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Nikolaus Harnonourt; (c) Marco Borggreve

Café Imperial

Mozart hat nicht einmal ein eigenes Festival. Rossini schon. Johann Strauß hat nicht. Franz Lehár hat. Nämlich in Bad Ischl, wo der Meister der „Lustigen Witwe“ lebte und starb. Seit über 50 Jahren mag die Zahl der Hirschhornknöpfe im Parkett hier die Sitzplätze gelegentlich um ein Vielfaches übersteigen. Unter Intendant Michael Lakner setzt man indes verstärkt auf Wiederentdeckungen wie „Frasquita“, „Eva“ und in diesem Jahr Leo Falls „Die Kaiserin“ (erscheinend auf cpo). Auch „Der Graf von Luxemburg“, die wohl drittbeste Operette Lehárs (nach „Witwe“ und „Land des Lächelns“) wird, obwohl meisterhaft, nur noch selten aufgeführt. Hier schon. „Der Graf von Luxemburg“ ist Lehárs „Bohème“. Der verarmte Operettenadelige René, selbst ein verkrachter Künstler, lässt seinen Titel für Geld erheiraten. Dafür prägt man in der Aufführung unter Marius Burkert den treffenden Ausdruck „Pro(sti)tektion“. Das „Chat noir“ – Lehárs Variante von Puccinis „Café Momus“ – ein Ausbund der philosophischen Revue-Hintertreppe. Für Glitzer, dessen kann man bei Regisseur Wolfgang Dosch sicher sein, ist hier in der kleinsten Hütte Platz. Außerdem weiß das Ischler Publikum, dass man vor dem Regietheater hier einigermaßen gefeit ist. Operette, das ist ihr bauernschlauer Witz, gilt für zu simpel, um ‚dekonstruiert’ zu werden. Die Sänger kennt man vom legendären Café Zauner um die Ecke. Josef Forstner gibt den ausgetricksten Fürst Basil als eine Art salzkammerguten James Finnlayson (den Haudrauf aus „Dick & Doof“). Regina Riel als Angèle Didier ist rothaarige Eiskönigin und der Graf, Reinhard Alessandrini, ein Tirolerischer Don Giovanni im Frack. Köstlich! Am nächsten Abend gibt’s dann „Gigi“ von Frederick Loewe mit jenem Hit-Song, der nur noch in Spezialfestivals ungesühnt über die Rampe flutscht: „Thank Heaven For Little Girls!“ Dem Kaiser- Himmel sei dank für dieses Festival.
In unser Wiener Stammcafé Imperial sind wir noch immer nicht zurückgekehrt. Stattdessen räsonieren wir heute im „Café Tirolerhof“, wie wir hier früher immer nach CD-Beutezügen im „Da Caruso“ unsere Neuerwerbungen bestaunt haben. Denn „Da Caruso“, gleich links neben der Oper, gibt es seit einem halben Jahr nicht mehr. Der kleine Fetisch-Laden, besonders für Fans von Vokalmusik, war der vorletzte einer langen, traurigen Galerie von Wiener CDGeschäften, die in den letzten Jahren geschlossen haben. Als ich kürzlich mit dem Wiener Staatsoperndirektor Dominique Meyer zusammen saß, ließen wir die ganzen Läden noch einmal Revue passieren, die wir alle noch kannten und die geschlossen sind: „Carola“, „Ascolta“, „Hifi Preiser“, „Schallplattenwiege“ etc. Jetzt gibt es nur noch „Gramola“ auf dem Wiener Graben.
Dabei florieren die Live-Konzerte. Gleich zu Beginn der neuen Saison gastiert das Cleveland Orchestra unter Welser-Möst zwei Mal im Musikverein (14./15.9.). Einen Prokofjew- Dvořák-Zyklus bietet das Tschaikowski-Symphonie Orchester (ehemals Moskauer Radio- Sinfonieorchester) unter Fedosseev. Derlei gibt’s nur in Wien. Nur noch hier lässt sich auch Nikolaus Harnoncourt sehen (11./12.10. mit dem Concentus). Im Konzerthaus gastiert immerhin John Eliot Gardiner mit den English Baroque Soloists (28.9.). Philippe Jordan beginnt seine Arbeit bei den Wiener Symphonikern mit einem Schubert-Zyklus (3.10.). Und Elīna Garanča startet die Tour zu ihrer neuen CD mit Sakro-Schmusereien nirgendwo anders als in Österreich: zunächst in Graz (12.10.) und am 14.10. im Wiener Konzerthaus.
Im Theater an der Wien bietet man Tschaikowskis sehr schöne „Charodeyka“ („Die Zauberin“) in einer Neuinszenierung von Christof Loy (ab 14.9.). An der Staatsoper gibt’s einen neuen „Idomeneo“ mit Michael Schade (ab 5.10.). Fast interessanter dürfte hier Wagners Repertoire-„Holländer“ mit Bryn Terfel (3./6./9./12.9.) sein. Und dann gibt es noch eine Ehrenrunde für Edita Gruberova in ihrer besten Rolle – in „Roberto Devereux“ (9./13./17.10.). Die hören wir uns danach nochmal auf CD an. Hoch lebe ihre klassische Aufnahme von 1993!
Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2014



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