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Vokal total

Recht bescheiden fällt die bisherige Ausbeute des Gluck- Jahres aus, mit Ausnahme von Daniel Behles exzellentem Arienrecital und einer „Orfeo“-DVD mit Bejun Mehta gibt es nichts Nennenswertes zu vermelden. Da freut man sich umso mehr über die Bekanntschaft mit der Gluckschen Version von „La clemenza di Tito“. Ganz ungetrübt bleibt diese Freude auf vokaler Seite – im Gegensatz zum schwung- und spannungsvollen Spiel von L’arte del mondo – allerdings nicht. Rainer Trosts Tenor ist dunkler geworden, seine Höhe spricht in Titos Arien nicht mehr so leicht an. Eher hemdsärmelig, wie man es von ihr gewohnt ist, geht Raffaella Milanesi an den Sesto heran, ihr gelingen zwar durchaus eindrückliche Momente, gleichzeitig stößt sie aber auch immer wieder an stimmliche Grenzen. Die scheint Laura Aikin erfreulicherweise (fast) nicht zu kennen, ihre Vitellia begeistert durch glutvolle Vehemenz und mitreißende Virtuosität. Auf ebenso hohem Niveau liefert Valer Sabadus seinen Annio ab. Wie ein Counter nicht klingen sollte, demonstriert der hysterische Flavio Ferri-Benedetti als Publio. Arantza Ezenarros durchaus effektvolle Servilia sprengt etwas zu gewollt die vokalen Grenzen einer ‚seconda donna‘. deutsche harmonia mundi/Sony

Bejun Mehta präsentiert sich momentan nicht nur mit dem schon erwähnten „Orfeo“, sondern ist auch in die Titelrolle von Händels „Orlando“ geschlüpft. Der Countertenor überrumpelt gewiss nicht durch die Schönheit seiner Stimme (schon gar nicht in der Höhe!), sondern überzeugt durch seine Expressivität und technische Meisterschaft, er ist stets auf der Suche nach der dramatischen Wahrheit einer Szene, eines Charakters. Genau deshalb schätzt René Jacobs ihn so sehr, der am Pult des B’rock Orchestra einmal mehr demonstriert, was für ein überragender Affektschilderer und Geschichtenerzähler er ist. Auch die übrige Besetzung kann sich hören lassen: die entspannt und gelöst singende Kristina Hammarström, der bewegliche und koloratursichere, dabei klangsatte Bass von Konstantin Wolff sowie die beiden Sopranistinnen Sophie Karthäuser (die hier allerdings härter klingt, als ich sie im Ohr hatte) und Sunhae Im, die sich mit ihrem prononcierten vokalen Agieren unüberhörbar als Jacobs-Adeptin outet. Archiv Produktion/Universal

Eine mehr als erfreuliche Neuveröffentlichung wäre auch der „Siroe“-Mitschnitt von den letztjährigen Händel-Festspielen in Göttingen – wenn man für den Titelhelden eine adäquate Besetzung aufgeboten hätte. Doch Yosemeh Adjei verfügt weder über einen klangschönen noch einen sicheren Countertenor und ist mit seiner völlig unausgeglichenen Stimmführung nicht annähernd in der Lage, die Partie zu tragen. (An die großartige Ann Hallenberg in der Spering-Aufnahme darf man ohnehin nicht denken!) Solch einen Vokal-Totalausfall kann auch das tolle übrige Ensemble nebst dem wirklich inspirierten und inspirierenden Laurence Cummings nicht ausgleichen. Accent/Note 1

Auf die Besetzung der Titelrolle hätte man auch in Ingolstadt bei der konzertanten Aufführung der „Ginevra di Scozia“ von Donizettis Lehrer Simon Mayr mehr Sorgfalt verwenden sollen. Myrtò Papatanasiu geht im Bestreben, die Stimme unter Kontrolle zu halten, ihre Aufgabe allzu vorsichtig und zurückhaltend an, zudem öffnet sie sich in der nervösen Höhe nicht so frei – und wohlklingend –, wie man sich das wünschen würde. Da mit einer Ausnahme auch die Kollegen nicht gerade berücken, erweist sich dieser Mitschnitt als One-Woman-Show: Anna Bonitatibus macht schon in ihrer Auftrittsarie mit Aplomb klar, dass dies ihr Abend ist. Oehms Classics/Naxos

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 4 / 2014



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