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Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Martha Argerich tritt wieder solo auf. Bei Recitals in München, Berlin, Zürich und Wien spielte sie Schumanns „Kinderszenen“ – ganz allein, nach der Pause eines gemeinsamen Recitals mit Gidon Kremer. Dergleichen hatte sie jahrzehntelang abgelehnt. Einzig nach der Genesung von ihrer Krebserkrankung im Jahr 2000 hatte sie wenige Solostücke in der New Yorker Carnegie Hall gespielt. Davor lagen 16 Jahre, in denen sie es kategorisch von sich gewiesen hatte, noch einmal die Einsamkeit eines Alleinauftritts auf sich zu nehmen. Hoffentlich ist sie wieder auf den Geschmack gekommen. Die dabei waren, schwärmen von der Verhaltenheit und ungewohnten Zartheit ihrer Wiedergabe. Es war wohl, als hätte sie ihr ganzes Mutterglück in diese „Kinderszenen“ projiziert. Argerich hat drei Töchter.
Hörhilfe-Alarm in Berlin. Immer häufiger stören Rückkopplungen defekter Hörgeräte den Konzertablauf. Während einer Aufführung von Hans Werner Henzes „Floß der Medusa“ musste Dirigent Simon Rattle das Konzert unterbrechen, um einen schwerhörigen Störenfried ausfindig zu machen. „Wahrscheinlich hören Sie mich jetzt nicht“, rief er hoffnungslos in den Saal. Es fiepte weiter. Selbst die auf Jugendoffensiven bauenden Berliner Philharmoniker stoßen so an die Schallgrenze einer klassischen Publikumsüberalterung. Einzige Gewissheit: Der im Saal anwesende Komponist Hans Werner Henze war der Schuldige nicht. Zwar hat er das Dirigieren schon vor Jahrzehnten wegen Schwerhörigkeit aufgegeben (nach eigener Aussage). Ein Hörgerät aber benutzt er nicht.
Der Mozartsänger der Zukunft heißt: Luca Pisaroni. Schon als Masetto und Publio in Salzburg, erst recht als Leporello in Michael Hanekes Pariser „Don Giovanni“ überzeugte er durch Baritoneleganz, Phrasierungskunst und eine kernige Erotik. Als Figaro in Jossi Wielers „Nozze“- Inszenierung in Amsterdam war er ein einsamer Höhepunkt – einziges Highlight in der von Ingo Metzmacher versemmelten Auftakt-Trilogie mit drei Da-Ponte-Opern von Mozart. Metzmacher hat denn auch seinen Dreijahresvertrag in Amsterdam nicht verlängert. Pisaroni dage gen (sehr schön auch als Guglielmo in „Così“) empfiehlt sich als feurigerer Nachfolger von Thomas Hampson. Der übrigens sein Stiefschwiegervater ist. Pisaroni ist mit einer Tochter von Hampsons Freundin Andrea Herber stein liiert.
Maurizio Pollini legt keinen Wert auf Nachahmer. „Ich glaube nicht, dass es gut wäre, als Pollinischüler durch die Welt zu gehen“, verriet er in Japan. Dagegen hält er die Karrieren gepushter Supertalente wie Lang Lang für „nicht sehr ermutigend. Ich kenne zahlreiche große Talente, die nicht die Chancen erhalten, die ihnen zustehen würden. Das halte ich für fatal.“
Eine neue Bestätigung der Steigerungsformel „Dumm-Dümmer-Tenor“ hat Roberto Alagna geliefert. Der Tenor war bekanntlich in einer „Aida“- Vorstellung an der Mailänder Scala wie üblich ausgebuht worden und hatte daraufhin wütend die Bühne verlassen (siehe das Video auf www. youtube.com). Daraufhin wurde er fristlos gekündigt. Bei der nächsten Vorstellung sang er statt in der Scala vor deren Portal. Allerdings keine Arie aus der ihn überfordernden „Aida“. Sondern etwas aus „Madame Butterfly“. Auch für seine Ehefrau Angela Gheorghiu wird es immer enger. So wohl Covent Garden als auch die Metropolitan Opera haben angeblich Verträge mit der zickigen Diva gelöst. Nun dürfte auch noch die Karriere Alagnas an seriösen Häusern ruiniert sein. Nicht so auf öffentlichen Straßen, wie er bewies. Ist der Ruf erst ruiniert, singt sich’s völlig ungeniert.
Als letzte Diva der Alte-Musik-Bewegung gilt der Dirigent John Eliot Gardiner. „Leichen Pflastern seinen Weg“, sagen Insider über das übergroße Selbstbewusstsein dieses großen Dirigenten. In einem Interview lenkte Gardiner jetzt ein: „Es gibt nichts Blöderes als einen Dirigenten allein auf der Bühne.“ Auch verlegt sich Gardiner immer mehr auf Fleischerzeugung. Als Landwirt produziert Gardiner nebenberuflich Rind- und Lammfleisch. Er übernahm den Hof seines Vaters, eines ehemaligen Ökopioniers. Jetzt muss er sich um 120 Kühe und 1.000 Schafe kümmern.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2007



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