemith und Paul Dessau mit. Reinigers besondere Liebe galt Mozart, zu dessen Opern sie eine Sammlung von 140 Silhouetten veröffentlichte und dem sie vor allem zwei ihrer köstlichsten musikalisch-filmischen Silhouettenfantasien widmete. Eine davon ist der Kurzfilm „Papageno“ – das sympathischste Porträt, das dieser Figur aus Mozarts „Zauberflöte“ wohl bisher gewidmet wurde. Denn Reinigers Papageno ist kein dümmlicher Vogelfängerclown, sondern ein mit Liebe gezeichneter Naturbursche; die tropische Zauberwaldlandschaft, in der er lebt, spiegelt dabei seine Stimmungen subtil wider. Wobei die mit großer Detailfülle geschnittenen Schattenbilder, wie Mozarts Musik, bei all ihrer Leichtigkeit und Schönheit immer auch den Hauch einer träumerischen Melancholie in sich tragen.

Vom Bildschirm in den Konzertsaal zur Hörspielfassung

Wenn sich eine Trickfilmmusik bewährt hat, kann sie auch von Bildschirm oder Leinwand in den Konzertsaal wandern. Und vom Konzertsaal wiederum ist der Weg zur Hörspielfassung nicht weit. Diesen Weg nahm die Musik, die der 1934 geborene Herbert Chappell 1975 zu einer Folge der britischen Puppenspielserie „Paddington“ schrieb. Darin besucht der Bär mit dem charakteristischen Hut zum ersten Mal im Leben ein Konzert – und stiftet natürlich prompt gehörige Verwirrung im Saal. Die Geschichte, die angenehm unpädagogisch in das Konzertritual einführt, wurde gerade in der Low-Budget-Reihe „eloquence“ wieder aufgelegt. Mit auf der Scheibe befindet sich dabei auch Francis Poulencs „Geschichte von Babar dem kleinen Elefanten“ – ein französischer Kinderklassiker, der Elefanten in ihrer mächtigen Größe ebenso beeindruckend schildert wie in ihrer Knuffigkeit.
Während die „eloquence“-Reihe bei Hörstücken mit klassischer Musik vor allem auf bewährte Aufnahmen aus dem Archiv der Deutschen Grammophon zurückgreift, gehört bei den audiophilen Musikmärchen der Edition Seeigel die Neupräsentation von rarer Kammermusik mit zum Konzept. Eine unerwartete Bestätigung für die feinsinnige Musikauswahl zu den Geschichten erhielt die Produzentin Ute Kleeberg jüngst von der Witwe des Komponisten Frank Martin. Dessen „Pavane couleur du temps“ hatte sie für das Märchen Allerleirauh verwendet. Als die Produktion beendet war, erfuhr sie, dass sich der Komponist dafür vom Märchen „Die Eselshaut“ von Perrault hatte inspirieren lassen – der unmittelbaren Vorlage von Allerleirauh.
Dass man schon heute mit Klassikern der Zukunft zusammenarbeiten kann, davon sind wiederum der WDR und Cybele Records überzeugt. Sie produzierten das Musikhörspiel „Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte“. Die Musik zu dem modernen Märchen des Kinderbuchautors Martin Baltscheit („Der kleine Herr Paul“) stammt dabei von Komponistinnen und Komponisten, wie man sie sich zeitgenössischer nicht denken kann: nämlich von Kindern der Kompositionsklasse der Musikschule Düsseldorf. Die von dem Henze-Schüler David Graham geleitete Klasse ist bundesweit eines der wenigen Bildungsangebote dieser Art. In dem feinsinnig gesprochenen Hörspiel geht es um ein Mädchen, das, nachdem es einen toten Vogel gefunden hatte, nicht mehr einschlafen mag. Zu dieser Geschichte haben die Kinder erstaunlich sensible Klänge gefunden, die wiederum von begabten Schülern der Musikschule Bonn gespielt werden. Ein stimmiges, keinesfalls kindlich naiv wirkendes Projekt, das beweist: Man sollte früh anfangen, wenn man Klassiker werden will.

Neu erschienen:

Sergej Prokofjew

Peter und der Wolf

Philharmonia Orchestra London, Mark Stephenson

Arthaus/Naxos

Lotte Reinigers Musik und Zaubereien

Arte Edition/Absolut Medien

Herbert Chappell

Paddington Bärs erstes Konzert

Hans-Jürgen Schatz (Erzähler), Hamburger Symphoniker; Carlos Spierer

DG/Universal

Francis Poulenc

Die Geschichte von Babar

Hans-Jürgen Schatz (Erzähler), Hamburger Symphoniker, Carlos Spierer

DG/Universal

Mozart, Massenet, Glière, Martin

Allerleihrauh

Erzählerin: Eva Mattes

Edition See-Igel/SWR

Martin Baltscheit/Kompositionsklasse der Clara-Schumann-Musikschule Düsseldorf

Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte (Hörspiel für Kinder ab ca. 7 Jahren)

Cybele/Codaex

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 6 / 2006



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Hausbesuch

Hausbesuch – Versailles

Es lebe der König!

Das Barockmusikherz Frankreichs schlägt bis heute in und um das Schloss von Versailles. Prächtige […]
zum Artikel »

Pasticcio

Zu Kreuze gekrochen

Sobald Altkanzler Helmut Schmidt sich mal wieder zu Wort meldet, lauscht ihm die Nation andächtig. […]
zum Artikel »




Top