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Bartoli deluxe: Gioachino Rossinis »Otello«

Zürich (CH), Opernhaus

Sie jauchzt und maunzt. Kiekst und knickert, wie eh und je. Cecilia Bartoli, noch immer die süßeste Versuchung, seit es Mezzosoprane gibt, macht pro Jahr nur eine einzige Opernproduktion – inklusive Rollendebüt. Hinzu kommt ein Album alle zwei Jahre (womit sie diesmal bereits überfällig ist!). Eine Rarität und Gelegenheit also sind alle ihre Opernauftritte. So wie jetzt in Zürich, wo sie lebt. An ihrem Lieblingshaus.
Rossinis »Otello« von 1816 – nicht zu verwechseln mit Verdis Spätwerk! –, war einstmals die berühmtere Version. Insgesamt sechs Tenöre scharwenzeln um die heiratsfähige Desdemona, Tochter aus reichem Venezianer-Hause, herum. Hier geht’s, zumindest anfangs, nicht um Eifersucht und Mord. Sondern um Eheschließung mit einem anstößigen, weil dunkelhäutigen Bräutigam.
Viel Chauvinistisches hat Rossini hier zum Gegenstand gemacht. Aber auch etliche Buffo-Töne sind in der kongenialen Inszenierung von Moshe Leiser und Patrice Caurier (den Haus- und Hof-Regisseuren der Bartoli) wiederanzutreffen und vorzüglich gedeutet. Otello nämlich wird hier viel eindeutiger – und bei aller Gemütlichkeit – Opfer rassistischer Ausgrenzung. Ein rasend spannender Plot! Und wie fantastisch gesungen von tatsächlich vier unterschiedlichen Rossini-Tenören (die zwei weiteren wurden gnädigerweise gestrichen).
John Osborn in der Titelrolle steigert feinen Belcanto druckvoll in Richtung Helden-Hahnrei. Javier Camarena (als Wunsch-Schwiegersohn Rodrigo) rivalisiert mit süß schmeichelnden Obertönen. Und Edgardo Rocha als Jago mischt giftige hohe C’s in diese Tenor-Orgie deluxe. Hinzu kommt Ilker Arcayürek als süß charmierender Gondoliere. Ein Fest ist das – nicht nur dank einer die Töne kondensierenden, in Tränen quillenden und ergreifend sterbenden Bartoli. Dirigent Muhai Tang ist wach bei der Sache. Eine DVD scheint geplant. Gut so! Cecilia Bartoli ist hier noch dazu wunderbar ausstaffiert: halb draller Backfisch, halb kokettes Entlein. Wer zum Operntouristen nicht geboren ist, kann es hier werden.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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