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Monteverdis „Tancredi“

Von Verdi zu Monteverdi

Dank der französischen Barockdirigentin Emmanuelle Haïm hat sich der mexikanische Tenor Rolando Villazón zum ersten Mal mit Claudio Monteverdi beschäftigt. Und er bewältigt seinen Part mit erstaunlichem Stilbewusstsein, dramatischem Talent und der nötigen Italianità.

Den Erzählerpart („Testo“) in seinem szenischen Madrigal „Il combattimento di Tancredi e Clorinda” hat Claudio Monteverdi im Vorwort zu seinem Achten Madrigalbuch genau skizziert. „Die Stimme sollte klar, fest und seine Aussprache gut sein und sich etwas von den Instrumenten abheben“, ist da zu lesen. Und „im Übrigen soll er den Vortrag in Übereinstimmung mit den Gefühlssituationen der Rede bringen“. Gerade dieser Zusatz bringt jedoch jeden Tenor gehörig ins Schwitzen. Denn als Testo ist er eigentlich einer gewissen Neutralität verpflichtet, mit der er von der tödlichen Liebestragödie zwischen dem Kreuzfahrer Tancredi und der heidnischen Amazone Clorinda zu berichten hat. Andererseits zucken und peitschen die Streichinstrumente so erregt durch dieses Minidrama, muss Testo höchstselbst reichlich klangmalerischen Staub bei den „gereizten, wutschnaubenden Stieren“ Tancredi und Clorinda aufwirbeln, dass objektive Nüchternheit gar nicht möglich ist.
Genau die Balance zwischen diesen beiden Ausdrucksextremen zu finden, mit denen Monteverdi besonders sein 1638 gedrucktes Achtes Madrigalbuch gespickt hat, ist hohe Kunst. Kein Wunder, dass bislang in die Hauptrolle nur all die ausgeschlafenen Alte-Musik-Kenner schlüpfen durften, für die Monteverdis revolutionärer, weil den musikalischen Effekt mit theatralischer Emphase verschmelzenden „stile concitato“ kein Neuland war. Nicolas Rivenq, Nigel Rogers, Werner Hollweg oder Max van Egmond ist das mit entsprechender Einweisung durch William Christie oder Gustav Leonhardt geglückt. Wie aber ein Blick in die diskografische Geschichte des vertonten Torquato-Tasso-Gesanges aus „La Gierusalemme liberata“ zeigt, gab es zumindest schon 1970 einmal einen prominenten Seiteneinsteiger, der bis dahin vor allem die Nähe der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts und speziell von Maria Callas gesucht hatte: Luigi Alva. Eine Tenorgeneration später versucht sich nun ein anderer musikalisch von Verdi & Co. zu emanzipieren. Wobei der mexikanische Tenorissimo Rolando Villazón unumwunden zugeben muss, dass er vorher noch nie eine Note Barockmusik gesungen hat.
Dass er sich dennoch auf das Abenteuer „Monteverdi“ eingelassen hat, darf man der französischen Dirigentin Emmanuelle Haïm gutschreiben. „Als man mir sagte, dass Emmanuelle mit mir arbeiten wolle, war das für mich eine große Ehre. Aber ich bin kein Barocktenor. Nach anderthalb Minuten Gespräch mit ihr war mir aber klar: Ich würde sogar Heavy Metal für sie singen, wenn sie will.“ Bei den Aufnahmen von Monteverdis „Combattimento“ sowie ausgewählten Arien und Duetten aus dem Siebten Madrigalbuch und den „Scherzi musicali“ kam Villazón Ende 2005 in der Pariser Église Notre-Dame du Liban somit erstmals in Berührung mit den Gamben und Theorben von Haïms Ensemble Le Concert d´Astrée. Und obwohl er abseits der Mikrofone mit seinen Clownerien die Tontechniker auf die Barrikaden brachte und Haïms Musiker sich vor Lachen biegen mussten, ist er nun plötzlich ein nervenaufreibender Chronist, dem es nicht an Ausdrucksreichtum und darstellender Plastizität fehlt. „Ohne einen guten Testo wird aus diesem Werk nichts“, weiß Haïm. „Man braucht einen Sänger, der gut erzählen kann und ein großes dramatisches Talent genauso besitzt wie die nötige Italianità. Und bei Villazón ist das alles sehr ausgeprägt.“

Neu erschienen:

Claudio Monteverdi

Il combattimento di Tancredi e Clorinda, Arie e duetti

Rolando Villazón, Patrizia Ciofi, Topi Lehtipuu, Le Concert d'Astree, Emmanuelle Haïm

Virgin/EMI

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 6 / 2006



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