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Musikstadt

Zürich: Das Brummen der Sponsoren

Tonhalle und Opernhaus der Bankenstadt Zürich spielen ganz vorne mit in der Europäischen Liga der Klangkörper und Musiktheater. Doch Geld allein macht auch in Sachen Kultur nicht immer glücklich. Das findet zumindest Jörg Königsdorf, der die aktuelle Verfassung der klassischen Zürcher Musikszene für RONDO einmal etwas genauer unter die Lupe genommen hat.

Bei Deutschlands Kommunalpolitikern dürfte die Nachricht entweder auf ungläubiges Staunen oder auf blanken Neid stoßen: Anfang März verkündete die Zürcher Regierung, den kommunalen Anteil der Einkommenssteuer für die Bewohner der Stadt um sieben Prozentpunkte zu senken. Ohne einen Franken Schulden, mit stabilisierten Sozialausgaben und einem komfortablen Finanzpolster für magere Zeiten (die freilich für die nähere Zukunft ausgeschlossen zu sein scheinen), wusste man schlichtweg nicht mehr, wofür man das Geld sonst noch ausgeben sollte. Glückliches Zürich: Während überall in der Welt die Metropolen vor dem Bankrott stehen, scheint die Boomtown an der Limmat das Geld aus aller Welt nach wie vor magnetisch anzuziehen. Und eigentlich müsste die Kombination aus wohl gefüllten öffentlichen Kassen und zahllosen profilierungswilligen Unternehmen auch der Kultur paradiesische Bedingungen garantieren. Wo, wenn nicht hier, könnte man sich innovative Konzertprogramme und mutiges Musiktheater leisten, ohne beständig an Auslastungszahlen und klamme Budgets denken zu müssen?
Von jenseits des Rheins aus betrachtet, sieht es wirklich so aus, als ob der Großraum Zürich mit seinen knapp zwei Millionen Einwohnern in den vergangenen 15 Jahren zu einer Musikstadt von internationalem Rang herangewachsen wäre: Während sich das Opernhaus unter seinem Intendanten Alexander Pereira mit 13 Opernpremieren pro Jahr einen festen Platz in den Feuilletons erobert hat und Stars am laufenden Meter präsentiert, schickt sich das 1868 gegründete Tonhalle-Orchester unter seinem Chef David Zinman gerade an, in die Spitzenliga der europäischen Klangkörper aufzusteigen. Dank CD und DVD ist die Musikstadt Zürich selbst in Regionen präsent, deren Bewohner sich vermutlich nie einen Trip in die Schweiz werden leisten können. Über 30 Produktionen der Oper sind mittlerweile auf DVD erhältlich, darunter Raritäten wie Paisiellos „Nina“ (mit Cecilia Bartoli) und Donizettis „Linda di Chamounix“ (mit Edita Gruberova), Operetten, aber natürlich auch ein ganzes Bündel Mozartopern. Auch das Tonhalle- Orchester, das lange unter Chefdirigenten wie Gerd Albrecht und Christoph Eschenbach vor sich hindümpelte, hat seinen neuen Glanz den CDs zu verdanken, vor allem dem Mitte der 90er Jahre erschienenen Beethovenzyklus, der eine nach wie vor überzeugende Synthese aus Originalklangeinflüssen und modernem Orchesterklang bietet. Und sowohl Orchester wie Oper haben gerade noch einmal kräftig an medialer Strahlkraft gewonnen: Mit ihrer Einspielung von Mahlers „Titan“ hat die Zinman-Truppe den Sprung vom Billiglabel „Arte Nova“ in die Hochpreisklasse „RCA Red Seal“ geschafft, und mit „La Bohème“ und „Titus“, beide unter dem Dirigat von Chefdirigent Franz Welser-Möst, liegen die ersten beiden Ergebnisse einer Zusammenarbeit zwischen dem Opernhaus und der EMI vor.

Sponsorenkompatible Kost aus Wohlklang und Startheater

Zürich – ein Klassikparadies? Wenn man mit Peter Hagmann spricht, relativiert sich der erste Eindruck ein wenig. „Musik hat in der Zürcher Bevölkerung keine wirkliche Verankerung“, kritisiert der langjährige Musikredakteur der Neuen Zürcher Zeitung, der als bester Kenner der Szene gelten kann. „Die Leute gehen nur zur Erholung ins Konzert und in die Oper, um am nächsten Tag wieder gestärkt zur Arbeit erscheinen zu können. Alles, was Anstrengung und Auseinandersetzung erfordert, hat einen schweren Stand.“ Neue Musik werde nur auf kümmerlichem Niveau gepflegt, und in der Oper höre das Repertoire 1920 auf. So sei Intendant Pereira beispielsweise nicht zu bewegen gewesen, Schönbergs „Moses und Aron“ auf die Premierenliste zu setzen, obwohl dieses epochale Werk vor 50 Jahren in Zürich uraufgeführt wurde. Wenn aber doch einmal ein zeitgenössisches Stück wie Heinz Holligers 1998 uraufgeführtes „Schneewittchen“ auf dem Spielplan stün - de, sei das Haus rand voll – nur eben nicht mit solventen Bankern, sondern mit jungen Turnschuhträgern.
Der Besuch der neuen „Zauberflöte“ im Opernhaus trägt nicht gerade dazu bei, Hagmanns Kritik zu relativieren. Zwar sitzen nicht nur die Gäste des Sponsors, sondern auch ein paar Schulklassen im Publikum, doch die langweilen sich angesichts von Martin Kusejs unentschlossener Inszenierung und den bleiernen Tempi Nikolaus Harnoncourts herzlich und betrachten lieber die hübschen Neo-Rokoko-Stuckaturen des 1891 erbauten Hauses als die glatt polierten Granitplatten des Bühnenbildes. Ein Einzelfall ist diese misslungene Produktion dennoch nicht, wie nicht zuletzt die DVDs aus dem Opernhaus bestätigen: Statt sein Publikum herauszufordern, liefert Intendant Pereira, der übrigens zehn Prozent aller von ihm eingeworbenen privaten Gelder einstreicht, eben genau die sponsorenkompatible Kost aus Wohlklang und Startheater, die niemanden verschreckt.
In diesem Kontext wirkt das kleine Bartókfestival, das Zinman und András Schiff in der nur wenige 100 Meter entfernten, ebenfalls am Zürichsee gelegenen Tonhalle veranstalten, schon fast tollkühn. Im Saal setzt jedenfalls schon nach Haydns D-Dur-Klavierkonzert ein kleiner Exodus der weißhaarigen Konzertbesucher ein. Auf Bartóks nun weiß Gott nicht verstörende Tanzsuite verzichten etliche Züricher offenbar freiwillig – selbst wenn der Chef am Pult steht. Auf den designierten Tonhalle-Intendant Elmar Weingarten kommt da einiges zu: Wenn er in der nächsten Spielzeit sein neues Amt antritt, muss der ehemalige Intendant der Berliner Philharmoniker nicht nur einen neuen Chef suchen (Zinman hört 2010 auf), sondern auch versuchen, den historischen, 1895 eröffneten Saal mit neuem Leben und neuem Publikum zu füllen. Der Generationswechsel, den Kritiker wie Hagmann längst anmahnen, ist jedenfalls nicht nur in den Führungsetagen der Züricher Klassikinstitutionen, sondern auch im Publikum überfällig.
Am selben Tag, an dem die Meldung über die geplante Steuersenkung erschien, stand übrigens noch ein anderer interessanter Artikel in der Züricher Presse: eine Erinnerung an Othmar Schoeck, einen der ganz wenigen bedeutenden Schweizer Komponisten anlässlich seines 50. Todestags. Auf den Spielplänen von Oper und Tonhalle war davon leider nichts zu merken.


Arien für alle: Eine spektakuläre Abhöraktion sorgt für Aufregung an der Zürcher Oper.

„Grüezi, hier ist das autonome Operntelefon der Stadt Zürich. Zu Ihrer Freude und Unterhaltung haben wir in der Zürcher Oper eine Wanze platziert. In wenigen Sekunden werden Sie live ins Opernhaus verbun den …“ Mit solch einem Anruf der Künstlergruppe „Bitnik“ (www.bitnik.org) werden derzeit zufällig ausgewählte Telefonkunden beglückt und dann tatsächlich live in die Zürcher Oper weitergeleitet. Mit ihrer Aktion „Opera Calling“, die man auch in der Galerie Caba ret Voltaire vor Ort abhören kann, wollen die Initiatoren ei ne Diskussion über Kultur politik und Urheberrecht ansto ßen. Am Opernhaus stößt man damit allerdings auf taube Ohren: Man habe schon einige der Wanzen ausfindig machen können, wolle aber derzeit auf eine Anzeige verzichten. ket


Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 2 / 2007



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