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Die Musik und ihr Raum

Hier spielt die Musik

Konzertbesucher wissen: Trifft der richtige Raum auf die passende Musik, dann entstehen Erlebnisse, die sich mit der bloßen Qualität der Interpretation allein nicht erklären lassen. Neben Konzertsälen, Kirchen und Studios buhlen dabei auch Fabrikhallen, Scheunen und sogar Bergwerksstollen um die Gunst des Publikums. Doch kann man diese Erlebnisse auch auf Ton träger bannen? Oder ist der Geist des Ortes ein zu flüchtiges Wesen?

Wir beginnen die Suche nach dem Genius Loci beim nüchternen Wissenschaftler. Wobei Professor Jürgen Meyer, Verfasser der Tonmeisterbibel „Akustik und musikalische Aufführungspraxis“, alles andere als eine prosaische Natur ist. Als Dirigent von Vortragskonzerten liebt er es sogar, seine Erkenntnisse an Ort und Stelle zu beweisen. Drei Fragen sind es, die er für den Steckbrief eines Raumes an erster Stelle beantwortet: „Wann, von wo und mit welcher Frequenz trifft der Schall auf den Hörer?“
Der Charakter des Raums, so lernen wir, ist nämlich mehr als das bloße „Wann“ des Nachhalls, der den Eindruck einer „trockenen“ oder „halligen“ Akustik erweckt. Gerne führt Meyer dem Publikum daher jenen Moment vor, in dem sich auch das „Von wo“, nämlich die ersten Reflexionen des Schalls von den Seitenwänden, spürbar zu Worte meldet: Sie sorgen ab einem gewissen Pegel für das typische Gefühl des Eingehülltseins im Klang, das Konzerterlebnisse deutlich vom Genießen einer Stereoaufnahme unterscheidet. Doch auch, dass Räume auf hohe und tiefe Frequenzen unterschied lich reagieren, prägt ihren Charakter. So stellte Meyer fest, dass moderne japanische Kammermusiksäle eine Spur brillanter klingen als ihre europäischen Pendants: möglicherweise ein Einfluss des Klangideals der CD.
Den Geist der Klassiker, der in manchen legendären europäischen Konzertstätten hausen soll, will der Wissenschaftler mit Nachhallkurven allein nicht dingfest machen. Schließlich wurde mancher Musentempel grundlegend umgebaut – so auch 1911 der berühmte Saal des Wiener Musikvereins. Lasten, die zu Brahms’ und Bruckners Zeiten noch von hölzernen Karyatiden getragen wurden, haben längst Stahlträger übernommen. Und auch Besucher von Bachs Thomaskirche sollten bedenken, dass Denkmalschützer eher Augen- als Ohrenmenschen sind: „In vielen gotischen Kirchen räumt man zwar heraus, was nicht hineingehört, aber man räumt nicht alles wieder hinein, was einmal darinnen war“, sagt Meyer. Weshalb es sich auch lohne, zur Bachkirche nach Arnstadt mit ihrem rekonstruierten Barockinterieur zu pilgern.
Oder die Michaeliskirche in Lüneburg zu besuchen: Sie wurde nach Meyers Berechnungen durch Stoffbahnen zur barocken Klanggestalt zurückgeführt und ist dabei heutigen Konzertsälen ähnlicher geworden. Um erste Daten für seine Berechnungen zu gewinnen, greift Meyer bisweilen auch schon zur Pistole – das Echo, das eine Kirche nach einem Knall aus diesem dramatischen Werkzeug zurückwirft, enthält nämlich in komprimierter Form ihr akustisches Porträt. Genau nahm Meyer auch die Säle des Schlosses Esterházy unter die Lupe – und stellte fest, dass der Komponist den dortigen Nachhall in die Wirkung seiner Streichquartette mit einbezog.
Nicht immer empfängt der Geist des Ortes den Hörer mit offenen Armen. Das weiß auch Sebastian Riederer vom Münchner Tonstudio audiamus zu bestätigen. Er nahm Beethovens Eroica am Uraufführungsort auf: dem „Eroica-Saal“ im Wiener Palais Lobkowitz. „Für Aufnahmen ist der Saal eigentlich denkbar ungeeignet“, sagt Riederer: „Schmal, lang, hoch und mit einer Wölbung. Außerdem ist er auch sehr laut: Die Wände sind glatt gespachtelt und fast so hart wie Marmor.“ Auch wenn Restaurierungsmaßnahmen die Akustik beeinflusst haben mögen, ist sich Riederer sicher: „Der Saal wurde bestimmt nicht aus Gründen der guten Akustik von Beethoven genutzt.“ Wer aber erleben will, welche Kraft der Raum Beethovens überraschend kleiner Orchesterbesetzung verlieh, ist dem Tonmeister für sein Ringen dankbar.

Wahrheit oder Schönheit, Natürlichkeit oder Künstlichkeit?

Wahrheit oder Schönheit, Natürlichkeit oder Künstlichkeit: Objektiv lassen sich diese Fragen nicht beantworten, wenn man sich einem Raum mit moderner Aufnahme- und Wiedergabetechnik nähert. Knut Becker vom kleinen Label harp-records beantwortet sie puristisch. Er gehört zu denen, die sich ganz der „Kugel“ verschrieben haben, genauer: dem Kugelflächenmikrofon. Die äußerlich nicht sehr aufwändig wirkende Apparatur soll Räume besonders sensibel nachbilden, gilt aber auch als gnadenlos ehrlich. Doch genau das ist es, was Becker inspiriert: „Früher hatte ich Angst, dass jemand anderes ‚meine’ Technik benutzt“, gesteht er. „Bis ich gemerkt habe: Das ist nicht die Technik – das bin ich.“ Beckers Sensibilität für Räume und Musiker teilt sich mit: Wenn er von der Suche nach der richtigen Position für das Mikrofon spricht, spannt sich sein Körper an, während die aneinander geriebenen Fingerspitzen un willkürlich die Umgebung zu fühlen scheinen. Glücklich ist Becker, wenn es ihm gelingt, Schönheiten wie ein Konzert in einer winzigen brandenburgischen Dorfkirche so einzufangen, dass die Trompete auch ohne künstlichen Hall glänzt und die warme, kompakte Atmosphäre den Hörer im doppelten Wortsinn berührt.
Auch für Sebastian Riederer spielt das Einfühlungsvermögen des Tonmeisters eine große Rolle: „Die Musiker müssen sich in dem Raum wohlfühlen“, lautet sein Credo. Er betont allerdings auch, dass „Natürlichkeit“ und Technik bei einer Aufnahme keine grundsätzlichen Gegensätze bedeuten. „Unsere Ohren hören mehr als zwei Mikrofone“, sagt er. „Beispielsweise dann, wenn wir ein Gespräch aus dem Stimmengewirr einer Party heraushören.“ Das Gehirn bewertet, was die Ohren aufnehmen. Mit Stützmikrofonen solche Bewertungen zuzumischen, empfindet er daher keineswegs als unnatürlich, sondern oft als notwendig für den ausbalancierten Höreindruck.
Bewerten muss der Hörer auch die neuen Möglichkeiten des Surroundklanges mit seinen rings um den Hörer angeordneten Lautsprechern. Für Riederer steht seine Stereoanlage dem Surrounderlebnis von SACD oder DVD-Audio nicht unbedingt nach. „Gutes Stereo ist wie ein Foto, auf dem man die Dreidimensionalität zwar nicht hat, aber dennoch sieht.“ Bei mehrchörigen Werken, der Doppelchörigkeit der Matthäuspassion oder einem Mahler’schen Fernorchester, ließen sich durch Surround allerdings schon „berückende Wirkungen“ erzielen.
Selbst Andreas Spreer vom Label Tacet, der sich wie wenige in der Klassikszene für das Experimentieren mit den Möglichkeiten des Surroundklangs engagiert, spricht der Stereo-CD die „Natürlichkeit“ nicht ab. Wolle man Werk und Raum allerdings nicht nur abbilden, sondern als Klangregisseur inszenieren, dann eröffne Surround faszinierende, neue Möglichkeiten. So hält Spreer die frontale Sitzordnung im Konzert durchaus nicht für gottgegeben. Wolle man bestimmte Stimmkombinationen eines Kammermusikwerks deutlich werden lassen, könne es sinnvoll sein, die Musiker um den Hörer herum zu positionieren. Und in seiner Version von Mussorgskis „Bildern einer Ausstellung“ lässt er gar den Klavierklang wandern und den Hörer das Tongemälde der Katakomben dreidimensional erkunden. Denn schließlich, so glaubt Spreer, stecke der Geist des Ortes bisweilen auch in der Musik selbst.

CD-Empfehlungen:

Ludwig van Beethoven

Sinfonie Nr. 3

Ensemble 28, Grossmann

Neos/Naxos

Joseph Haydn

Sinfonien Nr. 88 + 101 u.a. (aufgen. im Schloss Esterházy)

Haydn-Philharmonie, A. Fischer

MDG

Impressionen für Trompete und Orgel aus der alten Fischerkirche Ferch

J. Plietzsch, L. Knappe

harp-records/H’art

Maurice Ravel/Modest Mussorgski

Pictures and Reflections

M. Schirmer

Tacet/Gebhardt

Claudio Monteverdi

Marienvesper

Monteverdi Choir London, Gardiner

Archiv/Universal

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 1 / 2007



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