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Lauma Skride

Jeder Monat eine Perle

Wer einen Star wie Schwester Baiba in der Familie hat, durchläuft oft eine schwierige Selbstfindungsphase. Doch die lettische Pianistin Lauma Skride geht selbstbewusst ihren eigenen Weg. Für ihr CD-Debüt holt sie das faszinierende Werk einer Komponistin ans Licht, die selbst lange im Schatten ihres kleinen Bruders stand: „Das Jahr“ von Fanny Mendelssohn-Hensel.

Ich heiße Lauma, ich komme aus Lettland.“ Mit diesen beiden Sätzen musste sich Lauma Skride durchschlagen, als sie nach dem Abitur von Riga zum Studieren nach Hamburg zog. Drei Monate später verstand sie Deutsch. Und heute, knapp sieben Jahre später, spricht sie die Sprache beinahe akzentfrei. Sie redet schnell, fast ohne Punkt und Komma, als wir uns zum Interview in einem Café im Stadtteil Eimsbüttel treffen. Intensiv betrachtet sie die Bilder an den Wänden, die gemütlichen Sitzecken. „Schön ist es hier“, sagt sie – und macht es sich auf einem Sessel bequem. „Das würde auch meinem Freund gefallen, der wohnt ja nur ein paar Straßen weiter.“
Sie selbst hat eine Wohnung im Viertel Winterhude gemietet. Dort wird es bald turbulent zugehen, weil sich die Familie bei ihr trifft. Ihre Mutter kommt aus Rostock. Linda, die älteste der drei Skride-Töchter, reist aus Holland an, wo sie in einem Orchester als Bratschistin arbeitet. Und auch ihre Schwester Baiba, die ebenfalls nach Hamburg gezogen ist, wird zum Essen erwartet. Für die Medien ist sie die große Geigerin, daheim steht sie nicht im Mittelpunkt. Behauptet zumindest Lauma: „Meine Eltern haben nie eine von uns vorgezogen. Ich hatte nie das Gefühl, im Schatten meiner Schwester zu stehen“, meint sie. „Baiba und ich sind beste Freundinnen.“ Gemeinsam gehen die beiden auf Tournee: Lauma spielt Klavier, Baiba Violine. Manchmal treten sie auch bei Kammermusikabenden als Trio mit der Cellistin Sol Gabetta auf. Gegenwärtig konzentriert sich die Pianistin jedoch auf ihre Solokarriere. Dem Angebot, Fanny Mendelssohn-Hensels Klavierzyklus „Das Jahr“ einzuspielen, konnte sie nicht widerstehen: „Es hat mich gereizt, mal ein unbekannteres Werk zu interpretieren. Jeder einzelne Monat war eine Perle für mich.“
Und doch ist die Karriere nicht alles für sie: „Der Beruf allein macht mich nicht glücklich. Ich brauche meine Freunde, meine Familie.“ Darum besucht sie regelmäßig ihren Vater in Lettland. Der ist, wie alle Skrides, Künstler und arbeitet als Chordirigent. Nun, so denkt man sich, war es wohl für seine Töchter Pflicht, an diese Tradition anzuknüpfen. Keineswegs, widerspricht Lauma Skride: „Unsere Eltern haben uns zu nichts gezwungen. Wir wollten freiwillig ein Instrument spielen und musizieren – aus Leidenschaft.“ Man nimmt ihr diese Leidenschaft ab, mit der sie für die Kompositionen von Mendelssohn-Hensel, Rachmaninow oder auch Ravel brennt. Vielleicht wird sie sie bis in die Carnegie Hall bringen, vielleicht auch nicht: „Natürlich würde ich dort gerne auftreten. Aber wenn’s nicht klappt, dann ist das für mich keine Katastrophe. Die Leute sollen Spaß an meiner Musik haben – egal, wo ich spiele.“

Neu erschienen:

Fanny Mendelssohn-Hensel

Das Jahr

Lauma Skride

Sony Classical


Fanny Mendelssohn-Hensels „Das Jahr“

Ein erstaunliches Stück Musik: Zwölf Monate, zwölf Charakterstücke für Klavier in zwölf unterschiedlichen Tonarten. Das erste Werk, das wir mit dieser Grundidee kennen. Ein Jahr nach ihrer Italienreise setzt sich Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohns, an die Komposition. Vom 28. August bis 23. Dezember 1841 dauert die Arbeit. Dabei geht sie nicht chronologisch vor, hat aber einen genauen Plan: Die unterschiedlichen Monate verklammert sie durch tonartliche Verwandtschaften, fließende Übergänge und motivische Verweise. Im „Januar“ beispielsweise, eines der zuletzt komponierten Stücke, werden Motive aus dem Februar, Mai, August und November vorweggenommen. Gleichzeitig zieht sich wie ein Leitmotiv das absteigende Eingangsthema in Begleitfiguren, Gegenstimmen, Seitengedanken höchst subtil durchs ganze Jahr. Musik wird zum Ideenkunstwerk: Einheit in der Vielfalt, lineares Fortschreiten und Wiederkehr des Immergleichen. 1987 wird das Werk nach einer Korrekturhandschrift erstmals herausgegeben. Durch einen erstaunlichen Zufall taucht 1993 die verschollene und mit zahlreichen Änderungen versehene Reinschrift wieder auf: Ein romantisches Gesamtkunstwerk, auf farbigem Papier geschrieben, mit Gedichtzeilen und Zeichnungen von Fannys Ehemann Wilhelm Hensel versehen. Ein bedeutendes, ein in die Zukunft weisendes Stück, pianistisch anspruchsvoll und kompositorisch interessanter als viele Klavierwerke des großen „kleinen“ Bruders.


Dagmar Leischow, RONDO Ausgabe 1 / 2007



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