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Mustisktadt

Paris: Zurück in die Zukunft

Paris ist eine Weltstadt der Musik – gewesen. Das zumindest behaupten böse Zungen für die wie immer früher alles besser war. Doch an der Erhaltungswürdigkeit der Opernhäuser zweifelt hier niemand, die Konzertlandschaft blüht und im Norden soll neben der einzigartigen Cité de la Musique ein funkelnagelneuer Konzertsaal entstehen. Guido Fischer war vor Ort.

Jeden Mittwoch beginnt die Qual der Wahl. Dann erscheint die jackettaschengroße und klein gedruckte Veranstaltungsbroschüre „Paris cope“, nach der der Kulturjunkie im Allgemeinen und der Klassikhungrige im Speziellen für die kommenden sieben Tage ausgesorgt hat. Schließlich gibt es ja neben den traditionsreichen Konzerthäusern zudem noch unzählige Kirchen schiffe, Hotel- und Institutssäle, in denen sich immer ein Plätzchen für eine junge Streichquar tett formation oder eine computergenerierte Klanginstallation finden lässt. Und wer ein Fan der Barockoper ist, der kann sich innerhalb von 72 Stunden dreimal glatt die Hände reiben. Dann nämlich, wenn erst Händels „Giulio Cesare“ mit Andreas Scholl auf dem Programm steht. Gefolgt von Rameaus „Les Paladins“ mit William Christie am Pult und der von Hervé Niquet geleiteten Tragédielyrique-Rarität „Sémélé“ von Marin Marais. So versucht Paris also von Woche zu Woche, von Saison zu Saison, seinen Status als vielseitige Weltstadt der Musik zu bestätigen.
Immerhin hat man einiges zu verteidigen. Ein Besuch auf einem Friedhof wie Père-Lachaise reicht schon aus, um das musikgeschichtsträchtige Fundament in gemeißeltem Marmor und gegossener Bronze zu bestaunen. Ihre letzte Ruhestätte haben hier Granden wie César Franck, Hector Berlioz, Claude Debussy und Georges Bizet gefunden. Auch wenn sie zeit ihres Lebens nicht unbedingt auf Händen getragen wurden, so verkörpern sie heute eine Epoche, nach der sich ein Großteil des Pariser Publikums durchaus zurücksehnt, und sie spiegeln einen Geist wider, der sich in dem mehr denn je grassierenden Schlagwort „Patrimoine“ ausdrückt. Die dahinter steckende Kombination aus Nationalstolz und Bewahrung des Kulturerbes ist besonders in der Hauptstadt allgegenwärtig – während in der Provinz, von Straßburg bis Montpellier, die Zeichen längst und erfolgreich auf Erneuerung stehen.
Dieses Festhalten am großbürgerlichen Konservatismus verhindert zumindest auf der großen Pariser Opernbühne weiterhin die nötigen Frischzellenkuren, um eine sich in Konventionalität ergehende und in bloßen Décors wohl fühlende Regietradition abzulösen. Selbst ein Gérard Mortier bekam das auf Anhieb zu spüren, als er 2004 den schweren Job des Direktors der „Opéra national de Paris“ antrat. Kaum hatte er den Spiel plan für die erste Saison der Bastille- und Garnieroper vorgestellt, gleich fiel die Presse über ihn her, da er keine einzige französische Oper berücksichtigt hatte. Und die Reaktionen über seine Vorstellungen von einer experimentierfreudigen Inszenierungskultur, wie er sie als Intendant der Salzburger Festspiele und der RuhrTriennale ausleben konnte, haben in Paris bis heute nicht nur in den Tageszeitungen an Schärfe zugenommen.
Empört geben sich gerade diejenigen, die in den Pariser Speckvierteln Neuilly und dem 16. Arrondissement nobel, aber plüschig residieren. „Hier gibt es kein vernünftiges Feuilleton und keine mutigen Denker. Vergleichen Sie einmal Bernard- Henri Lévy und Jürgen Habermas, dann merken Sie den Unterschied“, konterte Mortier schon 2005. Bevor der gebürtige Belgier 2009 sein Amt an den eher als Steinzeitregisseur bekannt gewordenen Nicolas Joël übergeben wird, muss er sich einerseits weiterhin mit einem monströsen Stab von 1.600 Mitarbeitern herumschlagen. Andererseits kann er mit einem Gesamtetat von rund 150 Millionen Euro aus dem Vollen schöpfen, um weiterhin zwei Häuser mit ihren insgesamt 5.000 Plätzen zu füllen. Das ist Mortier bei allem Gegenwind, den übrigens sein „permanenter Dirigent“ Sylvain Cambreling gleichermaßen abbekommt, immerhin gelungen. Schon nach der ersten Saison stieg der Zahl der Abonnenten um 15 Prozent, die Auslastung liegt inzwischen mit 750.000 Zuschauern in 400 Vorstellungen bei 95 Prozent.

Ausbalancierter Repertoiremix

Mortier achtet bei der Bespielung des Palais Garnier und der Opéra Bastille dabei stets auf einen ausbalancierten Repertoiremix. Im prunkvollen Palais Garnier gibt es Mozartinszenierungen vom inzwischen leicht berechenbaren Altmeister Patrice Chéreau und von Luc Bondy – aber im Mai auch die Uraufführung der Auftragskomposition „Da gelo a gelo“ vom italienischen Klangfeinmechaniker Salvatore Sciarrino (Regie: Trisha Brown). An der Place de Bastille steht hingegen das von Carlos Ott erbaute und 1990 eröffnete High-Tech-Opernhaus, das im Zuge der von François Mitterand initiierten „Grands projets“ entstand. Auch wenn draußen die Silberschale mehr als Patina angenommen hat und weiterhin Netze zum Schutz vor lockeren Fassadenpaneelen herunterhängen – innen ist kein Aufwand zu groß, um Sehgewohnheiten durch einander zu wirbeln. Wie etwa mit Peter Sellars „Tristan und Isolde“, für die der Videokünstler Bill Viola eher esoterische Clips beisteuerte. Der ganz große Coup darf hingegen in der laufenden Spielzeit wohl kaum mehr erwartet werden, egal ob beim von Gilbert Deflo verantworteten „Maskenball“ oder bei der „Louise“ von Charpentier (Regie: André Engel). Als Saisonrausschmeißer gibt es immerhin doch noch einen Clou: mit der Uraufführung der romanesk gesungenen Punkoper „Les temps des gitans“ des Filmregisseurs Emir Kusturica.
Dank Mortier haben sich die Pariser zwar an Regisseuren wie Christoph Marthaler und am „La Fura dels Baus“-Kollektiv reiben dürfen. Zu Hause fühlen sich hingegen die Hausmannskost-Gourmets weiterhin, wenn das Théâtre des Champs-Elysées und das Théâtre du Châtelet mit Eigen- und Gastproduktionen locken. Dann gibt es im Jugendstil-Tempel unweit des etwas abgeblätterten Prachtboulevards einen unter anderem von David McVicar und Irina Brook solide inszenierten Händelzyklus. Bei dem an der Seine gelegenen Théâtre du Châtelet geht dagegen nahezu keine Saison zu Ende, in der nicht der Wahlpariser und texanische Zeremonienmeister Robert Wilson eine seiner schockgefrorenen Haut- Couture-Prozessionen präsentiert. Neben der Salle Pleyel, die ganzjährig ausschließlich als Konzertsaal genutzt wird, bieten die beiden Häuser nicht nur einen Stagionebetrieb, sondern gleichfalls ein umfangreiches Konzertprogramm aus Klassik und Jazz. Und nicht zuletzt trotz der Musealität, die diese traditionsreichen Gebäude der Jahrhundertwende ausstrahlen, ist der Genussfaktor kaum zu überbieten. Zumal man sich im Théâtre des Champs-Elysées als Heimstätte des von Kurt Masur geleiteten Orchestre National de France stets in die Zeit zurückversetzen lassen kann, als hier Anfang des 20. Jahrhunderts das „Ballet russe“ auftrat und sich die ganze Pariser Szene von Picasso bis Satie versammelte.
In den letzten Jahren mussten beide Häuser aber optisch und akustisch grundlegend überholt werden. Eine Maßnahme, die auch bei der 1927 eingeweihten Salle Pleyel überfällig war. Bevor der grundlegend neu gestaltete, jetzt in strahlendes Weiß getünchte Saal jedoch erfolgreich im September 2006 mit einer Aufführung von Gustav Mahlers „Auferstehungs-Sinfonie“ wieder eröffnet werden konnte, hatte er für einigen Gesprächsstoff gesorgt. Nachdem die Staatsbank Crédit Lyonnais den Saal 1998 verkaufen musste, schlug der Unternehmer Hubert Martigny zu. Zunächst als Konzerthaus für die eigene Gattin gedacht, die sich gerne als Dirigentin versucht, steckte er 45 Millionen Euro in den Kauf und den Umbau, um es dem Staat und der Stadt für 1,5 Millionen Euro pro Jahr zu vermieten. 50 Jahre soll dieser Vertrag laufen, bis die Salle Pleyel schließlich in den Besitz von Paris übergeht. Solange bleibt das Haus mit seinen 2.000 Plätzen erste Anlaufstelle für das Orchestre de Paris und seinen Chefdirigenten Christoph Eschenbach. 2012 dürfte dann aber eine neue Zeitrechnung nicht nur für die lokalen, international kaum zur Topliga zählenden Orchester beginnen, zu denen das Orchester der Nationaloper sowie das Orchestre Philharmonique unter Myung Whun-Chung gehören.
Haben Städte wie Lyon, Metz und Dijon mittlerweile Konzertsäle mit allen Schikanen und für alle Ansprüche, soll im Nordosten, im Parc de la Villette, auch für die Hauptstadt das Überfällige Realität werden: Paris bekommt endlich eine moderne Philharmonie. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Cité de la Musique soll auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern ein Saal mit 2.400 Plätzen entstehen – zu einem Schnäppchenpreis von 200 Millionen Euro. Zur feierlichen Verkündung wurde natürlich auch der Pariser Musik-Cäsar eigens aus Baden-Baden ein geflogen: Pierre Boulez. Ohne diesen Komponisten, Dirigenten und Kulturmanager ging schließlich ein halbes Jahrhundert lang vieles gar nicht, wenn es um Visionäres, Avanciertes ging. Von 1955 bis 1967 leitete er die berühmte Neue-Musik-Reihe „Domaine Musical“. 1976 stellte er mit dem IRCAM („Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique“) nahe des Centre Pompidou eine Hochleistungsschmiede für elektronische Musik auf die Beine. Und parallel gründete er das Ensemble InterContemporain, das nun als eines der weltbesten Orchester für zeitgenössische Musik seinen 30. Geburtstag in der Cité de la Musique feiert. Mit einem Konzert am 17. März, bei dem das EIC von Pierre Boulez, vom ehemaligen Chefdirigenten Péter Eötvös sowie von der aktuellen Chefdirigentin Susanna Mälkki geleitet wird.

Die Cité de la Musique will das genaue Gegenteil einer von der Außenwelt abgeschnittenen Kultur-Enklave sein.

Dass das EIC in der Cité de la Musique vis-àvis des alten Schlachthofs von Paris einen idealen Platz gefunden hat, um an sperrigen Partituren zu tüfteln, ist natürlich wiederum Boulez zu verdanken. Ihm zu Ehren ließ Mitterand diesen Gebäudekomplex errichten, der aus einem Museum, dem Konservatorium und einem Konzertsaal besteht. Und seit Anfang 1995 sorgt diese Musikstadt mit über 200 Mitarbeitern und einem Gesamtetat von über 30 Millionen Euro tatsächlich für eine Rundumversorgung aller Musikinteressierten. Ob Avantgarde oder Barock, ob Jazz, Rock oder Weltmusik – das Angebot ist schier grenzenlos. Nicht nur Schulklassen und Konzertbesucher gehören zum Stammpublikum, sondern auch die Neugierigen aus den umliegenden, ärmlichen Banlieues. Denn die Cité de la Musique will das genaue Gegenteil einer von der Außenwelt abgeschnittenen Kultur-Enklave sein. Sie versteht sich vielmehr als „musikalische Kontaktbörse“, wie Laurent Bayle feststellt, der von Boulez zu seinem Nachfolger als Direktor berufen wurde.
In dem von dem Stararchitekten Christian de Pontzamparc konzipierten Projekt lässt sich tagsüber auf den lichtdurchfluteten Musikstraßen flanieren, die den Gehörgängen nachgebildet sind. Von dort aus kann man in die Mediathek mit ihren rund 70.000 Büchern, CDs und Partituren abbiegen. Oder man besucht eine der Wechselausstellungen, die sich mal dem Phänomen „John Lennon“, mal György Ligeti oder der afrikanischen Skulpturensammlung des Komponisten André Jolivet widmen. Ein Schwerpunkt der zahlreichen Aktivitäten der Cité liegt dabei immer auf der Nachwuchsförderung. Neben einem speziellen Forschungszweig über die „Kinderoper“ lernen Kinder genauso spielerisch außereuropäische Musikinstrumente wie modernste Computersounds kennen. Denn die Cité ist gerade in der Hochtechnologie federführend. Hier basteln Interpreten und Komponisten bis hin zu Karlheinz Stockhausen an neuesten elektro-akustischen Experimenten, um sie dann in dem für alle Anforderungen gerüsteten Konzertsaal aufzuführen. Ingesamt für 1.000 Konzertbesucher gedacht, ist in diesem Oval einfach alles möglich. Das hydraulische Parkett ist mit einem Finger zu bewegen, die Seitenlamellen lassen sich auf jeden Klangwunsch einstellen. All dies kommt einer Programmgestaltung zugute, die vom Concerto Köln über einen 24-Stunden-Klaviermarathon mit u.a. Martha Argerich bis zu einem Gastspiel des Ensemble Shin Shin Nanguan aus Taiwan reicht. „So haben wir es geschafft, dass der Altersdurchschnitt unserer Konzertbesucher inzwischen bei 35 Jahren liegt“, sagt Bayle. Wobei jedes Konzert stets gleich anfängt: Mit einer Lichtchoreografie sollen die oftmals gestressten Besucher erst einmal runtergefahren und auf das Konzerterlebnis eingestimmt werden.
Auf ähnliche Nebenwirkungen setzt auch das zweite Prunkstück der Cité: das Musée de la Musique. In neun kontrapunktisch ineinander verschachtelten Ausstellungsräumen ist die gesamte Handwerkskunst der abendländischen Musikgeschichte seit dem 17. Jahrhundert zu sehen. Unzählige, reich verzierte Lauten und Cembali, bizarre Monster wie ein nur über ein Treppchen zu erklimmender Kontrabass, glänzende Posaunen von 1619, abgeriebene Stradivari- Hölzer, Prototypen von Adolphe Sax, verspielte Gitarren von Django Reinhardt und Mini-Statuetten eines hinter wilder Haarmähne versteckten Franz Liszt – die ständig wechselnde Ausstellung der knapp 4.500 Ausstellungsstücke ist ein faszinierender Augenschmaus von den Anfängen der Oper bis zur Gegenwart.


Zwischen Himmel und Erde: Paris gilt spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Hauptstadt der Orgel. Und immer noch stehen über 300 Instrumente in Saft und Kraft.

Über 20 Millionen Touristen überfluten jährlich Paris. Und regelmäßig ist für die Hälfte davon ein Besuch der gotischen Prachtkathedrale Notre-Dame Pflicht. Denn nicht nur optisch und historisch macht sie was her (hier wurden die Häupter von Maria Stuart und Napoleon gekrönt und der Revisionsprozess der Jeanne d’Arc eröffnet), auch als Klangraum ist sie überaus imposant. Besonders dann, wenn das musikalische Herz von Notre-Dame zu pumpen beginnt: das Mitte des 19. Jahrhundert vom französischen Orgelbau-Revolutionär Aristide Cavaillé-Coll restaurierte Instrument mit seinen 8.000 Pfeifen, fünf Manualen und 112 Registern. Hier haben Camille Saint-Saëns und César Franck dem christlichen Glauben mit kühnen Harmonieideen neuen Ausdruck verliehen, machte Louis Vierne von 1900 bis 1937 die Notre-Dame zum Zentrum seiner Orgelsinfonien. Wer diesen Anwälten der großen Orgeltradition Frankreichs als Titularorganist nachfolgen kann, hat es geschafft. So wie Olivier Latry, der seit 1985 diesen Posten bekleidet. Kein Organist wohl kann sich wohl etwas Aufregenderes vorstellen, als irgendwann einmal zu den legendären Musketieren zu gehören, die mit ihren katzenhaften Händen und Füßen die klang vollsten Lungen der Stadt in Atem gehalten haben. Gabriel Fauré und Saint-Saëns gelang das in der tempelartigen Église de la Madeleine, Franck in St. Clothilde, Charles-Marie Widor und Marcel Dupré in St. Sulpice und nicht zuletzt Olivier Messiaen in St. Trinité. Nahezu überall erstrahlen noch immer die berühmten Instrumente von Cavaillé- Coll farbenprächtig und imperial – dank geist vol ler Interpreten und Improvisationskünstler. So bildet der Frankfurter Daniel Roth mit Naji Hakim, Olivier Latry und Jean Guillou das Viergestirn am Pariser Orgelhimmel, der sich abseits der Liturgie besonders an den kostenlosen Sonntagskonzerten öffnet. Bei aller Traditionspflege wartet man aber dann doch auf den Tag, an dem auch eine Frau den Titulargipfel erklimmen darf. Einer Marie-Claire Alain hätte man das gegönnt ...

Guido Fischer


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 1 / 2007



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