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Der Frankfurter Jazzkeller

Tradition verpflichtet

Noch heute sitzt man auf Originalinventar der Gründungszeit – im ältesten Jazzclub Deutschlands. 19 Stufen führen hinab in eine andere Welt, in der man den Stars der Szene so nahe kommt wie kaum anderswo.

Der Frankfurter Jazzkeller ist der älteste seiner Art in Deutschland, in seiner Kontinuität von Konzept und Ort möglicherweise der älteste in Europa. Gleichzeitig ist er auch ein frühes Beispiel für die Selbstorganisation von Musikern: „Vor einem fachkundigen Publikum sollen moderne Musiker Gelegenheit erhalten, konzessionslosen Jazz zu spielen“, kündigten sie am 24. Juli 1952 in der Frankfurter Neuen Presse an. In einer Zeit, in der deutsche Jazzer ihre Brötchen in den Armyclubs verdienen mussten, brauchte die Szene einen Platz, wo man jammen konnte ohne Rücksicht auf Publikum oder Öffnungszeiten. Der Trompeter Carlo Bohländer fand ihn im Keller eines zerbombten Hauses in der Kleinen Bockenheimer Straße 18a. Mit Unterstützung befreundeter Musiker wurde das ca. 9 x 10 Meter große Gewölbe hergerichtet und im August 1952 eröffnet. Nacht für Nacht jammten hier nach ihren regulären Jobs in den GI-Clubs die Brüder Albert und Emil Mangelsdorff, der österreichische Saxofonist Hans Koller, der ungarische Gitarrist Attila Zoller, die Leipziger Pianistin Jutta Hipp, später auch Heinz Sauer, Volker Kriegel und unzählige andere.
Unter den GIs im Publikum waren häufig Musiker, die einstiegen. Spätere Stars wie die Saxofonisten Joe Henderson und Eddie Harris, der Trompeter Don Ellis oder der Pianist Cedar Walton gehörten zu den regelmäßigen Gästen, solange sie in Frankfurt und umliegenden Städten stationiert waren. Sie alle waren damals noch jung und standen erst am Anfang ihrer Karriere. Doch auch Musiker, die bereits Starruhm genossen, besuchten nach ihren Auftritten in den Konzertsälen der Stadt den Keller, um den Abend stimmungsvoll ausklingen zu lassen. Louis Armstrong, Frank Sinatra und Dean Martin kamen nur zum „hang out“. Dafür zeigten sich andere Stars gerne bereit, mit den Frankfurter Kollegen zu jammen: Dizzy Gillespie, Sonny Rollins, Stan Getz, Elvin Jones und andere. Schwarzweiß-Fotografien an den Ziegelsteinwänden des Kellergewölbes legen noch heute Zeug nis von der großen Geschichte dieses kleinen Clubs ab, der sich immer treu geblieben ist, auch wenn sich seine Umgebung gewandelt hat. In unmittelbarer Nähe zur Goethestraße, Frankfurts nobelster Einkaufsmeile, gelegen, wirkt der Jazzkeller heute fast wie ein Fremdkörper. Hat man den unscheinbaren Eingang aber erstmal entdeckt, führt der Weg 19 Stufen hinab in eine andere Welt.
Noch heute nimmt man Platz auf einfachen Bänken und Holzhockern (Originalinventar aus der Gründungszeit) oder versucht stehend einen Blick an der großen Mittelsäule vorbei auf die Bühne zu erhaschen. Auf dem kleinen Bühnenpodest: ein Konzertflügel, eine professionelle Verstärkeranlage und Platz für ein Schlagzeug, einen Bassisten und ein oder zwei weitere Musiker, ab dann wird’s eng. Der Stimmung hat das noch nie geschadet, im Gegenteil. Seit 20 Jahren von Eugen Hahn geführt, bietet der Jazzkeller heute dienstags, donnerstags, samstags und häufig sonntags Konzerte, die stilistisch meist um den Modern Jazz kreisen, mit Ausflügen hin zu Fusion, Blues, Free oder Latin. Formationen der Frankfurter Szene machen neben Musikern aus ganz Deutschland den Löwenanteil des Programms aus, aber auch amerikanische Stars geben hier immer wieder Gastspiele. Und jeden Mittwoch steigt eine Jamsession: Tradition verpflichtet.

Jürgen Schwab, RONDO Ausgabe 2 / 2007



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