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Anna Netrebko

"Ich werde geliebt und geschlagen"

Seit Anna Netrebko vor drei Jahren die erste CD veröffentlichte, scheinen sich große Teile der Klassik nur noch um die hippe Russin zu drehen. Der PR-Tumult brachte die in Krasnodar geborene Sängerin zeitweilig fast dazu, ihre Karriere abzubrechen. Jetzt hat Netrebko ihr erstes russisches Album veröffentlicht. Mit Robert Fraunholzer sprach sie über slawische Töne, teure Schuhe und eine Schwäche für deutsche Wurst.

RONDO: Frau Netrebko, können Sie Ihren Beruf noch als Kunst wahrnehmen – oder dreht sich heutzutage alles ums Geschäft?

Anna Netrebko: Ich möchte hoffen, und das sage ich mit allem Vorbedacht, dass es bei mir um Kunst geht. Ums Geschäft soll sich mein Manager kümmern.

RONDO: Was denken Sie über Leute, die meinen,dass Sie in drei Jahren erledigt sind?

Netrebko: Ich denke: Warten wir’s ab. So einfach werdet ihr mich nicht los (lacht) …

RONDO: Sie wirken in manchen Interviews wortkarg, aber stets erstaunlich ehrlich. Kann man sich das in Ihrem Beruf leisten?

Netrebko: Ich kann es. Außerdem bin ich zur Ehrlichkeit erzogen worden und kann nicht anders. Ich bin kompliziert mit mir selbst. Dass ich zufrieden bin, ist die Ausnahme. Vor einigen Jahren war ich sehr deprimiert, bis ich die Zahl meiner Interviews drastisch reduzierte. Ich versuche nach außen unkompliziert zu bleiben. Leicht ist das nicht immer.

RONDO: Was denken Sie über Boulevard-Magazine?

Netrebko: Je nach Magazin sehe ich sie mehr oder weniger distanziert. Aber: Ich kaufe sie immer wieder. Wahrscheinlich stehe ich mit dieser Einstellung nicht allein. Weil sich die Boulevard-Magazine eine Weile zu sehr für mich interessierten, hatte ich manchmal unter ihnen zu leiden.

RONDO: Ihr neues „Russian Album“ ist Ihr erstes Recital in russischer Sprache. Haben Sie lange darauf hingearbeitet?

Netrebko: Ja, ich habe darum gekämpft. Ich wollte es immer machen, denn es ist genau meine Musik. Dass es mit Valery Gergiev und dem Mariinsky-Orchester geklappt hat, ist einwahr gewordener Traum. Ich wollte kein Star-Album machen, sondern Teil von Gergievs Mission werden, die russischen Opern im Westen bekannter zu machen. Und ich bin ja bis heute Ensemblemitglied in St. Petersburg.

RONDO: Tatsächlich sind große Teile des russischen Opernrepertoires in Deutschland fast unbekannt.Welches wäre die Single-Auskopplung, mit der Sie für dieses Repertoire werben würden?

Netrebko: Die Arie aus Tschaikowskis „Iolanta“. Ich finde sie großartig, und diese Oper soll auch die erste sein, die ich in drei Jahren mit Rolando Villazón und mit Gergiev am Pult aufnehmen werde. Es wird auch eine Inszenierung geben.

RONDO: Weshalb, glauben Sie, ist ein Meisterwerk wie Rimski-Korsakows „Snegurotschka“ („Schneeflöckchen“) dermaßen unentdeckt?

Netrebko: Weil diese Opern so schwierig aufzuführen sind. Um sich gegen ein schweres Orchester durchzusetzen, braucht man schwere Stimmen. Auch meine ist fast zu leicht. Ich kann kaum dabei überleben und stimmlich zur Geltung kommen. Leider kann ich nur wenige russische Partien singen. So traurig ich es finde: Ein zweites russisches Album wird es mit mir wohl nicht geben.

RONDO: Dennoch haben Sie Daniel Barenboims Angebot für 2007, Tatjana im neuen Salzburger „Eugen Onegin“ zu singen, abgelehnt. Sind Sie immer so wählerisch?

Netrebko: Es ist mir nicht leicht gefallen. Aber es wäre zu früh gewesen. Die Partie liegt in den Ensembleszenen zu tief. Vielleicht geht es in ein paar Jahren. Ich sollte auch in „Le nozze di Figaro“ – wenn es nach Nikolaus Harnoncourt gegangen wäre – die Gräfin singen und nicht die Susanna. Aber die Gräfin ist mir fremd. Ich hätte keinen Zugang zu ihr gefunden.

RONDO: Hat Sie die Vorstellung gestört, eine Betrogene zu spielen?

Netrebko: Nein, betrogen werden kann jeder. Ich mag Rollen, die eine Nummer kleiner erscheinen. In der Inszenierung von Claus Guth stand ich ganz im Schatten, fast als Mauerblümchen. Auch so war es schwer genug, vor all dem Hype Augen und Ohren zu verschließen, um nicht irre zu werden. Es gab eine ungeheure Nervosität. Trotzdem wurde es für alle ein großer Erfolg. Eigentlich habe ich es vor allem wegen Harnoncourt gemacht, den ich für ein Genie halte und bei dem ich auf jeder Probe mehr gelernt habe als ich mir jemals hätte träumen lassen.

"Durch den Begriff Diva entsteht ja der ganze Hype."

RONDO: Sie haben kürzlich die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen und wurden dafür in Russland hart kritisiert. Haben Sie das nachvollziehen können?

Netrebko: Überhaupt nicht, denn für Sänger ist dergleichen nichts Ungewöhnliches. Wir reisen ohnehin ständig. Vor allem hielt ich es für meine Privatangelegenheit und verstand nicht, warum man sich da einmischt. Vielleicht ist es ein russisches Problem. Trotzdem: Ich werde immer eine Russin bleiben.

RONDO: Wie steht es um Ihr Deutsch?

Netrebko: Im Kopf eines Russen oder einer Russin bleibt das Deutsche einfach nicht haften. Es ist schlimm. Aber ich denke, ich sollte Deutsch können. Ich habe zu lernen begonnen, mit Büchern allein ist es sehr schwer.

RONDO: Wie finden Sie Wagner?

Netrebko: Er ist mein Lieblingskomponist. Nur bekomme ich für Bayreuth nie Karten …

RONDO: Dem könnten wir vielleicht abhelfen.

Netrebko: Oh, das ist aber nett! Leider bin ich zur Festspielzeit meistens in Salzburg beschäftigt. Viele sagen mir übrigens, ich könnte Eva in den „Meistersingern“ singen. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Ich bin im Belcantofach zu Hause, auf diesen Weg hat mich Renata Scotto geschickt. Eine fantastische Frau. Durch sie weiß ich, woran ich arbeiten muss.

RONDO: Gibt es Ihrer Meinung nach langweilige klassische Musik?

Netrebko: Oh ja. Einige Stücke sind zu Recht vergessen. Aber es kommt darauf an, wie man sie aufführt. Ein guter Sänger kann ein schwaches Stück aufschließen und in den Himmel heben. Woran man nichts ändern kann, sind die Librettos. Ich bereite gerade Bellinis „Puritani“ vor. Es ist eine seiner besten Opern, aber das Libretto ist … einfach lächerlich. Ich singe die ganze Zeit nur: „Vieni Arturo“. Nicht zum Aushalten. Für die Musik tue ich es aber trotzdem.

RONDO: Was denken Sie darüber, eine Diva zu sein?

Netrebko: Oh Gott! Das ist der Begriff, mit dem ich angeblich geliebt und zugleich geschlagen werde. Auch das ist nicht ganz einfach für mich. Durch den Begriff „Diva“ entsteht ja der ganze Hype. Ich bin zum Singen Opernsängerin geworden, nicht um den Star zu geben.

RONDO: Was halten Sie von Musikkritikern?

Netrebko: Sie können hart sein. Manchmal zu hart. Aber ich vermisse zuweilen ein offenes Wort. Die meisten Kritiker schätzen, was ich mache, und betrachten nur den Wirbel der Boulevard-Presse mit Skepsis. Wenn ich nicht gut singe, möchte ich auch keine guten Kritiken lesen. Ich arbeite hart – auch daran, besser zu werden.

RONDO: Was ist das Unangenehmste an Ihrem Leben?

Netrebko: Das Fliegen. Ich hasse es. Gerade lese ich auf Russisch einen Roman von Julio Cortázar. Den finde ich ganz toll. Aber so viel lesen oder schlafen kann ich gar nicht, wie ich fliegen muss.

RONDO: Haben die Leute Recht, die Sie als „fashion victim“ betrachten?

Netrebko: Ach was. Aber manchmal bin ich gerne Opfer. Ich singe auch oft welche. Soll ich Ihnen etwas ganz Dummes sagen? Die Kleider, die ich kaufe, sind zum Sterben schön. Dabei achte ich sogar auf den Preis! Schuhe von Manolo Blahnik sind mir einfach zu teuer. Ich bevorzuge italienische von Sergio Rossi und Giuseppe Zanotti. Die sind zwar auch nicht billig, aber besser verarbeitet. Leider werde ich so nie reich. Ich muss singen, um mir meine eigene Garderobe leisten zu können (lacht) …

RONDO: Was halten Sie von übergewichtigen Diven?

Netrebko: Ich glaube, dass sie ungesund leben. Und dass es heute stärker als früher darauf ankommt, auch körperlich glaubhaft zu sein. Man sollte nicht eine Figur haben wie … nun sagen wir: wie eine Wolke. Man muss sich bewegen und nicht nur drehen können. Aber bitte glauben Sie mir: Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen. Denn Essen ist eigentlich mein Problem.

RONDO: Wie das?

Netrebko: Ich esse halt alles gern. Und reichlich, wenn ich darf. Nur ich darf halt nicht! Ich liebe zum Beispiel sehr die deutsche Wurst (lacht). In meinem Kühlschrank liegt ein Foto, das mich zeigt, nachdem ich zu viel davon gegessen hatte. Als Warnung.

RONDO: Und wirkt es?

Netrebko: Nicht genug. Da ich ja jetzt eine russisch-österreichische Doppel-Staatsbürgerschaft habe, nehmen auch Marillenknödel stark an Bedeutung zu. Nein, im Ernst: Süßigkeiten esse ich nur in Österreich. Die macht denen keiner nach.

RONDO: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Netrebko: Nette Frage. Ich antworte Ihnen: Dass die Menschen, die ich liebe, gesund und munter bleiben.

Neu erschienen:

Russian Album

Anna Netrebko, Mariinsky Orchestra, Valery Gergiev

DG/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2006



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