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Gidon Kremer

Der Zeitgenosse

Gidon Kremer feiert seinen 60. Geburtstag. Zeit für eine Zwischenbilanz – bevor sich dieser Jahrhundertgeiger wieder in das Abenteuer „Musik“ werfen wird. RONDO verriet er, dass er in Zukunft die Handbremse dennoch ein wenig anziehen will.

Es muss wohl Mitte der 1970er Jahre gewesen sein, als Gidon Kremer mit knapp 30 Jahren erstmals in München gastierte und sich zwischendurch eine kleine Shoppingtour gönnte. Und immer an seiner Seite: der Musikjournalist Wolf- Eberhard von Lewinski, der die Gelegenheit am Schopf gepackt hatte, diesen bis dato nur von russischen Schallplattenaufnahmen her bekannten Ausnahmegeiger für ein TV-Porträt zu begleiten. Erstaunlicherweise deckte sich Kremer aber nicht nur mit Noten aller Art ein, zu seinen Münchner Einkäufen gehörten auch die neuesten LPs der damals angesagten Rockbands Deep Purple und Tangerine Dream.
Heute, nach einer 40-jährigen Karriere, sagt er: „Es ist doch wunderbar, dass längst nicht mehr nur die Musik der Vergangenheit zählt. Für mich war es im mer wichtig, offen für alles zu bleiben und auch gegen Vorurteile zu kämpfen.“ Und dies ist dem vor 60 Jahren, am 27. Februar 1947, in Riga geborenen Letten und Schüler von David Oistrach mit allen technischen Mitteln geglückt. Komponisten wie Alfred Schnittke, Arvo Pärt und Sofia Gubaidulina, die lange hinter dem Eisernen Vorhang versteckt wurden, ebnete er genau so den Weg, wie er zum Botschafter der Avantgarde-Antipoden Henze, Nono und Stockhausen wurde.
Andererseits war es auch der musikalische Enzyklopädist Kremer, der 1996 mit seiner „Hommage à Piazzolla“ den anhaltenden Hype um den Tangopapst auslöste. „Ich kann dieser nostalgischen Energie einfach nicht widerstehen. Sie erlaubt mir, weiterhin zu träumen und zu lieben, was ich tue. Diese Art von Nostalgie berührt mich so, wie mich etwa meine Kremerata Baltica berührt.“ Mit diesem 1997 gegründeten Kammerorchester, aber auch mit dem nun ins 26. Jahr gehenden Lockenhaus- Festival im Burgenland hat Kremer sich so zwei Alternativen zum Konzertbetrieb geschaffen, in denen unter den verschiedensten musikalischen Vorzeichen nur das freundschaftliche Miteinander von jungen Talenten und gestandenen Profis zählt.
Als solistischer Weltenbummler ist Kremer daneben zwar weiterhin unermüdlich. „Das rastlose Reisen macht das Leben für uns Interpreten aber sehr schwierig – worüber selten gesprochen wird. Die eigenen Emotionen ständig dem Publikum auszuliefern, ist etwas, was Geist und Körper nicht gerade mögen. Ohne den antreibenden Effekt der Musik hätte ich diesen wahnsinnigen Lebenswandel schon längst aufgegeben. Immerhin habe ich jetzt den Entschluss gefasst, das Tourneeleben wenigstens etwas einzuschränken.“ Deshalb wird Kremer aber noch längst nicht Rost ansetzen. Für Kremer gibt es immer noch so viel alte und neue Musik, die er endlich dem Praxistest unterziehen will. Wie die späten Streichquartette Beethovens, die bei ihm ganz weit oben stehen.

Neu erschienen:

The Many Musics Of Gidon Kremer

DG/Universal

Reinhard Lemelle, RONDO Ausgabe 1 / 2007



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